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Korrekte Klamotten aus dem Keller

Projekt "artgerechtes" Korrekte Klamotten aus dem Keller

Sie wollen aufrütteln und anklagen - und sie wollen gut dabei aussehen. Eine Gruppe Studenten tritt mit dem Projekt „artgerechtes“ den Beweis an, dass ökologisch und sozial korrekt hergestellte Kleidung nicht nur modisch ist, sondern auch Gutes bewirkt.

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Student Alexander ist der Herr des Siebdruck-Karussells. Mit blauer Farbe bedruckt er einen Jutebeutel mit dem Spruch: „Free from the Bla Bla“, übersetzt: „Frei von Bla Bla“. Foto: Marie Lisa Schulz

WG-Hund Eddie ist Schwanzwedel-müde. Er hat es sich abgewöhnt, jeden Besucher persönlich zu begrüßen. Zu viele sind es, die jeden Tag in der WG in der Neuen Kasseler Straße vorbeischauen. Er verkriecht sich lieber unter dem Küchentisch. Nicht der ruhigste Ort. Denn der alte Tisch ist das Herzstück der Wohnung. Hier werden Ideen entwickelt und wieder verworfen, neue Projekt geplant und alte beendet. Hier wird geraucht und Tee getrunken - hier wird gelebt. „An diesem Tisch ist die Idee zu dem Projekt ‚artgerechtes‘ entstanden. Hier haben sich schon viele Menschen getroffen, die die Einsicht teilen, dass durch gemeinsames Handeln Dinge verändert werden können“, sagt Karl, 26, Geografiestudent, Idealist und Macher. Er hat sich einer Gruppe von Studierenden angeschlossen, die die Klamottenwelt ordentlich umkrempeln wollen. Vor sieben Jahren entstand die Idee zu „artgerechtes“. Das Ziel: Kleidung produzieren, die nicht nur ökologischen Kriterien entspricht, sondern auch unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt wird. T-Shirts, Pullis und Taschen beziehen sie von ausgewählten und sorgfältig überprüften Großhändlern - das Bedrucken der Stoffe übernehmen die Mitglieder der Gruppe. Handarbeit statt Massenabfertigung. „Wir wollen beweisen, dass Klamotten auch gut aussehen können, wenn sie korrekt hergestellt werden“, erklärt Angelica, Studentin der Erziehungs- und Politikwissenschaften. Die 23-Jährige investiert jede freie Minute in das Projekt. Manchmal sogar bis zu 20 Stunden pro Woche. Ein Halbtagsjob.Nur leben kann sie davon nicht. Ihre Bezahlung ist die Gewissheit, das Denken einiger Menschen zu verändern.

Denn die Herstellung und der Vertrieb der Kleidung ist nur ein Teil des Projektes. Ein entscheidender. Denn irgendwann will die Studentengruppe Geld damit verdienen. Losgelöst von kommerziellem Interesse wurde parallel der „Fairein Artgerecht e.V.“ gegründet. Im Mittelpunkt steht die Aufklärungsarbeit. Die Mitglieder der Gruppe gehen in Schulen und Unternehmen, nehmen an Projekttagen oder ausgewählten Veranstaltungen teil. „Wir wollen erreichen, dass man das, was man doof findet, nicht nur theoretisch doof findet. Da steckt schon ein gewisser Idealismus dahinter“, erklärt Benedikt, 25, Biologie-Student.

Idealismus hin oder her: die Uni geht vor

„Theoretisch doof finden“, das reicht also nicht. Handeln ist gefragt. Und Handeln bedeutet hier körperliche ­Arbeit. Im Gänsemarsch geht es raus aus der WG, weiter über einen kleinen Hof, rein ins kalte Kellergewölbe. Hier haben sie in den vergangenen Monaten einen kleinen Kino­saal aufgebaut, in dem künftig Schulungen durchgeführt und ­Vorträge ­gehalten werden sollen. Im gleichen Raum steht auch der ganzer Stolz der Idealisten: eine Siebdruckmaschine. Sie erlaubt es der kleinen Studentengruppe, auch große Bestellungen abzuwickeln. Die Maschine zu bedienen erfordert Fachwissen, handwerkliches Geschick und ein bisschen Muskelkraft. Gekauft haben sie das Siebdruck-Karussell im Internet. Wie es funktioniert - das hat ihnen niemand gezeigt. Ausprobieren lautete die Devise. Und immer wieder Youtube-Videos, in denen die Grundzüge erklärt werden, anschauen. Irgendwie hat es funktioniert. Und so drucken sie. Mehrmals pro Woche. Shirts, Pullis, Taschen. Die Motive sind Eigenkreationen. Manche von lokalen Künstlern, andere von Mitgliedern der Gruppe.

Mit kleinen Veränderungen im Alltag großes Bewegen

Auch Hund Eddie hat es schon auf eines der T-Shirts geschafft. Sein Konterfei ist zu einem Verkaufsschlager geworden. Mittlerweile gehen Bestellungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum ein. Die Umsätze reichen trotzdem nicht, um ein Gehalt auszuzahlen. Aber das stört die Idealisten wenig. Irgendwann mal, so hoffen sie, bleibt auch etwas für sie hängen. Bis dahin drucken sie in der kleinen Siebdruck-Manufaktur im kalten Hinterhof-Keller weiter. Zahlen weiter die Miete für ihr kleines Büro inmitten der Studenten-WG. Versuchen weiter ihr Umfeld für das Thema „korrekte Klamotten“ zu sensibilisieren.

Artgerechtes: Korrekte Klamotten aus dem Keller

Aber, Hand aufs Herz, ­liebes artgerechtes-Team, sind die Kleidungsstücke in eurem Schrank wirklich alle unter ökologisch und sozial korrekten Aspekten produziert? Kurzes Murmeln, kurzes Zögern. Dann das klare Bekenntnis: Nein! Die ein oder andere Sünde aus einem Leben vor der Projektarbeit hängt noch immer am Bügel. Aber das, so sind sich alle einig, sei auch nicht das Problem. Vielmehr gehe es darum, das Konsumverhalten künftig zu ändern. Wieso nicht einfach Kleidung mit Freunden tauschen oder im Second-Hand-Laden einkaufen? „Am einfachsten ist es doch, mit alltagsnahen Veränderungen anzufangen“, erklärt Angelica, während sie mit Hilfe eines Industrieföns eine der frisch bedruckten ­Jute-Taschen trocknet. Sie weiß: das reine Gewissen, das manche Klamottenhersteller, mit dem Kauf ihrer Ware versprechen, ist eine Mogelpackung. Nur weil „ökologisch“ draufstehe, bedeute das nicht, dass die Kleidung auch so produziert wurde. „Die großen Marken überprüfen sich selbst“, erklärt sie den Etikettenschwindel - und packt ihre Tasche. „Ich muss zur Uni“ - sagt die 23-Jährige gestresst. Ein ganz normaler Tag im Leben eines Idealisten - morgens Projektarbeit, mittags Uni, abends wieder Projektarbeit. „Aber das ist es wert“, sind sich alle einig.

  • Mehr über „artgerechtes“ und den „Fairein“ unter artgerechtes.de. Mitmach-Tag am Samstag, 30. November, in der Siebdruck-Manufaktur, Neue Kasseler Straße 3 1/2.

von Marie Lisa Schulz

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