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Knochenfund schockiert Familie

Friedhof Knochenfund schockiert Familie

Sie trauern, pflegen das Grab – und plötzlich hält die Familie aus dem Waldtal Knochen von verstorbenen Verwandten in der Hand. Nun wirft Gitta Michel den Friedhofsmitarbeitern „schlampige Arbeit“ vor.

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Im November 2015 starb die als „Elsa Oma“ bekannte 82-Jährige. Ihre Angehörigen ließen  sie mit zuvor verstorbenen Verwandten bestatten, wenig später hielt die trauernde Familie die Knochen ihrer Liebsten (kleines Foto unten) in den Händen.

Quelle: Benjamin Kaiser, privat

Marburg. Gitta und Lena Michel stehen im Regen. Aber den Tropfen schenken sie ebenso wenig Beachtung wie dem schlammigen Erdboden auf dem Friedhof Rotenberg, der ihre Schuhe verschmiert. Sie blicken auf ein Grab herab. Der Spruch „Hier ruht in Gott Elsa Michel“ ziert das Grabkreuz. Aber wie viele der Hinterbliebenen finden auch die beiden Frauen keine Ruhe mehr.

In dem Grab vor ihren Füßen befinden sich jedoch nicht nur die sterblichen Überreste ihrer Schwiegermutter (1966 verstarb Elsa Michels Tochter Apolonia, 1977 ihr Ehemann Nikola). Mehr als 3000 Euro kostete es, dass Elsa Michels Sarg in das Grab herabgelassen wurde, in dem bereits Tochter und Ehemann lagen. Es handelte sich um die sogenannte Wiederbelegung eines Grabes. „Es sollte zusammen, was zusammengehört. Das war der Wunsch unserer Schwiegermutter“, erzählt Lena Michel (46).

Laut Gitta Michel (43) leiden mehrere Familienmitglieder seit den Tagen nach dem Tod an Schlafstörungen. Doch es ist weniger die Trauer über den Tod der 82-Jährigen als vielmehr der Ärger über den „respektlosen und schlampigen Umgang“ mit den Knochen der Verstorbenen, wie Lena Michel es ausdrückt, der die Familie aufwühlt. „Es gibt für uns kaum noch ein anderes Gesprächsthema“, sagt sie.

Am 17. November 2015 verstarb Elsa Michel, eine Woche später fand die Trauerfeier mit rund 400 Gästen statt. „Im Waldtal kannte sie quasi jeder“, sagt Lena. „Elsa Oma“ sei sie von Bewohnern des Stadtteils genannt worden. Ein „großes Herz“ habe die 82-Jährige gehabt. Eine weitere Woche später wurden die Grab-Wiederbelegungsarbeiten durchgeführt, alles schien seinen Lauf zu nehmen. Anfang Dezember dann die böse Überraschung: „Während der Grabpflege fand ich mehrere große Knochen. Keine zehn Zentimeter unter der Oberfläche des Erdhügels. Darunter Beinknochen unseres querschnittsgelähmten Schwiegervaters“, erinnert sich Gitta. Für einen Augenblick versagt ihr die Stimme. Ein Schock. Zumal sie befürchtet, dass  einige Knochen ihrer Angehörigen zuvor in den Müll geworfen wurden.
Die Familie beklagte sich kurz darauf bei der Friedhofsverwaltung. Dort wurde ihnen versichert, dass die gefundenen Knochen in einer Gebeinkiste – eine Holztruhe für Knochen – erneut beigelegt würden. Das werde prompt erledigt. Doch

laut Gitta Michel vergingen weitere Tage, dann wurden die Knochen offenbar einfach in ein rund 70 Zentimeter tiefes Erdloch im Grab geworfen.

„Die Toten wurden auseinandergerissen“

Von einer Gebeinkiste habe es keine Spur gegeben, ergänzt Georgina Michel (24), die bei diesen Grabarbeiten anwesend war. „Wir haben an diesem Tag noch weitere Knochen gefunden. Die hat ein Friedhofsmitarbeiter dann auch in das Loch geworfen und es zugeschüttet“, sagt sie.  Erklärung für die Funde der Familie? „Im Bestattungswesen ist es allgemein bekannt, dass es bei Grab-Wiederbelegungen auch zu Knochenfunden kommen kann“, heißt es von der Friedhofsverwaltung auf OP-Anfrage. Zum Fehlen der versprochenen Gebeinkiste blieb eine Antwort trotz mehrerer Nachfragen aus. Paragraf 14 der städtischen Friedhofssatzung besagt indes: „Die Ruhe der Toten darf grundsätzlich nicht gestört werden.“ Der Umgang mit ihren Verstorbenen spotte laut Lena diesem Grundsatz: „Die Toten wurden auseinandergerissen.“

„Ich wünsche mir endlich Seelenfrieden – sowohl für die Toten als auch die noch Lebenden unserer Familie“, sagt Gitta Michel.

von Benjamin Kaiser

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