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Kino war keine Umerziehungs-Instanz

Forschung Marburg: "Kapitulation im Kino" Kino war keine Umerziehungs-Instanz

„Kapitulation im Kino“: Unter diesem Titel hat Kulturwissenschaftlerin Professorin Ina Merkel die Filmaufführungen der vier Besatzungsmächte Deutschlands unmittelbar  nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs untersucht.

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Spot an: Charlie Chaplin sitzt vor einer in eine sowjetische und britische Flagge eingehüllten Hitler-Karikatur, vor der US-Fahne. Diese Collage ziert das Titelcover des Buchs „Kapitulation im Kino“.

Quelle: Panama-Verlag

Marburg. „Wie es ein Niemandsland gibt, gibt es eine Niemandszeit. Sie erstreckt sich vom Nichtmehr bis zum Nochnicht. Wir vegetieren im Dazwischen. Was gegolten hat, gilt nicht mehr. Was gelten wird, gilt noch nicht. Das einzig Gültige heißt Höhere Gewalt“.

Diese Tagebucheintragung des Schriftstellers Erich Kästner vom 28. Mai 1945 stellt die Kulturwissenschaftlerin Professorin Ina Merkel ihrem einleitenden Kapitel in ihrem umfassenden neuen Buch voran, in dem sie den Alltag in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus einer besonderen Perspektive erkundet: Sie analysiert die Filmpolitik der vier Besatzungsmächte USA, Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien in dieser Zwischenzeit direkt nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur

„Nach dem Krieg sahen die Besatzungsmächte Filme als eine Möglichkeit, ihre Kulturen, ihre politischen Intentionen und ihre Zukunftsvisionen den Deutschen auf eine einprägsame Weise zu vermitteln“, meint Merkel. Das Ziel sei es gewesen, die Anerkennung und Zustimmung der Deutschen zu ihrer Politik zu erreichen.

So hoffte beispielsweise William H. Hays, Präsident der Kino-Filmverleiher auf die friedensstiftende Kraft der Hollywood-Filme.

Deutungsmuster nicht einfach übernommen

Doch das Kino als Umerziehungsinstanz sei schon bald gescheitert. „Ins Kino der Besatzer zu gehen, bedeutete für die Deutschen nicht automatisch kulturelle Kapitulation“, analysiert die Marburger Forscherin. Die in den dort gezeigten Filmen angebotenen Deutungsmuster seien nicht einfach übernommen worden. Jedoch habe sich das Kino als ein Ort des Vergnügens etabliert, „an dem gefahrlos viele verschiedene andere Leben imaginiert werden konnten“.

Auf ihr Thema stieß die Professorin, als sie eigentlich ein Buch zu den in der DDR gezeigten ausländischen Filmen schreiben wollte und dabei die Vorgeschichte recherchierte.   Aus dem zunächst geplanten längeren Essay wurde ein eigenständiges Forschungsprojekt, für das sie mehrere Monate lang Filme sichtete und sich gedanklich in das Jahr 1945 zurückversetzte.

Um  den zeitgeschichtlichen Hintergrund zu verstehen, beschrieb Merkel in ihrem Buch auch den Alltag im Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit. Zwischen den Trümmerwüsten der Städte  irrten Millionen von Menschen – darunter Kriegsheimkehrer, ehemalige ausländische Zwangsarbeiter, verlassene Kinder oder Frauen, umher. Dieses sei sowohl eine Zeit der Gesetzlosigkeit und der Gewalt als auch eine Zeit der sexuellen Freizügigkeit und  des „ungebändigten Vergnügens“ gewesen, schreibt Merkel. Das vorherrschende Gefühl sei das „Aus-der-Welt-Gefallen-Sein“ gewesen.

Vor diesem Hintergrund spielte sich die Kulturpolitik der Besatzungsmächte Deutschlands ab. Neben klassischen Konzerten, Kunstausstellungen und Theateraufführungen erstreckte sie sich auch auf das „Massenvergnügen“ des Kinos, die Frage, welche Filme die Deutschen sehen durften. Darüber entschieden unterschiedliche Kommissionen der Alliierten. „Dass sie den Deutschen überhaupt Spielfilme zeigten, ja ihnen sogar ihre eigenen Filme ließen, war ein unverhofftes Geschenk der Sieger an eine Nation, die einen Kulturbruch begangen hatte“, meint Merkel. Damit sei ein Zeichen der Hoffnung auf Rückkehr der Deutschen in die Völkergemeinschaft gesetzt worden.

