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Konflikte in der Entwicklungshilfe: Zwei Welten prallen aufeinander

Forschung Marburg Konflikte in der Entwicklungshilfe: Zwei Welten prallen aufeinander

Den Umgang mit kulturellen Konflikten in der Entwicklungszusammenarbeit untersucht die Konfliktforscherin Judith von Heusinger.

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Für ihre Feldforschung in Kambodscha begab sich die Konfliktforscherin Judith von Heusinger auch auf die Dörfer.

Quelle: privat

Marburg. Zu welchen Missverständnissen es kommen kann, wenn westliche Experten in Entwicklungsländern globale Hilfsprogramme umsetzen, das hat die Marburger Forscherin Judith von Heusinger in einem Forschungsprojekt untersucht. In ihrer Doktorarbeit will sie die Ergebnisse zusammenfassen.

Genauer hingeschaut hat die Marburger Konfliktforscherin zunächst bei den Experten der deutschen staatlichen Entwicklungszusammenarbeit in Bonn, Berlin und Eschborn und Frankfurt und dann bei der Umsetzung von Hilfsprogrammen im Gesundheitssektor in Kambodscha und in Kirgisistan. Dabei ging es vor allem um die Aids-Prävention sowie das Thema „Reproduktive Gesundheit“, also die Frage der selbstbestimmten Sexualität und von Zugang zu und Wissen um Verhütungsmittel und Krankheitsprävention. Klar ist, dass bei diesen Programmen häufig zwei grundverschiedene Welten aufeinanderprallen.  „Die Entwicklungsexperten  werden immer wieder mit kulturellen Konflikten konfrontiert und nicht selten von ihnen überrascht“, bilanziert Heusinger in einem „Policy Paper“, das auch als eine Art Zusammenfassung ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Praktiker aus der Entwicklungshilfe dient.

Schon in ihrer Abschlussarbeit hatte Heusinger sich am Beispiel Kambodschas damit befasst, was im Anschluss an Gewalt-Konflikte passiert und wie eine Zivilgesellschaft dann wieder aufgebaut werden kann.

Deswegen begann sie, sich nun auch die Arbeit von Hilfsorganisationen genauer anzuschauen. Eigentlich hatte Heusinger eine Doktorarbeit darüber schreiben wollen, wie in weltweiten Gesundheits-Hilfsprogrammen globale Vorgaben vor Ort umgesetzt  werden. Doch bei ihren ersten Recherchen entdeckte sie zu ihrem Erstaunen, dass die Helfer so gut wie gar nicht auf die spezifischen kulturellen Unterschiede in den von ihnen betreuten Ländern eingingen, sondern sich vor allem darauf beschränkten, die globalen Standards der Weltgesundheitsorganisation WHO umzusetzen.

So änderte sie den Fokus ihrer Arbeit und konzentrierte sich in ihrer Forschung in der Folgezeit mehr auf den Umgang mit kulturellen Konflikten.

Die Kommunikationsprobleme beginnen  häufig schon mit der Sprachbarriere zwischen den Helfern aus dem Westen und den Einheimischen.

Da internationale und lokale Experten meist nur per Dolmetscher miteinander reden können, gebe es schon aufgrund von Übersetzungsfehlern bei wichtigen Dokumenten und Konzeptpapieren Anlass für Konflikte. Aber auch die unterschiedliche Interpretation zentraler Begriffe könne zu Missverständnissen führen, erläutert Heusinger. So könne schon das, was mit dem Begriff „Menschenrechte“ verbunden sei, völlig verschieden interpretiert werden.

Die Wahrnehmung der ausländischen Experten sei zudem häufig stark selektiert und eingeschränkt. Denn sie hielten sich oft nur an „verwestlichten Orten“ wie Bürogebäuden, Hotels oder Bars auf.

Verhaltensregeln werden nicht immer beachtet

Es gebe auch ganz praktische Verhaltensregeln, die manchmal nicht beachtet würden. So gilt es beispielsweise in Kambodscha anders als im Westen als sehr unhöflich, beim Gespräch das Gesicht des Gegenüber zu betrachten. Wenn das ein Westler aber nicht beachte, dann führe das bei dem Kambodschaner quasi zu einer Art Gesichtsverlust und einer geringeren Wertschätzung unter seinen Landsleuten.

