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Kirsten Fründt glaubt an ihren Instinkt

Interview mit der Landrätin Kirsten Fründt glaubt an ihren Instinkt

Umstrittene Projekte, die Aufsichtsbeschwerden nach sich zogen, und nun die Umorganisation im Kreishaus, die direkt wieder zu einer Eingabe beim Regierungspräsidium führte. Die OP hat Landrätin Kirsten Fründt zur aktuellen Situation befragt.

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SPD-Landrätin Kirsten Fründt (49) sprach in ihrem Büro im Kreishaus mit der Oberhessischen Presse.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Jeder, der in verantwortlicher Position tätig ist, sei gut beraten, auf seinen Kopf und den Bauch zu hören, erklärt Kirsten Fründt (49) im OP-Interview. Die Landrätin vertraut auf ihren Instinkt, würde in der gleichen Situation wieder genauso handeln, sagt sie zu umstrittenen Projekten wie ihrer 11.000 Euro teuren Dienstreise nach Japan, einer Klausurtagung der Führungskräfte im Hilton in Bonn (18.000 Euro) und zur Neuaustattung ihres Büros für 25.000 Euro.

Darüber hinaus rechtfertigt sie das Vorgehen beim Startschuss zur personellen Umorganisation in der Verwaltung. Der Betriebsrat sei seit Sommer eingebunden gewesen und nicht etwa überrumpelt worden. Während des gut halbstündigen Interviews geriet Fründt  nur einmal in Stocken: über eine Frage zu ihrem Büroleiter Ralf Laumer dachte sie fast eine halbe Minute nach.

OP: Welche Vorteile bringt die Umorganisation im Kreishaus für die Bürgerinnen und Bürger?
Kirsten Fründt: Der Vorteil ist, dass wir wissen, mit diesen Änderungen können wir auch zukünftig gute Verwaltungsarbeit anbieten. Wir müssen jetzt darauf reagieren, dass fast ein Viertel unserer Führungskräfte in den nächsten fünf Jahren ausscheidet. Ich muss mir überlegen, welche Strukturen dann notwendig sind, um zukünftig alle Arbeitsbereiche abdecken zu können.

OP: Und dazu wird eine neue Führungsebene eingeführt?
Fründt: Ganz im Gegenteil, wir straffen den Aufbau in den Führungsstrukturen. Es sollen flachere Hierarchien gebildet werden, damit die einzelnen Mitarbeiter mehr Verantwortung tragen und die Verwaltungsabläufe schneller werden. 

OP: Dadurch wollen Sie Stellen einsparen?
Fründt: Perspektivisch schon. Das kann man natürlich nicht sofort machen, aber mit dem Wissen, dass 25 Prozent der Führungskräfte in den nächsten Jahren ausscheiden, ist es ein Prozess, den wir auch immer so kommuniziert haben.

OP: Wir haben da einen anderen Eindruck gewonnen, nämlich, dass viele von den anstehenden Veränderungen überrumpelt waren. Und zwar auch deshalb, weil der Personalrat offenbar nicht von Anfang an eingebunden war.
Fründt: Ich weiß nicht, wo Sie den Eindruck herhaben. 

OP: Der kommt aus dem Kreishaus.
Fründt : Und Ihre Frage ist?

OP: Die Frage ist, wie passt das zusammen? Entweder, es waren alle einbezogen, es war alles transparent. Oder Mitarbeiter sind von anstehenden Veränderungen überrascht worden und fühlen sich überrumpelt.
Fründt: Dass Mitarbeitende überrascht wurden, ist Ihre Aussage, das ist aber nicht meine Wahrnehmung und auch nicht die Wahrnehmung des Personalrats. 

OP: Wenn der Personalrat für die Gesamtheit der Mitarbeiter spricht, dann ist das wohl so. Aber wir gewinnen auf mehreren Ebenen einen anderen Eindruck. Unter anderem auch aus E-Mails an die Mitarbeiter, die Sie selbst geschrieben haben. Wo zunächst die Rede davon ist, dass der Personalrat eingebunden war. Und in einer späteren Mail korrigieren Sie diese Aussage.
Fründt: Die Aussage wird nicht in der Hinsicht korrigiert, dass der Personalrat nicht eingebunden war, sondern wir haben mit der zweiten Mail nochmals verdeutlicht, in welcher Art und Weise er eingebunden war.

OP: In welcher Art und Weise war der Personalrat denn eingebunden?
Fründt: Er war in den Arbeitsgruppen-Vorbereitungen mit eingebunden. Und dann ist der Personalrat informiert worden über die anstehenden Organisations-Änderungen. Seitdem sind wir mit dem Personalrat in einem dauerhaften Gespräch.

