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Koffer packen in der Religionsstunde

Islamunterricht in Hessen Koffer packen in der Religionsstunde

Seit Beginn des laufenden Schuljahres gibt es zunächst an 27 hessischen Grundschulen ein neues Angebot: den bekenntnisorientierten Religionsunterricht

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Selda Ulusoy mit ihren Schülerinnen und Schülern während des islamischen Religionsunterrichts. Die türkischstämmige Grundschullehrerin arbeitet mit den Erstklässlern in Aßlar.

Quelle: Carsten Beckmann

Aßlar. Ihren Satz muss Selda Ulusoy gar nicht beenden: „Can, du weißt doch: Nur in der Pause...“ „...und zu Hause sprechen wir Türkisch, ‘tschuldigung, ich weiß.“ Can hängt seine Jacke über den Stuhl, stellt seinen Ranzen neben den Tisch und setzt sich. Es ist 13 Uhr, die Erstklässler haben schon einen langen Schultag in Aßlar bei Wetzlar hinter sich, und die Pausengespräche mit den türkischstämmigen Freunden waren offenbar so intensiv, dass die Jungen sie mit in die Unterrichtsstunde genommen haben. Selda Ulusoy ist eine von bisher 19 Lehrkräften, die an hessischen Schulen Islamische Religion unterrichten. Sie selbst kam im Alter von drei Jahren mit ihrer Familie aus der Türkei nach Deutschland: „Ich habe mich freiwillig für das Zusatzstudium  und den Einsatz als islamische Religionslehrerin gemeldet, erzählt die 36-Jährige, die an ihrer Stammschule in Greifenstein eigentlich Deutsch, Mathematik und Sachunterricht lehrt.

Geschichten über das Fest

Die 22 Kinder haben sich in einem Stuhlkreis um ihre Lehrerin geschart und erzählen, wie sie das islamische Opferfest verbracht haben. Zum größten Teil haben die Jungen und Mädchen türkische Wurzeln, doch auch aus Ländern wie Bulgarien, Pakistan, Afghanistan oder Somalia kommen die Kinder. „40 Prozent der Kinder hier sind muslimischen Glaubens, sagt Schulleiterin Heidrun Jung, die sofort handelte, als bekannt wurde, dass Hessen islamischen Religionsunterricht anbieten würde: „Die Akzeptanz für das Angebot ist groß, 80 Prozent der muslimischen Kinder gehen in den Unterricht.“ Nach einer langen Vorbereitungsphase, unzähligen Gesprächen am Runden Tisch, reiflicher Planung seitens aller Beteiligten und intensiver Vorbereitung an den Hochschulen in Gießen und Frankfurt startet Hessen also jetzt in eine Art von Religionsunterricht, die eher zum Ziel hat, den Kindern die Gemeinsamkeiten der Konfessionen näherzubringen als Gräben zu ziehen. Selda Ulusoy führt vor, wie das geht, indem sie ihren Schülerinnen und Schülern die Geschichte des Propheten Ibrahim erzählt. „Hat von dem schon mal jemand gehört?“, fragt sie. „Ja, in der Moschee – und zu Hause auch“, sagt ein Junge. „Also, vor vielen tausend Jahren...“, beginnt Selda Ulusoy und erklärt, dass Ibrahim bei den Christen und Juden Abraham heißt. „Mehmed, setzt du dich bitte mal hin – also, Ibrahim konnte als Junge nicht verstehen, warum die Erwachsenen Götzen anbeten“, erzählt die Lehrerin weiter und schildert im Schnelldurchlauf, wie der junge Ibrahim die Statuen aus Holz und Stein im Tempel zerstörte, weil sie in seinen Augen keine Gottheiten sein konnten.

Der erste Umzug

Dass Ibrahim auf wundersame Weise das Feuer überlebte, in das er zur Strafe für seine Tat geworfen wurde, finden die Jungen und Mädchen interessant genug, doch sie wachen erst richtig auf, als Selda Ulusoy ihnen eine Frage stellt, nachdem sie von Ibrahims „Umzug“ nach Ägypten erzählt hat. „Seid ihr auch schon einmal umgezogen?“, fragt die Lehrerin, und als erste meldet sich Bonura, die zuvor eher etwas gelangweilt die Tafel, vor der sie sitzt, im Minutentakt hoch- und heruntergeschoben hat. „Als ich ein Baby war, sind wir aus Somalia weggegangen. Zu Fuß und mit dem Kamel, und jetzt sind wir hier“, sagt das Mädchen. Aus der Türkei nach Deutschland, aus Limburg nach Aßlar oder „nur“ innerhalb Aßlars von einer Straße in die andere – für die Jungen und Mädchen ist jeder Ortswechsel, den sie bisher erlebt haben, mindestens so spannend wie der Ortswechsel ihres Propheten Ibrahim nach Ägypten.  Viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum Pausengong, doch ein paar Minuten hat die aus allen ersten Klassen der Aßlarer Grundschule zusammengewürfelte Gruppe noch. Selda Ulusoy verteilt Blätter, auf denen ein leerer Koffer zu sehen ist: „Da könnt ihr hineinmalen, was ihr mitnehmen würdet, wenn ihr wieder mal umziehen müsstet“.
Kaum sind die Buntstifte ausgepackt, ist die Stunde auch schon vorbei, und so wird das  Kofferpacken zur Hausaufgabe. Dass das irgendetwas mit Religion zu tun haben könnte, werden Can, Bonura, Mehmed und ihre Mitschüler nicht sofort verstehen. Vielleicht in der nächsten Stunde mit Selda Ulusoy, vielleicht viel später im Leben.

von Carsten Beckmann

Hintergrund
  • Hessen ist das erste Bundesland, das den bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach auf der Grundlage von Artikel 7 Absatz 3 des Grundgesetzes einführt. Die  Religionsgemeinschaften DiTiB Landesverband Hessen und Ahmadiyya Muslim Jamaat sind dabei Kooperationspartner.
  • Seit März dieses Jahres qualifizierten sich Grundschullehrer an der Uni Gießen und Lehrer weiterführender Schulen in Frankfurt für die neue Aufgabe. Aktuell wird in 27 Grundschulen – unter anderem auch in Stadtallendorf – islamischer Religionsunterricht angeboten, mittelfristig soll das Angebot nach der Planung des Kultusministeriums flächendeckend und bedarfsgerecht eingeführt werden.
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