Ein wichtiger Fokus der Entwicklungshelfer liege auf ihrer Kommunikation mit der Zentrale zu Hause, weil dort letztendlich über die Finanzierung der Programme entschieden werde, erklärt die Marburger Forscherin. Das führe aber dazu, dass das  Gespräch mit den lokalen Partnern vernachlässigt werde. Irgendwann jedoch würden die westlichen Experten von den lange unter der Oberfläche schwelenden kulturellen Konflikten überrollt.

Allerdings sieht die Marburger  Forscherin auch ein strukturelles Problem: Denn die westlichen Experten hätten meistens die schwierige Aufgabe, innerhalb sehr kurzer Zeit ein Projekt umzusetzen und würden gewissermaßen von Land zu Land „springen“ und seien jeweils nur sehr kurz vor Ort, was es erschwere, sich auf die kulturellen Unterschiede einzulassen. Der freie Zugang zur  gesundheitlichen Erstversorgung und medizinischen Hilfe, die Aufklärung über Gesundheitsrisiken oder flächendeckende Impfprogramme: Viele Selbstverständlichkeiten des westlichen Gesundheitssystems sind in den meisten Entwicklungsländern bisher häufig nur in Ansätzen  verwirklicht.  Verantwortlich für die Schwierigkeiten in der Umsetzung sind nach Ansicht von Heusinger gleich eine Reihe von Punkten:

  • So sind beispielsweise  die Gespräche über Sexualität in vielen Ländern ganz generell stark tabuisiert. So würden Experten aus dem Westen bei der Vorstellung ihrer „Aufklärungs“-Programme alleine durch die Benennung der zu Sexualität gehörenden Themen häufig gegen die „guten Umgangsformen“ des Gastlandes verstoßen und dann die Vertreter der lokalen Statusgruppen in peinliche Situationen bringen.
  • Traditionelle Vorstellungen von Gesundheit kollidieren mit der westlichen Hi-Tech-Medizin: Eine Konkurrenz zur westlichen Medizin stellen beispielsweise in Kambodscha die traditionellen Heilerinnen, zu denen die Schwangeren dort lieber zur Entbindung gehen.
  • Häufig ließen sich die Einheimischen aus Furcht vor den Ärzten aus dem Westen nicht von ihnen behandeln und würden sich auch weigern, beispielsweise einen Aids-Test mitzumachen.
  • Drogenabhängige, Prostituierte, Häftlinge oder Homosexuelle erhalten in den Entwicklungsländern häufig keinen ausreichenden Zugang zum Gesundheitssystem.
  • Ausdrücklich schreibt Heusinger, dass sie mit ihrem Text nicht werten wolle, sondern nur Strukturen offenlegen will. Dennoch kommt sie zu dem Schluss, dass Widersprüche und Hindernisse zum Alltag der praktischen Entwicklungspolitik gehören. Zwar sei dies den meisten Mitarbeitern bewusst, aber es gebe in den Entwicklungshilfeorganisationen keine offene Diskussion  über die Probleme.

Strukturelle Hindernisse im offiziellen Diskurs würden systematisch ignoriert und umgangen. Dies führe zu „Frust, Scham und Zynismus“ bei den entwicklungspolitischen Akteuren, aber auch bei den lokalen Partnern und der Zielgruppen der Hilfsprogramme.

 Westliches Denken ist nur eine Möglichkeit

„Die Entwicklungszusammenarbeit und diejenigen, die sie ausführen, würden sehr davon profitieren, wenn offen und ohne Tabus über praktische Probleme und kulturelle Konflikte gesprochen würde“, schlussfolgert Judith von Heusinger. Zudem hat sie noch einige Hinweise für die Verbesserung der praktischen Arbeit. Besonders wichtig sei es, dass Experten vor einem Auslandseinsatz nicht nur in Sachen technischer und fachlicher Fertigkeiten geschult würden, sondern auch vorab genauere Kenntnisse über lokale Werte, Rituale und Hierarchien erlangen würden.

Zudem sollten sich die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen  immer wieder darüber im Klaren sein, dass das durch die Schulung an westlichen Universitäten und Ausbildungsstätten erworbene Denken nur eine von vielen Möglichkeiten sei, über die Welt nachzudenken.

von Manfred Hitzeroth

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