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Ringvorlesung „Konflikte in Gegenwart und Zukunft“ Kostenlose Pedelecs für Mitarbeiter

„Das Auto ist der Deutschen liebstes Kind“, sagt Professorin Birgit Blättel-Mink von der Goethe-Universität in Frankfurt. „Und das ist unser Problem.“

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Professorin Birgit Blättel-Mink referierte, Dr. Johannes Becker moderierte.

Quelle: Freya Altmüller

Marburg. Während der Ringvorlesung „Konflikte in Gegenwart und Zukunft“ hielt die Soziologin einen Vortrag zum Thema „Mobilität im Wandel: Teilen statt besitzen? – Sozialwissenschaftliche Einblicke“. Nach einer Studie des statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2015 bevorzugen 55 Prozent der Befragten das Auto als Verkehrsmittel im Alltag. Nicht einmal 20 Prozent nutzen den öffentlichen Nahverkehr, 14 Prozent das Fahrrad und 12 Prozent gingen zu Fuß.

Durch die Straßen werde die Landschaft versiegelt, die Biodiversität nehme ab, das Auto „erlege“ Wildtiere und Kleinlebewesen, der Kohlendioxid-Ausstoß verursache den Klimawandel sowie Verkehrslärm und Abgase seien Grund für Krankheiten, sagte die Referentin. „Das Auto würde heute als Verkehrsmittel nicht mehr eingeführt werden“, warf ein Zuhörer ein.

Es bedürfe einer nachhaltigen Mobilität. Ein Modell wie Car-sharing sei aufgrund der Tatsache, dass die meisten Deutschen ein Mobiltelefon zur Verfügung hätten, prinzipiell möglich. Bisher werde es nach Angaben des Bundesverbandes Carsharing jedoch nur von 1,5 Prozent der Führerscheinbesitzer genutzt.

Diskrepanz zwischen Einstellung und Handeln

Bei der Wahl des Verkehrsmittels seien auch die Erwartungen des sozialen Umfelds wichtig. Ein Mann beispielsweise würde tagsüber durchaus öffentliche Verkehrsmittel nutzen, abends zum Fußballspiel mit Freunden aber mit dem Auto als Statussymbol kommen.

Häufig gebe es eine Diskrepanz zwischen Einstellung und Handeln. Menschen mit hohem Umweltbewusstsein verhielten sich nicht unbedingt in allen Lebensbereichen nachhaltig. „Es gibt gut gebildete und hoch situierte Familien, die ökologische Lebensmittel kaufen, aber einen SUV fahren“, sagte Blättel-Mink. Ältere Menschen mit geringem Einkommen und wenig Umweltbewusstsein, die wenig Auto fahren, handelten daher nachhaltiger.

Dr. Johannes Becker vom Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität, der die Ringvorlesung organisiert hatte, sagte, man könne nicht nur auf Einsicht setzen, sondern müsse auch Angebote schaffen. Blättel-Mink berichtete, die Technische Universität Darmstadt habe ihren Mitarbeitern für ein Jahr kostenlos Pedelecs zur Verfügung gestellt.

Viele seien begeistert gewesen, auch bei Kälte und weiten Strecken mit den Elektrorädern gefahren. Für die Wiederaufladung der Batterien gebe es jedoch noch nicht die optimale Lösung. Die Elektromobilität als Alternative werde sich im Individualverkehr voraussichtlich nicht durchsetzen, erklärte die Soziologin. Stattdessen werde sie sich eher im Carsharing, in Flotten und Fuhrparks wiederfinden.

Idee: „Dorfauto“, das alle Bewohner nutzen können

Bei Angeboten wie Mitfahrgelegenheit und Take my car, bei denen Privatleute über eine Plattform Fremde in ihrem Auto mitnehmen oder es verleihen, spiele Vertrauen eine wichtige Rolle. Ein Zuhörer warf ein, wenn solche Plattformen sich ökonomisierten, würden sie an Attraktivität verlieren. „In dem Moment, wo sie profitorientiert werden, stehen sie im Wettbewerb und damit ihnen andere nicht das Geschäft kaputt machen, müssen sie wachsen,“ sagte Blättel-Mink.

Im Vogelsbergkreis habe im Zuge der Daseinsvorsorge des Landes ein Workshop in einer kleinen Kommune stattgefunden, die an der Idee eines „Dorfautos“ arbeitete. Das Fahrzeug solle für alle zu nutzen sein und auch für Fahrdienste genutzt werden, wie zum Beispiel ältere Bewohner zu Veranstaltungen abzuholen.

von Freya Altmüller

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