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Konkurrenz bei der Kinderbetreuung

Spiel- und Bewegungsstunde für Flüchtlinge Konkurrenz bei der Kinderbetreuung

Der TSV Cappel und Sportstudenten riefen 2015 eine Spiel- und Bewegungsstunde für Flüchtlingskinder ins Leben. Doch seit Wochen liegt das Projekt auf Eis, weil sich die Betreuungsangebote in Gisselberg ballen.

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Bewegung, Spaß und Teilhabe: Fotos erinnern noch an die turbulente Bewegungsstunde in der Sporthalle des TSV Cappel.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Dutzende Fotos erinnern noch an den Trubel der allwöchentlichen Spiel- und Bewegungsstunde in der Cappeler Sporthalle: Zahlreiche lachende Kinder flitzen durch die Halle, hüpfen auf dem Trampolin, turnen über Matten und Böcke oder sitzen in einem großen bunten Schwungtuch zusammen, gemeinsam gehalten von Sportlern und den Eltern der Camp-Kinder.

Im Mittelpunkt der Aktion stand der Spaß an der Bewegung und nicht zuletzt die Integration der Kinder. Was im Herbst vergangenen Jahres als gemeinschaftliches Flüchtlingsprojekt des TSV Cappel und des Sportinstitutes der Universität begann, musste nach nur wenigen Monaten schon wieder auf Eis gelegt werden. Dabei wurde das sportliche Angebot sehr gut angenommen, zeitweise nahmen bis zu 40 Kinder teil, „es war toll und hat den Kinder so viel Spaß gemacht“, sagte Hermann Dany, Zweiter Vorsitzender des TSV.

Heute zur selben Zeit ist die Halle leer. Der Grund: Nachdem das Flüchtlingsportal Gisselberg im Januar seine Pforten öffnete, blieben die Kinder aus. Die werden nun vor Ort in der Anlaufstelle betreut, und das kollidiert mit dem Trainingsplan des Vereins. „Das Angebot liegt auf Eis - das bedauern wir sehr, dabei wollten wir doch eigentlich etwas Nachhaltiges auf die Beine stellen“, sagt Dany.

Bedauern herrscht auch auf Seiten der Initiatorin. Betreut wurde die Bewegungsstunde von Studenten des Instituts für Sportwissenschaft und Motologie der Universität. Im Rahmen eines Seminars über Migrationsforschung setzen sich die Lehramtsstudenten mit dem Thema Rassismus sowie der Bedeutung von Sport und Bewegung als Möglichkeit der Integration auseinander, arbeiteten dafür spielerisch mit den Kindern zusammen. „Über den Sport und das gemeinsame In-Bewegung-sein lassen sich Hürden abbauen. Es entsteht eine Gemeinsamkeit, ein Austausch und Kommunikation“, erklärt Seminarleiterin Lea Spahn. Ihre Idee, die Betreuung der Camp-Kinder durch ein Sportangebot zu erweitern, kam gut an, „die örtliche Nähe und Bereitschaft des Vereins war perfekt“, lobt die studentische Hilfskraft. Jede Woche holte die Seminargruppe nach Rücksprache mit den ehemaligen Campbetreibern und Eltern die Kinder ab und brachte sie zur Sporthalle des TSV.

„Alles konzentriert sich auf einen Fleck“

Nach der Eröffnung des Flüchtlingsportals arbeiteten die Studenten nun vor Ort in Gisselberg mit den Kindern, zwangsläufig ohne Mitwirkung des TSV Cappel. Verständnis zeigt die Studentin jedoch für die organisatorischen Hürden des Zentrums. „Dort gibt es eine zentrale Kinderbetreuung, es ist schwierig, einzelne Kinder für das Sportangebot im Camp zu lassen“. Als Grund für das Aus der Bewegungsstunde im nahen Cappel sieht sie nicht nur die örtliche Distanz, auch die gesunkene Bewohnerzahl des Camps spielt eine Rolle: „Im Moment sind quasi keine Kinder da“. Generell hält sie dabei verschiedene Angebote an unterschiedlichen Orten für sinnvoll. „Es ist ein Zwiespalt, ich würde mir sehr wünschen, dass es in Cappel weitergeht, aber wir müssen uns auch den Gegebenheiten anpassen und wollen die Abläufe im Camp nicht stören“, so das Fazit der Studentin.

So sinnvoll auch der Vereinsvorstand das Flüchtlingsportal findet - ehrenamtliche Aktivitäten in der Flüchtlingshilfe wie die Sportstunde des in direkter Nachbarschaft zum Camp sitzenden Vereins werden dadurch zwangsläufig beendet, die flächendeckende Integrationsarbeit behindert. „Alles konzentriert sich nun auf einen Fleck, das ist schade, wir sind ja direkt vor Ort in Cappel“, sagt Dany.

Stadtverwaltung hat keine Lösung parat

Dabei biete das Vereinsleben umfangreiche Möglichkeiten, Anschluss zu finden, über ein sportliches Angebot, bei dem die Sprachbarriere eher eine untergeordnete Rolle spielt sowieso, „Integration ist so wichtig und funktioniert an verschiedenen Orten, in unterschiedlichen Vereinen vielleicht besser als ausschließlich an zentraler Stelle“, schätzt das Vorstandsmitglied. Das Sportangebot für Kinder und Erwachsene aus dem Camp gänzlich aufgeben will der Verein ungern und hofft auf eine gemeinsame Lösung mit der Stadt.

Wie sich ehrenamtliches Engagement der bunten Vereinslandschaft mit dem Portal in Einklang bringen lässt und wie sich das Angebot des TSV damit kombinieren lassen könnte - darauf hat auch die Stadt derzeit keine Antwort. Laut Stadtverwaltung treffen sich jede Woche „viele Akteure der Marburger Flüchtlingshilfe zwecks Austausch und um die unterschiedlichen Aktivitäten aufeinander abzustimmen“. Darüber hinaus erhält die städtische Koordinierungsstelle für Flüchtlingsbetreuung regelmäßig Angebote von Vereinen und Institutionen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren möchten. „Diese Angebote sind sehr willkommen. Viele Angebote und Events wurden bereits von der Stadt begleitet und an die Flüchtlinge kommuniziert. Weitere Aktivitäten dieser Art befinden sich in Planung“, teilt die Stadt ungenau auf Nachfrage mit. Auch sei geplant „zeitnah“ mehrere ehrenamtliche Sportcoaches zu beschäftigen, um die Koordination speziell mit Sportvereinen zu verbessern.

Gelöst werden konnte das Problem bislang nicht. „Wir sind da, das Angebot steht“, verspricht Dany.

von Ina Tannert

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