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Kollegen belasten angeklagten Arzt

Missbrauchsprozess Kollegen belasten angeklagten Arzt

Mehrfacher sexueller Missbrauch eines Drogenabhängigen? Mehrere Ärzte aus der ehemaligen Gemeinschaftspraxis des angeklagten Mediziners äußern vor dem Landgericht Vorwürfe gegen den 51-Jährigen.

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Am zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht gegen den angeklagten Arzt sind Zeugen gehört worden.

Quelle: Tobias Hirsch, Thorben Wengert/pixelio.de

Marburg. Der Ex-Kollege habe „großzügig Rezepte und Medikamente ausgestellt“, Akten gefälscht oder Patienten versucht zu beeinflussen - machte diese „gewollt oder ungewollt“ von sich abhängig, so die harten Vorwürfe der ehemaligen Geschäftspartner.

Der Name des Angeklagten sei „häufiger in der Praxis gefallen“, sagte ein Zeuge. Er sei „locker mit dem Rezeptblock umgegangen“, gerüchteweise und „vom Hörensagen“ hätten die Kollegen von sexuellen Handlungen mit Patienten und illegaler Abgabe von Medikamenten gehört. Beziehungen mit drogenkranken Patienten seien „ethisch nicht vertretbar - das geht einfach nicht“, betonte eine Ärztin. Auffallend oft hätten offensichtlich Drogenabhängige vor der Praxis gestanden und scheinbar auf den Arzt gewartet, so eine unpräzise Aussage eines Kollegen.

„Keiner hat was gesehen“

Bis 2009 betrieben die vier Ärzte eine große Gemeinschaftspraxis in Marburg. Der Hauptgrund der Trennung seien Differenzen zwischen den Medizinern über Ungereimtheiten in der Buchführung, dem Umgang mit den Mitarbeitern und nicht zuletzt das Strafverfahren gegen den Kollegen gewesen, so die Ärzte. Vor Beginn der Hauptverhandlung habe der Beschuldigte etwa mehrere Arzthelferinnen zur Mitarbeiterversammlung geladen, ohne dies den drei Kollegen mitzuteilen. Themen waren dabei angeblich unter anderem die anstehende Verhandlung, Bezahlung von Überstunden oder Versetzungen. In Entscheidungen seien die Partner nicht mit einbezogen worden, kritisierte ein Zeuge.

Daneben habe der Angeklagte mehrfach hohe Geldbeträge aus den gemeinsamen Konten abgezogen, Rezepte der Kollegen verwendet, ebenfalls ohne Absprache, so die Zeugen. Von den Verdächtigungen gegen den Arzt und angeblichen sexuellen Kontakten hörten sie erst nach der Trennung, unter anderem von ehemaligen Mitarbeitern. Namen wollten sie nicht nennen. Die unbestätigten Vorwürfe und Verdächtigungen verärgerten das Gericht, „keiner hat mit eigenen Augen etwas gesehen“, fasste der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm zusammen.

Arzt: Behandelte ihn wegen Schlafstörungen

Des Weiteren klärte das Gericht erneut einen früheren Streitpunkt des Verfahrens. Dass der Verstorbene bereits im Mai 2010 sein Patient war, hatte der Angeklagte anfangs bestritten, nun zugegeben, dass der 21-Jährige bereits vor dem von ihm angegeben Zeitraum in der Praxis war - für eine Blutuntersuchung. Belegt wurde dieser Beweis durch ein unterschriebenes, auf den fünften Mai 2010 datiertes Rezept, das bereits das Amtsgericht während der erstinstanzlichen Verhandlung im August vergangenen Jahres als „unbestechlichen Beweis“ wertete. Seinen früheren Widerspruch begründete der Angeklagte damit, dass er von der Blutuntersuchung erst Tage später erfahren habe, nachdem er die Akte studierte.

Gesehen habe er den jungen Mann an diesem Tag nicht, betonte der Arzt. Generell habe er den Süchtigen wegen Schlafstörungen behandelt, dagegen „leichte, nicht abhängig machende Medikamente“ verordnet, betonte der Angeklagte. Zudem habe er etwa ab Juli 2010 Ritalin verabreicht, da ihm die „Unruhe“ des Mannes auffiel und er eine Hyperaktivitätsstörung vermutete. Das Medikament werde häufig bei Entzugserscheinungen im Rahmen einer Suchttherapie verordnet. Die Diagnose sei später bestätigt worden, so der 51-Jährige. Hintergrund: Das Amtsgericht verurteilte den Angeklagten im August 2014 zu einer Haftstrafe auf Bewährung.

  • Fortsetzung: Montag, 9 Uhr im Landgericht.

von Ina Tannert

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Im Gerichtssaal brodelt die Gerüchteküche

Im Berufungsprozess gegen einen Arzt, der einen mittlerweile verstorbenen Drogenabhängigen sexuell missbraucht haben soll, sagten am Montag mehrere Zeugen aus. Mehrere Familienangehörige des Verstorbenen sprachen während der mehrstündigen Verhandlung vor dem Landgericht über Gespräche mit dem mutmaßlichen Opfer.

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