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Klinik kämpft gegen Keime

OP-Reportage Klinik kämpft gegen Keime

Auszeichnung für das Univeristätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM): Die Zentrale Sterilgut Versorgungs Abteilung hat ein Zertifikat für ihre besondere Qualität bei der Aufbereitung und Pflege von Medizinprodukten bekommen. Einblicke in einen verborgenen Bereich des Krankenhauses.

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Alle in den 28 Operationssälen im Universitätsklinikum benutzten Instrumente – außer Skalpelle, die nur einmal benutzt und dann weggeworfen werden – landen zuerst im Dekontaminierungs-Bereich der Zentralen Sterilgut Versorgungsabteilung, die auf der untersten Ebene des Klinikkomplexes liegt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Ein Zischen dringt aus der Kammer, in der Luft hängt beißend-steriler Geruch, Metallboxen und blaue Pakete stehen im Raum. Es ist ein Raum, zu dem jetzt nur Christina Domke Zutritt hat. Sie ist die Letzte, die die Reinheit von mehr als 1000 Medizin-Instrumenten, die täglich im Marburger Klinikum gesäubert werden, checkt. Bevor Domke das Operations-Besteck, das zuvor bei 134 Grad Celsius sterilisiert wurde, nicht freigibt, steht der Aufzug zu jedem der 28 Operationssäle still, kommen Klammern, Zangen und Co. nirgendwo zum Einsatz.

„Die Patienten verlassen sich auf uns, darauf, dass wir hier konzentriert und fehlerfrei arbeiten“, sagt sie. Domke ist eine von 40 Mitarbeitern in der Zentralen Sterilgut Versorgungsabteilung (ZSVA). Auf Ebene -3 gelegen und als No-Go-Bereich für alle, die dort nicht arbeiten, ist sie der verborgenste Abschnitt im UKGM. Zugleich ist die ZSVA, die auch Instrumente für die Zahnklinik am Ortenberg und alle Endoskope aus Gießen reinigt, der sensibelste Bereich des UKGM.

Das Universitätsklinikum ist für die Top-Qualität in der Säuberung und Sterilisation von medizinischen Instrumenten ausgezeichnet worden. Eine der verborgensten Abteilungen  ist verantwortlich für den Kampf gegen Keime.

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„Es ist das Herzstück des ganzen Krankenhauses“, sagt Dr. Sylvia Heinis, Verwaltungsleiterin. Es sei einer der größten nicht-medizinisch geprägten Bereiche im Klinikum - und „maßgeblich mitverantwortlich für den ordnungsgemäßen Ablauf und Funktion“ des ganzen Krankenhauses, erläutert Professor Harald Renz, Ärztlicher Geschäftsführer. „Sollte diese Abteilung ausfallen, müssen wir alles, auch die Versorgung von Notfällen, einstellen“, ergänzt Heinis. Etwa 120.000 Einzelinstrumente sind im Marburger Uniklinikum im Umlauf, jedes einzelne kommt nur alle 24 Stunden zum Einsatz.

Die ZSVA ist in drei Bereiche unterteilt: In der Dekontaminierung wird alles Unreine - also alles, was aus den Operationssälen oder ambulanten Stationen benutzt wurde - auseinandergenommen, mehrfach gespült und geputzt, zur Desinfektion vorbereitet. Im sogenannten Packbereich werden alle Instrumente gewartet, Einzelteile wieder zusammengesetzt, deren Funktionalität überprüft und in mehreren Kammern bei 134 Grad sterilisiert. Etwa eine Stunde sind alle Chargen - Boxen, in denen je Hunderte Einzelbestecke liegen - in den Kammern. Der mit heißem Dampf funktionierende Sterilisationsprozess selbst dauert dabei nur fünf Minuten.

„Dann sind alle schädlichen Mikroorganismen abgetötet“, erklärt René Hein, stellvertretender Abteilungsleiter. „Nachlässigkeiten können wir uns hier keine erlauben. Hygiene geht über alles“, ergänzt Edeltraut Habeth, ZSVA-Leiterin. Der letzte an die Sterilisation anschließende ZSVA-Bereich ist die Freigabe, der Raum, in dem Domke gerade arbeitet.

Computer überprüfen Chargen

Manchmal sind bestimmte Werkzeuge, die nicht in 20-facher, sondern fünffacher Ausfertigung in den UKGM-Lagern vorrätig sind, knapp. „Aber niemals wird der Sterilisationsprozess vorzeitig beendet, etwas rausgegeben. Das wäre höchstgefährlich und unverantwortlich“, sagt Habeth. Damit Engpässe vermieden werden, steht einiges an Medizintechnik auf einer Prioritäten-liste, wird beschleunigt durch den Prozess geschickt. So werden aus 24 Stunden, die sonst jedes Teil pro Durchlauf benötigt, deren fünf. In der ZSVA landen zudem alle Einzelteile des Da-Vinci-Operationsroboters. Hochkomplexe Gegenstände wie dieser oder auch Endoskope werden mit einem anderen Verfahren, mit Hilfe eines Plasma-Sterilisators - der wie ein Parkautomat aussieht - gereinigt.

Generell werden laut Habeth Schlamperei und Manipulation nicht nur durch die nachgewiesene hohe Qualifikation der Mitarbeiter, deren konzentriertes Arbeiten und wachsame Schicht- sowie Abteilungsleiter verhindert. Durch Live-Computererfassung jeder einzelnen Charge sowie Prüf-Sensoren in Maschinen, Etiketten auf den sterilisierten Boxen und optische Tests spätestens in der Freigabe, lasse sich ein „Höchstmaß an Sauberkeit und Sicherheit gewährleisten “, sagt Habeth. Seit 2006 lasse sich quasi jeder Handgriff in Marburgs medizinischer Riesen-Spülküche nachverfolgen.

Auf der verborgenen Ebene -3, auf der die Mitarbeiter trotzdem bei Tageslicht arbeiten, wird 24 Stunden am Tag gearbeitet. Die Angestellten haben, da die Tätigkeit in der ZSVA kein Ausbildungsberuf ist, ursprünglich völlig andere Jobs gelernt. Unter den 40 Mitarbeitern finden sich Buchhalter, Ingenieure, Schneiderin, Zahnarzthelferinnen - „hoch-verantwortliches Arbeiten ist das, was hier unten geschieht“, sagt Heinis.

Die nun erfolgte Re-Zertifizierung der ZSVA soll auch angesichts der Furcht vor multiresistenten Keimen Beweis für die Hygiene-Qualität im Marburger Krankenhaus sein.

von Björn Wisker

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