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Kinderlärm auf Bolzplatz stört Professor

Nachbarschaftsstreit Kinderlärm auf Bolzplatz stört Professor

Am Ortenberg ist ein Nachbarschaftsstreit entbrannt. Ein Anwohner beschwert sich über Kinder, die auf dem gegenüberliegenden Schulgelände spielen - und stellt Strafanzeigen.

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Der vor mehreren Jahren zum Spiel- und Bolzplatz umgebaute Hof an der Geschwister-Scholl-Schule ist für Familien vom Ortenberg und aus dem Waldtal ein Freizeit-Treffpunkt geworden. Ein Anwohner kritisiert den steigenden Lärmpegel. Foto: Björn Wisker

Marburg. Der Wind weht braune Blätter von den Ästen, nasses Laub schmiegt sich an den Boden. Ein schwarz-weißer Ball zischt durch die Pfütze, zieht ­eine Furche durch das Wasser - und schlägt im grünen Metall­zaun ein. Bumm! Es ist ein ­Geräusch, das rund um die Geschwister-Scholl-Schule (GSS) zum Problem geworden ist.

Verursacher solcher Töne ist etwa Leon. Der Zwölfjährige ist eines von Dutzenden Kindern aus den Stadtteilen Ortenberg und Waldtal, das dort täglich Fußball oder Fangen, Basketball oder auf Schaukeln spielt - und an diesem Herbsttag den Ball neben das Tor in den Zaun drischt. Diesmal spielt er alleine auf dem dunklen Gummifeld, manchmal kickt er mit Kumpels Vier gegen Vier, es sind Alltagsszenen, auch für Eltern wie ­Andreas Schaudig. Sein Haus in der Andréstraße grenzt direkt an die Schule, nur ein schmaler Weg trennt sein Grundstück vom Minisportplatz, wo Bälle mal in Tore, mal in Zäune einschlagen, wo Kinder toben und brüllen. Ihn stört das nicht, im Gegenteil. „Das ist ein Zeichen von Leben im Stadtteil“, sagt der Vater eines Neun- und eines Elfjährigen.

Es gibt aber einen Ortenberg-Anwohner, den die Spielszenen unterhalb seines Wohnhauses stören. Und zwar so sehr, dass er - ein Physik-Professor im ­Ruhestand - tobende Kinder anzeigt. Etwa die Söhne der ­Familie Schaudig. Die Mutter, Andreas Schaudigs Frau, bekam kürzlich Post von der Justiz, eine Strafanzeige, da sie mit ihren Kindern unerlaubterweise auf dem Schulgelände Fußball gespielt habe. „Das ist ein Treffpunkt von Generationen, von Menschen vom Ortenberg und aus dem Waldtal. Dass auch mal gemeinsam gespielt wird, ist doch etwas Schönes“, sagt er.

Fakt ist aber: An der GSS gilt ein Sonn- und Feiertags-Spielverbot, auf das auch über mehrere Schilder rundum die Schule hingewiesen wird. Wer das ignoriere, könne ordnungs- und strafrechtlich belangt werden.

Für die Familie war die Anzeige dennoch ein Schock, mehr noch ist sie ein Ärgernis. „Faktisch sind das nunmal die einzigen Tage in der Woche, an ­denen Berufstätige mit ihren Kindern Zeit verbringen, etwas unternehmen können“, sagt Schaudig.

