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Kleines Geld, großer Ärger

Aufebrochene Automaten Kleines Geld, großer Ärger

Kleines Geld, große Freude. In der Wetterau heißt es aktuell: Kleines Geld, großer Ärger. Denn dort sind zahlreiche Automaten geplündert worden. Auch in Marburg steigen die Zahlen.

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Zerstörte und aufgebrochene Kaugummiautomaten sind auch in Marburg keine Seltenheit. Foto: Nadine Weigel

Wetterau. „Die Polizei kann nichts machen, denen sind die Hände gebunden“, sagt Rainer Kaschka, der deutschlandweit Automaten betreibt. Man könne einfach nicht beweisen, wer den Automaten geplündert habe. „Es ist mein Eigentum, wenn’s weg ist, ist es weg. Dann habe ich Pech gehabt.“ Um einen zerstörten Kaugummiautomaten zu ersetzen, müsse er rund 500 Euro in die Hand nehmen, sagt Kaschka, als er gerade in Salzgitter unterwegs ist, um sich um Automaten zu kümmern.

Auf seiner Tour muss er auch Schäden zur Kenntnis nehmen. Kaschka spricht von gesprengten Automaten. Ansonsten werden sie aber auch aufgebrochen und die Einsätze herausgeholt, sagt der Licher. Es werde immer schlimmer, „vor fünf, sechs Jahren war das noch nicht so“. Einen Lösungsvorschlag hat der Unternehmer nicht parat.

Profis arbeiten nicht für Kleingeld

Übrigens beziffert er die Beute, die ein Automaten-Aufbrecher macht, auf fünf oder sechs Euro, kein Vergleich also zum Schaden für die Firma. Die Vorfälle gebe es im Raum Gießen, aber eben auch bundesweit.

In Marburg hat sich die Zahl solcher Diebstähle von 34 im Jahr 2014 auf 45 im Jahr 2015 erhöht (die Kriminalstatistik von 2016 liegt noch nicht vor). „Dazu gehören aufgebrochene Kaugummiautomaten, Zigarettenautomaten, Parkuhren, Fahrkartenautomaten, Münzautomaten, wie man sie zum Beispiel für Waschmaschinen in Mietshäusern benutzt“, erklärt der Marburger Polizeisprecher Martin Ahlich. Sprich: Es wird so ziemlich alles aufgebrochen, was Geld in sich trägt.In der Wetterau hat die Polizei in den vergangenen Wochen zig aufgebrochene Automaten registriert, ob in Nidda, Friedberg, Reichelsheim, Stammheim, Nieder-Wöllstadt, Assenheim oder Altenstadt.

Für Paul Brühl, Geschäftsführer des Verbandes der Auto-maten-Fachaufsteller, ist die Wetterau nicht der einzige „Hotspot“: „Bundesweit werden derzeit viele Automaten geknackt. Das ist überall ein Thema“, sagte er gegenüber der OP.

Jugendliche auf der Suche nach mehr Taschengeld vermutet er dahinter, vielleicht auch Drogenkonsumenten. Manchmal auch Insider, die in großem Stil die Automaten abmontieren und mitnehmen. Aber deren Handschrift tragen die Wetterauer Beutezüge nicht. Jedenfalls sind keine Profis am Werk, die arbeiten nicht für Kleingeld.

Die Beute ist nicht hoch. „Maximal 50 Euro“, antwortet die Friedberger Polizeisprecherin Sylvia Frech auf die Frage nach der Beute. Dem stellen die Ermittler einen Schaden von 300 Euro gegenüber. Paul Brühl sieht das extremer, wobei er betont, seine Zahlen seien nicht im Verbandsinteresse dramatisiert.

„Wer 30 Euro findet, ist schon ein Glückspilz“, sagt Brühl.

