Sven Caspersen hält sich streng an die Vorschriften des Gesundheitsamtes. Er weiß: Auch in Marburg gibt es schwarze Schafe, die in einer unhygienischen Umgebung tätowieren.
Marburg. Christiane Goedecke geht in den Tattoostudios des Landkreises ein und aus. Und das, obwohl die 51-Jährige sich selbst niemals ein Tattoo stechen lassen würde. Sie ist per Du mit den meisten Körperkünstlern der Stadt und ist trotzdem kein Gast, über den sich die Tätowierer uneingeschränkt freuen. Denn Christiane Goedecke ist Hygieneinspektorin beim Gesundheitsamt. Ihrem wachsamen Blick entgeht nichts. Werden die erforderlichen Hygienestandards nicht eingehalten, kann die 51-Jährige auch die Schließung eines Ladens veranlassen.
Laut einer aktuellen Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung haben 25 Prozent der 16- bis 29-Jährigen ein Tattoo. Goedecke weiß: „Junge Leute haben häufig wenig Geld zur Verfügung und gehen hohe Risiken ein.“ Dann etwa, wenn sie sich von „Tätowierern“ stechen lassen, die weder die verpflichtenden Hygienestandards einhalten noch ein Gewerbe angemeldet haben. „Aber auf die schwarzen Schafe, die nicht gemeldet sind, haben wir leider keinen Zugriff“, erläutert Goedecke.
Und schwarze Schafe, die gibt es in der Region leider mehrere. Das weiß auch Tätowierer Sven Caspersen, bekannt unter dem Namen Charly. „Ich berate mehrmals pro Woche Menschen, die sich ihre schlecht gestochenen Tattoos ausbessern lassen wollen.“ Manche klagen über Entzündungen, bei anderen ist die Farbe unter der Haut verlaufen, wieder andere haben Bilder auf ihrem Körper, die den Malversuchen eines Kleinkindes ähneln. Und immer, wenn Caspersen die verpfuschten Arbeiten der „Hinterhof-Tätowierer“ sieht, wird er wütend. „Das grenzt an Körperverletzung.“ Mehr noch: Es ist kriminell. Denn Farben und Tattoomaterial kann in Deutschland nur derjenige bestellen, der einen Gewerbeschein vorweisen kann. Farben, die über dubiose Wege zu den Privat-Tätowierern gelangen, seien häufig mit einem großen Metallanteil versehen, teilweise krebserregend und gesundheitlich höchst bedenklich, so Caspersen.
Das kann auch der Hautarzt Dr. Hartmut Strempel bestätigen. Bis vor 15 Jahren, so erinnert er sich, habe ein Großteil der Tätowierfarben noch aus anorganischen Stoffen bestanden. „Das waren teilweise Lacke aus der Autoindustrie, die Schwermetalle oder Quecksilber enthalten haben. Es ist unglaublich, was man sich da zugemutet hat.“ Strempel zählt trotzdem nur wenige Patienten, die aufgrund von allergischen Hautreaktionen, ausgelöst durch die Farbe eines Tattoos, zu ihm kommen. Viel öfter suchen Menschen bei ihm Rat, die ihre Tattoos so schnell wie möglich wieder loswerden wollen. „Manche kommen am selben Tag zu mir, an dem sie sich haben stechen lassen“, erzählt der 68-Jährige.
von Marie Lisa Schulz
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