OP: Können Sie es denn nachvollziehen, dass Mitarbeiter, die von Veränderungen betroffen sein werden, sagen, sie haben davon nichts gewusst. Oder davon erst aus Pressemitteilungen erfahren. Überrascht Sie das?
Fründt: Also, personelle Veränderungen betreffen die Mitarbeitenden im Haus und dass es Mitarbeitende gibt, die mehr davon betroffen sind als andere, ist auch klar, aber es überrascht mich in der Weise, dass es Aussagen darüber gab, es habe keine Information des Personalrats gegeben. Der Personalrat hat mitgearbeitet und war schon ab dem Sommer in den Prozess eingebunden. Der Personalrat hat Sie auch dementsprechend informiert!

OP: Und wurden die Veränderungen auch schon ab Sommer kommuniziert gegenüber den Mitarbeitern?
Fründt: Die Kommunikation gegenüber den Mitarbeitern haben Sie schon verfolgt, weil wir gleichzeitig auch die OP informiert haben.

OP: Es besteht bei Ihrer Umorganisation hier im Haus ja die Gefahr, dass sich Entscheidungswege verlangsamen, weil es andere Ansprechpartner und Hierarchien gibt. Wie stellen Sie sicher, dass es straffer und effizienter wird?
Fründt: So lange die neue Struktur in den Projektgruppen entwickelt wird, besteht natürlich die alte Organisationsform mit den ursprünglichen Abläufen in der Verwaltung. Wir wollen genauso gut, kundenfreundlich und präsent für die Bürgerinnen und Bürger sein, wie wir das jetzt auch schon immer sind.

OP: Nehmen Sie für den organisatorischen Umbau hier im Haus höhere Personalkosten in Kauf?
Fründt: Nein, wir rechnen nach der Umsetzung mit einer Personalkosteneinsparung von ungefähr 200 000 Euro im Jahr.

OP: Sie haben ein klares Bild von den Veränderungen und dem Zeitrahmen. Was stellen Sie sich vor?
Fründt: Bis der Prozess tatsächlich abgeschlossen ist, kann es zwei Jahre dauern, bis wir die neue Organisation aufbauen und dann auch leben. In einigen Fachbereichen haben die Projektgruppen bereits damit begonnen, ihre neue Organisationsform zu entwickeln. Gleiches habe ich für den Fachbereich Büro der Landrätin auf den Weg gebracht. Es geht auch darum, Führungsspannen zu verändern, das heißt kleinste Einheiten mit ganz wenigen Beschäftigten werden in größere Einheiten integriert.

OP: Wenn wichtige Entscheidungen anstehen, worauf verlassen Sie sich dann am meisten, auf den Bauch oder auf den Kopf?
Fründt: Ich glaube, dass jeder, der verantwortlich handelt, gut beraten ist, wenn er rational entscheidet und zugleich auf das Bauchgefühl hört.

OP: Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Instinkt Sie in Ihrer Amtszeit schon mal verlassen hat?
Fründt: Nein.

OP: Worauf wir hinaus wollen: Fingerspitzengefühl ist ja so eine Sache, die Ihnen im Zusammenhang mit der Klausurtagung der Führungskräfte im Hilton in Bonn abgesprochen worden ist. Können Sie das nachvollziehen?
Fründt: Die rationale Entscheidung für dieses Hotel beruht auf einer Kostenfrage. Das Hotel, das als günstigster Anbieter aufgeführt ist, haben wir genommen.

OP: Wieso reisen 56 Mitarbeiter des Kreises nach Bonn und nicht 5 Top-Referenten nach Marburg?
Fründt: Bonn ist die Hauptstadt der Bürgerbeteiligung und hat Vorbildcharakter für uns. Wir haben den Standort gewählt, weil er für das Thema Bürgerbeteiligung außerordentlich wertvoll ist.

OP: Das heißt, den Input, den Sie in Bonn bekommen haben, hätten Sie hier vor Ort nicht bekommen können?
Fründt: Den Input, den wir in Bonn bekommen haben, wo wir zwei Tage rund um die Uhr gearbeitet haben auch bis abends, hätten wir in der Tiefe hier in Marburg nicht bekommen können.

OP: Gab es auch Stimmen, die gesagt haben, vielleicht ist es kein gutes Signal, wenn wir uns mit den Führungskräften das Hilton buchen? Lass uns das mal lieber nicht machen?
Fründt: Zumindest ist das bei mir nicht angekommen.