Der Schaden liege zwischen 600 und 1000 Euro - wenn man die zusätzliche Arbeitszeit für den Aufsteller und die Kosten für die Anfahrt hinzurechne. Der Automat an sich koste schon zwischen 200 und 500 Euro. Der Inhalt sei meist unbrauchbar geworden, oftmals sei die Halterung verbogen. Zudem müsse auch der zerstörte Automat entsorgt werden. Das stehe, wie Brühl sagt, selbst für den Dieb in keinem Verhältnis zur Beute, zur Arbeit und zur Gefahr, erwischt zu werden.

Sind Kosten Grund für die niedrige Aufklärungsquote?

Viele Aufsteller von Kaugummiautomaten mühten sich, wirtschaftlich über die Runden zu kommen, von „rumfahren und abkassieren“ könne keine Rede sein, betont er. Vielmehr sei das Gewerbe ein „Knochenjob“, Reichtümer zu verdienen sei unmöglich bei einem Einwurf zwischen 10 Cent und 1 Euro. Ein Jahresertrag von mehr als 200 Euro pro Automat sei die „absolute Ausnahme“.

Wer weniger als 1000 Automaten habe, komme selten auf ein Level, von dem er auch nur einigermaßen leben könne. Schließlich müssten nicht nur die Süßigkeiten und kleinen Spielzeuge gekauft werden, sondern auch eine kleine Reparaturwerkstatt sei vorzuhalten, ferner Pflegemittel und Ersatzgeräte.

Sprit und Autoabnutzung durch die vielen und weiten Fahrten kämen hinzu, ebenso Standgebühren.

Und ein Automat, der Wind und Wetter ausgesetzt sei, verkomme binnen weniger Jahre zur „Rostlaube“. Brühl schätzt die Lebensdauer der Automaten auf zehn Jahre, dann muss wieder im großen Stil investiert werden. Mit seiner Kritik am „deutschen Vorschriftenwald“ hält der Verbandsgeschäftsführer nicht hinter dem Berg.

Viele Regulierungen müsse der Aufsteller beachten, bevor er ans Montieren gehe, beispielsweise die verbleibende Breite des Gehwegs, falls ein Automat hineinrage. In Staaten wie Frankreich und Italien sei das Aufstellen viel weniger reglementiert. Wer hierzulande gegen Bau- oder sonstige Vorschriften verstoße, werde häufig mit Bußgeldern in dreistelliger Höhe belegt - und müsse, falls er sich dagegen wehren wolle, mindestens genauso hohe Anwaltshonorare zahlen.

Die Kosten sind für Paul Brühl auch ein Grund für die niedrige Aufklärungsquote bei den Automatendiebstählen. Mangels öffentlichem Interesse, wegen niedrigem Streitwert und - daraus resultierend - mangels Inkassointeresse des Staates würden Anzeigen nicht mit letzter Konsequenz verfolgt. Der Aufsteller frage sich deshalb, was ihm die Anzeige bringe, zumal er mit einem Schadensersatz nicht einmal ansatzweise rechnen könne. Auch Versicherungen gegen Automatendiebstahl gebe es nicht, der Aufsteller bleibe auf dem kompletten Schaden sitzen. Träfen solche Diebstahlserien einen Kleinbetrieb, dann könnten sie ihn ruinieren.

Bleibt die Frage, wie den Aufbrechern das Handwerk gelegt werden kann. „Mit einer großen Keule daneben stehen“, empfiehlt Brühl lachend. Viel frequentierte Standorte auswählen, möglichst ausgeleuchtete, vielleicht sogar bewachte - seine realistisch klingenden Tipps relativiert er im gleichen Atemzug: „Die wird man nicht finden.“ Auch die Wetterauer Polizei ist bei der Tätersuche noch nicht wirklich vorangekommen, sie setzt auf Kommissar Zufall und die Bürger. Die werden gebeten, immer mal einen Blick auf die Standorte zu werfen, um wenigstens Tatzeiten eingrenzen zu können. Wer einen Knacker auf frischer Tat ertappt, soll ihn möglichst nicht ansprechen, sondern beobachten und dabei die Polizei alarmieren.

von Walter Engel, Christoph Agel und Ruth Korte

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