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Kommission stützt Rotlicht-Pädagogen

Sex-Szene in Marburg Kommission stützt Rotlicht-Pädagogen

Politiker fordern, dass die Stadt weiter mit der Frauenrechtsorganisation FiM zusammenarbeiten soll. Die Pädagogen leisteten "beeindruckende Arbeit". Szene-Kenner sehen das anders und sind von der Politik enttäuscht.

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Die Politik bezieht Position: Die Hilfsorganisation Frauenrecht ist Menschenrecht leiste „beeindruckende Arbeit“ in Marburgs Rotlicht-Szene. Die Stadt solle auch in Zukunft mit den Streetworkern arbeiten – der Kritik von Szene-Insidern zum Trotz.
Archivfoto

Quelle: Andreas Rentz

Marburg. Entlastungs-Empfehlung der Marburger Gleichstellungskommission: Die Bordell-Streetworker von Frauenrecht ist Menschenrecht (FiM) können sich ihres Arbeits-auftrags im Marburger Rotlicht-Milieu sicher sein. Das Gremium, das aus Stadtverordneten, Frauenverbänden, Gewerkschaften und Beratungsstellen besteht, weist jede Kritik an der Organisation, die seit 2007 rund 300 000 Euro Steuergelder erhalten hat, zurück. Das Komitee spricht sich in einem Schreiben, das der OP vorliegt, „für die Fortsetzung der Arbeit“ mit FiM aus.

"FiM? Noch nie gehört"

Untermauert wird diese Empfehlung durch einen Antrag von SPD, Grünen und CDU. Die Parteien bezeichnen die Anschuldigungen von Prostituierten, die sich Maria und Julia nennen, sowie des Ex-Erotic-Island-Angestellten Markus Pohl als „Diffamierung der Streetworker-Arbeit“. Vielmehr sei man von dem Engagement der Frankfurter Sozialpädagogen „beeindruckt“, da diese „sehr schwierige, wichtige, notwendige und wertvolle“ Arbeit in der Marburger Sex-Szene leisteten.

Solche Aussagen schockieren die Szene-Insider, die auf Missstände im Marburger Milieu aufmerksam machen wollen. „Man unterstellt mit so etwas, ich würde lügen. Dabei habe ich, nicht diese Leute dort lange gearbeitet, das finde ich schäbig“, sagt Maria. Brisant: Bei der OP meldete sich neben der 20-Jährigen binnen weniger Wochen bereits die dritte Prostituierte, die sich kritisch zu der Sozialarbeit in den Bordellen der Mittelhessen-Metropole äußert. „Hier waren die in den letzten zwei Jahren nie“ sagt eine junge Frau, die sich Tatjana nennt. Sie schafft nicht im Großbordell, sondern in einem der anderen Marburger Sex-Häuser an. Einem, in dem laut Auftrag der Gleichstellungskommission an FiM ebenfalls Sex-Arbeiterinnen „gestärkt und zum Ausstieg aus der Prostitution motiviert werden sollen.“

Antrag auf mehr Unterstützung für Prostituierte

„Die Beraterinnen kommen seit 2007 regelmäßig unangemeldet in die Bordelle in Marburg“, heißt es im Schreiben der Gleichstellungskommission. Jedoch: Von den regelmäßigen, aufsuchenden Beratungsgesprächen weiß man im Haus Eva, einem weiteren Marburger Sex-Geschäft, nichts. „Wer? FiM? Noch nie gehört, die arbeiten hier nicht“, sagt die Leiterin des Erotik-Etablissements nahe des Waldtals auf OP-Anfrage. Dabei ist nach aktueller Gesetzeslage das Wissen und Einverständnis der Bordell-Betreiber nötig, damit Hilfsorganisationen mit den Frauen arbeiten dürfen. Die Aussagen der Rotlicht-Kenner stützen Vorwürfe der verschiedenen Osteuropäerinnen, wonach Pädagogen, wenn sie in das Erotic Island gehen, auf eine Mauer des Schweigens stoßen. Die Streetworker bestreiten das.

Die Stadtverordnete Andrea Suntheim-Pichler (Bürger für Marburg) will unterdessen für ein verstärktes städtisches Engagement in der Rotlicht-Szene kämpfen und im Sozialausschuss am kommenden Mittwoch einen Antrag für eine ausgedehnte Unterstützung der Prostituierten stellen.

Der Magistrat, diese Forderung stellen Koalition und CDU in ihrem gemeinsamen Antrag an die Stadtspitze, soll vorab mitteilen, „welche Maßnahmen zur weiteren Unterstützung von Prostituierten“ geplant seien. Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) hatte zuletzt eine Ausweitung des freiwilligen städtischen Engagements in der Sex-Szene, vor allem bei Ausstiegs-hilfen angedeutet. „Wenn wir in diesem Punkt besser arbeiten können, müssen wir das tun“, sagte er.

  • Der Sozialausschuss tagt am Mittwoch, 19. Februar ab 17 Uhr im Sitzungssaal Hohe Kante (Barfüßerstraße 50).
Debatten-Auslöser: Die Sex-Fabrik
  • Am 27. Dezember 2013 enthüllte die OP mit dem Artikel „Die Sex-Fabrik“ Gewalt-Exzesse im Großbordell Erotic Island und Verbindungen der Marburger Rotlichtszene mit „Hells Angels“  und der als rechtsextrem geltenden Hooligan-Gruppe „Adlerfront“ aus Frankfurt.
  • Im Zuge dessen geriet der Verein FiM, welcher im Auftrag der Stadt pädagogisch in der Marburger Rotlichtszene aktiv ist, in die Kritik. Sex-Arbeiterinnen berichten davon, dass in den Sex-Häusern keine der Frauen mit den Streetworkerinnen spreche, ihnen Ausstiegshilfen nicht angeboten würden.

von Björn Wisker

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