Hollywood die wichtigste Filmindustrie der Welt

Doch am Beispiel der USA zeigt die Kulturwissenschaftlerin, wie komplex die Aufgabe der Filmauswahl war. Schon damals war in Hollywood die wichtigste Filmindustrie der Welt. Doch viele der interessantesten und populärsten Filme aus den Kriegsjahren wurden zunächst nicht gezeigt, aus unterschiedlichen Motiven.

So habe es zunächst  eine Probeaufführung des Charlie-Chaplin-Films „Der große Diktator“ aus dem Jahr 1941 gegeben, in dem der US-Komiker eine meisterhafte Parodie auf Adolf Hitler ablieferte. Doch danach wurde entschieden, dass man den Film noch nicht in den  Kinos zeigen konnte, weil man sich so kurz nach dem Kriegsende noch nicht in dieser Form über den NS-Terror hatte lustig machen können. Kassenschlager wie die Südstaaten-Romanze „Vom Winde verweht“  (1939) wurden dem deutschen Kino-Publikum aus ökonomischen Gründen vorenthalten. Denn die Hollywood-Filmbosse konnten damit in Deutschland kaum Geld verdienen, weil alle dort erlangten Einnahmen wieder in Deutschland reinvestiert werden mussten.

Dennoch gab es auch einige besondere Klassiker zu sehen, wie den absoluten Publikumserfolg „Goldrush“ mit Charlie Chaplin als armem Tramp in der Hauptrolle. Der Film über den gedemütigten und geprügelten Außenseiter unter Außenseitern auf der Suche nach dem großen (Gold)-Schatz habe in Deutschland nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes auch wegen der Ähnlichkeit der Notlage funktioniert. Gleichzeitig sei er auch kulturübergreifend verstehbar gewesen.

Die „unendliche Traurigkeit des Krieges“ habe sich in mehreren sowjetischen Filmen gezeigt. Aber auch das „Abenteuer Revolution“, die Modernität der Geschlechterverhältnisse oder das ungewohnte sowjetische Großstadtleben sei darin plastisch geworden.

Kriegsdramen, Alltagsfilme, Musicals, Kriminalfilme oder Komödien: Das Genrespektrum der Filme der Alliierten war breit, doch worin bestand der gemeinsame Nenner? Das Wichtigste sei das Durchbrechen der von der nationalsozialistischen Diktatur errichteten kulturellen Blockade gewesen.

„In all den Filmen wurden Vorstellungen vom Leben in den USA, Frankreich, Großbritannien oder der Sowjetunion vermittelt, die sich auf eine intuitive Weise in die Wahrnehmung einschrieben und im Gedächtnis der Zuschauer festhakten“,  schreibt Ina Merkel.

Es seien Perspektiven auf Leben und Tod, Krieg, Liebe, Glück, Anerkennung oder Gerechtigkeit präsentiert worden, verdichtet zu einem aufregenden Tableau moralischer Eigenarten.

von Manfred Hitzeroth

  • Hintergrund: Die vier Besatzungsmächte USA, die Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien waren nach dem Kriegsende sehr ungleichgewichtig mit ihren Filmen in den deutschen Kinos vertreten,  erläutert Professorin Ina Merkel. Allein  zwei Drittel aller Filme aus alliierter Filmproduktion stammten von den Filmnationen und Supermächten Sowjetunion und USA. 32 sowjetische Spielfilme und 23 amerikanische Spielfilme wurden gezeigt. Hinzu kamen 18 Filme aus französischer Produktion, von denen sieben unter deutscher Besatzung produziert worden waren. Sechs britische Filme komplettierten das Bild. Die meisten dieser Filme aus ausländischer Produktion waren zunächst nur in der Originalsprache zu sehen. Gegen Ende 1945 folgten dann aber teilweise schon synchronisierte Filme oder Filme mit Untertiteln. Es gab außer in Berlin, wo die Filme aus den Ländern aller vier Alliierten zu sehen waren, keinen Filmaustausch. Das heißt, dass in den vier Besatzungszonen nur die Filme aus dem Land der jeweiligen Besatzungsmacht gezeigt wurden. Hinzu kamen noch  deutsche Filme, die schnell auf nationalsozialistische Ideologie geprüft und eventuell bereinigt wurden. So ermittelte Merkel, dass 137 deutsche Spielfilme gezeigt wurden.  
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Forscherin nutzt Filme, Zeitungen und Literatur

Eine Vielzahl von Quellen wertete die Kulturwissenschaftlerin Professorin Ina Merkel für ihr von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Buch „Kapitulation im ­Kino“ aus.

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