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Kirchen geißeln Pegida-Bewegung

Umstrittene Thesen Kirchen geißeln Pegida-Bewegung

Kirchenvertreter aus Marburg kritisieren die Pegida-Anhänger. „Diese Leute missbrauchen den Begriff des christlichen Abendlands auf eklatante Weise“, sagt Probst Helmut Wöllenstein.

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Kritik am Islam, an Einwanderung, an Ausländer-Kriminalität: Die in Dresden demonstrierenden und im Internet unterstützten „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ sehen sich in Marburg zunehmender Kritik ausgesetzt.

Quelle: Archivfoto: Arno Burgi

Marburg. Geistliche schütteln den Kopf über das Religionsverständnis der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida): „Entstanden ist das Abendland durch das Zusammenwachsen von Völkern. Der Jude Jesus Christus ist quasi auf der Flucht geboren, in Ägypten sucht und findet die Familie Asyl - das ist die Ursprungsgeschichte des Abendlandes und vermittelt eine ganz andere Botschaft als die folgenschwere Fehldeutung durch Pegida“, sagt Wöllenstein auf OP-Anfrage. Die Zusammenführung der Kulturen statt der Abgrenzung voneinander zeichne den Erfolg des christlichen Abendlandes aus. „Nationalistische Abschottung macht dieses Abendland, das Pegida zu schützen vorgibt, kaputt.“

"Diffuser Haufen spricht niedere Instinkte an"

Das sieht die katholische Kirche ähnlich. „Vielfalt, Toleranz, Würde und Menschenrechte machen das Abendland aus. Pegida konterkariert dessen Wesenskern, instrumentalisiert etwas, das sie offenbar nicht mal kennen“, sagt Pfarrer Franz Langstein. „Das ist ein diffuser Haufen, der dumpfe, niedere Instinkte der Menschen anspricht“, sagt er. Die „pauschale Islam-Diffamierung“ sei „beängstigend und beunruhigend“, ergänzt der evangelische Geistliche Wöllenstein. Als Marburger Christen könne man „solches Gedankengut nicht teilen“. Deshalb hat die Evangelische Kirche alle Mitglieder aufgerufen, sich - wie der Probst selbst - der Antigida-Demo am Montag anzuschließen.

Zwar seien viele Menschen zurecht wegen der Gewalt der Terrororganisation „Islamischer Staat“ etwa in Syrien besorgt, jedoch kämen nicht die Täter, sondern die Opfer als Hilfesuchende nach Deutschland. „Ich glaube, die meisten wissen das auch. Selbst in kleinen Dörfern in meinem Sprengel gibt es viele Menschen, die das Flüchtlingsthema nicht stumm hinnehmen, sondern sich aktiv kümmern“, sagt Wöllenstein. Das sei vor 20, 25 Jahren noch anders gewesen, damals habe es auch in Mittel- und Nordhessen viel Widerstand gegeben.

AfD fordert Verständnis für Bürger-Sorgen

Der Landesverband Hessen der Alternative für Deutschland (AfD) unterstützt hingegen nach eigenen Aussagen die Pegida-Proteste: „Die reflexartige Ablehnung der Anliegen, Sorgen und Ängste der Bürger zeigt nur die Entfremdung der Parteien vom Volk“, sagt Ravel Meeth, AfD-Pressesprecher. „Es gibt ein breites Gefühl, dass etwas schiefläuft in Deutschland. Und die aktuelle Flüchtlings- und Asylpolitik ist ein rechtsfreier Zustand, der geändert werden muss“, sagt Konrad Adam, AfD-Landeschef. Statt „kläglicher, ungezügelter Beschimpfungen“ solle die Politik die Bürger-Sorgen verstehen.

"Fremdenhass kann man nicht verstehen"

Das von der AfD geäußerte Verständnis-Verlangen sieht Wöllenstein kritisch. „Über soziale Ängste und Notlagen können, müssen wir reden. Aber Fremdenhass und kollektive Islam-Ablehnung sind nicht vernünftig zu diskutieren, geschweige denn zu verstehen.“

Die Organisation „Pro Asyl“ begrüßt die Antigida-Demonstration und warnt vor einer Verharmlosung der Pegida-Bewegung. „Sie stellt Rechte wie die Religionsfreiheit und das Recht auf Asyl und damit die Grundlage unserer Gesellschaft in Frage“, sagt Geschäftsführer Günter Burkhardt. Offensiv werde versucht, „Rassismus im politischen Diskurs zu etablieren“, in dem weit verbreitete rassistische Ressentiments mobilisiert und diese als demokratische Meinungsäußerung besorgter Bürger präsentiert werde. Statt Verständnis für die Sorgen der Pegida-Anhänger, müsse „die Angst vor der wachsenden rassistischen Gewalt und Hetze endlich ernst genommen werden“, sagt Burkhardt. „Verständnis für Menschen, die mit Rechtsextremen auf die Straße gehen, verharmlost gefährliches Mitläufertum.“

Organisatoren rechnen mit 1500 Teilnehmern

Die Organisatoren gehen derzeit von 1500 Teilnehmern aus - es wäre die größte Demo in Marburg seit den Anti-Studiengebührenprotesten im Mai 2006 als rund 2500 Teilnehmer durch die Universitätsstadt liefen.

Beginn der Antigida-Demonstration ist am Montag um 18.30 Uhr am Hauptbahnhof, es soll während des Protests durch die Innen- und Oberstadt Kundgebungen geben.

von Björn Wisker

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