OP: Das Hilton, die Japan-Reise, die Neuausstattung Ihres Büros – all das sorgt für Aufregung. Können Sie das nachvollziehen?
Fründt: Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich kann nachvollziehen, dass die Bürgerinnen und Bürger wissen wollen, wie mit Steuergeldern umgegangen wird. Dass wir mit Steuergeldern gut umgehen, darauf hat nicht zuletzt der
Regierungspräsident in seiner Antwort zur Dienstaufsichtsbeschwerde hingewiesen. Er hat diese Vorgänge bewertet und konnte kein rechtliches Fehlverhalten feststellen.

OP: Wobei der Regierungspräsident nichts über einen guten Umgang mit Steuermitteln gesagt hat. Er hat gesagt, es gibt nichts zu sanktionieren. Worum es uns geht, ist die Frage: Hat Sie dort vielleicht Ihr Bauchgefühl verlassen?
Fründt: So wie ich es auch im direkten Kontakt von den Bewohnern des Landkreises zurückgespiegelt bekommen habe, nehme ich es anders wahr. Die Bürger reagieren positiv darauf, wie wir Personalentwicklung betreiben, wie wir Mitarbeiterführung begreifen. Und das nehme ich so auch mit.

OP: Solche Projekte wie die Japan-Reise oder auch das Drachenboot-Rennen, die kommen wie aus dem Nichts, ohne dass es vorher einen öffentlichen Dialog gegeben hätte oder eine Form von Bekanntmachung.
Fründt: Die Japan-Reise habe ich im Kreisausschuss und im Kreistag bekannt gegeben.

OP: Im Kreistag erst nach Nachfragen aus der Opposition.
Fründt: Über die Japan-Reise haben wir umfänglich berichtet. Wir haben natürlich Veranstaltungen, die wir verwaltungsintern organisieren. Und da sehe ich keine Notwendigkeit, interne Veranstaltungen auch extern zu kommunizieren.

OP: Würden Sie Ihrem Stellvertreter die gleichen Dinge genehmigen: Japan-Reise, neue Büroausstattung oder eine Klausurtagung außerhalb?
Fründt: Wir besprechen die Entscheidungen immer gemeinsam in regelmäßigen Sitzungen. Insofern sind wir hier kommunikativ nah beieinander, der Erste Beigeordnete und ich.

OP: Moralische und rechtliche Bewertung sind zwei verschiedene Dinge. Würden Sie persönlich künftig irgendwo anders handeln?
Fründt: Nein.

OP: Wir möchten zum Schluss noch auf fünf weitere Themenfelder eingehen und haben dazu Satzanfänge vorbereitet, die Sie bitte frei ergänzen möchten. In der Flüchtlingskrise haben wir als Landkreis…
Fründt : … viel gelernt, gut als Kreis-Team zusammengearbeitet und erfolgreich die Herausforderungen gemeistert.

OP: Mit einer kreiseigenen Wohnungsbaugesellschaft würden wir…
Fründt: … den sozialen Wohnungsmarkt im Landkreis weiter unterstützen können.

OP: Der größte Erfolg der Bürgerbeteiligung besteht darin,…
Fründt: … dass wir es geschafft haben, Bürgerinnen und Bürgern in unterschiedlichen Fragestellungen vermehrt eine Plattform zur Äußerung zu geben.

OP: Der frühere Erste Kreisbeigeordnete Karsten McGovern hätte mir in meiner ersten Zeit im Amt…
Fründt: … als Dezernent genauso zur Verfügung gestanden wie Marian Zachow.

OP: Ohne meinen Büroleiter Ralf Laumer …
Fründt: (zögert 22 Sekunden lang, bis sie den Satz beendet) … würde ich als Landrätin des Landkreises Marburg-Biedenkopf auch eine gute Politik machen wie bis jetzt.

 
Personalkosten
Im OP-Interview ging es auch um die Personalkosten im Kreishaus. Öffentlich diskutiert wurden Rechnungen mit einem Anstieg von 10 bis 20 Prozent. Zahlen zur Entwicklung in den Haushalten 2015 und 2016 – die ersten von Fründt verantworteten Etats – sollten der OP im Anschluss ans Interview nachgereicht werden. Der Kreis legte dann lediglich Zahlen zu den Veränderungen von 2014 auf 2015 vor, errechnete einen Anstieg von rund 2,4 Millionen Euro (4,8 Prozent – ohne Veränderungen bei den Rückstellungen). Zusätzliche Personalkosten von rund 382 000 Euro für betreute Grundschule stellten dabei laut Kreis den größten Posten dar.

von Christoph Linne und Carina Becker-Werner

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