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"Konsument ist ein hilfloses Geschöpf"

Regionalkonferenz "Nachhaltig Handeln" "Konsument ist ein hilfloses Geschöpf"

Konsumgesellschaft versus Nachhaltigkeit: Mit der Schattenseite globaler Konsumtrends haben sich Referenten und Teilnehmer der Regionalkonferenz "Nachhaltig Handeln 2016" beschäftigt.

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Wege aus der „Konsum-Verstopfung“: Vor rund 100 Zuhörern durchleuchtete Dr. Niko Paech die Schattenseite der modernen Konsumgesellschaft.Foto: Ina Tannert

Marburg. Tipps für eine nachhaltige Zukunft gab unter anderem der Wachstumskritiker Dr. Niko Paech von der Universität Siegen. Mit klaren Worten stellte er die moderne Konsumgesellschaft an den Pranger und führte nachhaltige Alternativen ins Feld, nahm seine Zuhörer mit in eine fiktive Welt ohne Wohlstand und mit erstaunlich zufriedenen Bewohnern.

In einem historischen Rückblick zeichnete der Volkswirt die Entwicklung des modernen Verbrauchers nach, der sich vom Jäger, Sammler und Selbstversorger zum modernen, fremd-versorgten Konsumenten entwickelte. Gab es in der Vergangenheit noch gar keinen Konsumwohlstand, drehe sich die moderne Welt nur noch um die Befriedigung der Konsumnachfrage. Dabei sei der Konsument „das hilfloseste Geschöpf, das es je gab“, betonte der Volkswirt. Versagt man diesem den Konsum, sterbe es angesichts verloren gegangener Selbsterhaltungskräfte sofort aus. Der Drang, immer weiter und immer mehr als andere zu konsumieren, um eine vermeintliche, „materialisierte Freiheit“ zu erreichen, stehe im Vordergrund, „während der Verbraucher innerlich verkümmert“. Dr. Paech nennt dieses System auch „Konsum-Verstopfung“.

Verlierer dieses doppelten Prinzips sei die Erde, die zur Befriedigung des Konsums ausgebeutet werde, so der Professor zum Thema Klimaschutz. Dieser sollte eigentlich dazu führen, das ökologische Fundament zu schützen - „aber wir zerstören die letzten Lebensgrundlagen“.

Um diesem Teufelskreis entgegenwirken zu können, sei es obligatorisch, den menschlichen Verbrauch, den überbordenden Raubbau grundlegend zu reduzieren. Sich ausschließlich auf der Energiewende auszuruhen, reiche nicht aus. Nach dem Prinzip der Postwachstumsökonomie könne der Mensch durch eine nachhaltige Veränderung des eigenen Lebensstils lernen, mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen gut zu leben. Damit könne jedermann schon im Kleinen anfangen: beim Einkauf, bei der Wahl des Transportmittels. Der Verbraucher sollte sich kritisch hinterfragen, was und wie viel konsumiert werden müsse - und warum. Ziel sei es, sich „aus der Lawine aus Überfluss“ zu befreien, den „Konsum zu entschleunigen“ und ein reduziertes Wirtschaftssystem zu schaffen, das weniger Energie und Ressourcen verbraucht.

Zwei Tage lang hatten rund 200 Teilnehmer der Regionalkonferenz in Workshops, Vorträgen und Mitmachaktionen die Möglichkeit, sich intensiv mit dem Thema Konsum auseinander zu setzen. Zahlreiche regionale Initiativen stellten sich während der Tagung vor, die vom BNE-Netzwerk „Nachhaltig Lernen Region Marburg“ und unter der Trägerschaft des Jugendwaldheims Roßberg organisiert wurde. Die Schirmherrschaft übernahmen Landrätin Kirsten Fründt und Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies, die sich auf der Unterschriftenliste der Erd-Charta für nachhaltige Entwicklung verewigen ließen.

„Wir hatten viele interessierte Besucher, die sich umfassend über Nachhaltigkeit informierten und erste Ideen für neue Initiativen entwickeln konnten“, zog Florian Rüther vom Verein Jugendwaldheim ein positives Fazit der Konferenz. Ein besonders „faszinierendes Ergebnis“ der Tagung war die Forderung nach nachhaltigen Wirtschaftsstrukturen, die stärker von der politischen Ebene reguliert werden müssten. Wie aus den Gesprächsrunden hervorging, würden dies wohl auch die meisten Unternehmen begrüßen, um „mit mehr Planungssicherheit nachhaltiger und wirtschaftlicher arbeiten zu können - doch das scheint von politischer Ebene nicht gewollt zu sein“, vermutet Rüther.

von Ina Tannert

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