Ortenberggemeinde übt Kritik an Spielverbot

Er argumentiert grundsätzlich: „Kindern wird vor allem von ­Älteren doch immer vorgeworfen, nur noch an Konsolen vor Bildschirmen zu hängen, nicht mehr zum Spielen rauszugehen. Machen sie das dann, ist es aber auch nicht richtig.“ Zumal es kaum Möglichkeiten zum Treffen und Toben am Ortenberg gebe. Bolzplätze? Fehlanzeige - ein stadtweiter Trend in den vergangenen Jahren, perspektivisch droht auch etwa der Wegfall des Platzes nahe dem Hallenbad Wehrda. Die Ortenberggemeinde kritisiert sowohl den Mangel an Flächen (der Schützenplatz an der Käthe-Kollwitz-Schule etwa ist mittlerweile dem Vereinssport vorbehalten) als auch das Verhalten des Physik-Professors: „Herrje, es geht um Kinder, die an den Tagen mal zwei Stunden Ball spielen und nicht um die Belagerung des Platzes durch Studenten zu Unzeiten. Jetzt werden schon Familien mit Verbrechern gleichgestellt“, sagt Pit Metz, Vorsitzender der Stadtteilgemeinde. Der Verein hat den Magistrat in einem Brief bereits zur Aufhebung des ­„unsäglichen Spielverbots“, zum Abbau der Verbotsschilder aufgefordert.

Für Olaf Melsheimer wäre das „richtig schlimm“. Der habilitierte Naturwissenschaftler ist jener Professor, der die Anzeigen stellt. Er erläutert auf OP-Anfrage seine Beweggründe: „Man wird durch den permanenten Lärm unheimlich belästigt, das ist ein unerträglicher Zustand, den ich nicht ewig hinnehmen will“, sagt Melsheimer, der seit 40 Jahren im angrenzenden Haus lebt. Ihm sei bei Einzug klar gewesen, dass der Schulalltag zu Lärm führe, an den Trubel während der Grundschulzeiten habe er sich gewöhnt.

„Ich habe überhaupt nichts gegen spielende Kinder“

„Zunehmend allergisch reagiere ich an meinem Lebensabend aber auf diesen ohrenbetäubenden, Tag ein, Tag aus entstehenden Lärm durch die Dauerbelegung des Spielplatzes.“ Seit Jahren, seit dem Umbau des Mini-Schulhofs zum Spiel- und Bolzplatz verschlimmere sich die ­Situation. Als kürzlich abermals Gruppen von Kindern und Eltern außerhalb der GSS-Öffnungszeiten Fußball spielten, habe er zum Beweis „mehrere Tatort-Fotos gemacht“ - die er nach Wortgefechten mit Eltern löschte - und Anzeige erstattete. „Regelmäßig wird das geltende Verbot gebrochen, nicht durch Einzelne, sondern durch ganze Gruppen wird auf das verschlossene Gelände eingedrungen. In meinem Rechtsverständnis ist das nicht erlaubt, es ist Hausfriedensbruch.“

Aber wieso erkennt niemand anderes als Melsheimer ein Lärmproblem? Er erklärt sich das mit der speziellen Lage seines Wohnhauses unmittelbar oberhalb des Schulhofs sowie der Bewohner-Fluktuation in der Immobilie, die für eine „gewisse Gleichgültigkeit“ sorge.

Als Kinderfeind will sich Melsheimer jedoch nicht verstanden wissen, im Gegenteil. „Ich habe überhaupt nichts gegen spielende­ Kinder, auch nicht an Sonn- und Feiertagen. Natürlich wollen die sich, auch mit ihren Eltern, austoben. Es ist nicht in meinem Sinne, es denen zu verbieten. Aber die Realität ist, dass sich auf dem Platz immer wieder Jugendliche aufhalten, sich auch zu Saufgelagen treffen - und der Lärm, den die machen, hat noch eine ganz andere Dimension.“ Melsheimer wünscht sich mehr Rücksichtnahme in der Nachbarschaft, fordert die Eltern von Teenagern dazu auf, die Über-14-Jährigen vom Bolzplatz fernzuhalten. „Ältere sollten sich einfach einen anderen Treffpunkt suchen, das ist doch wohl zumutbar.“

von Björn Wisker

Parallelen zum Zwetschenweg-Streit
Auf dem Sportplatz von Blau-Gelb Marburg am Zwetschenweg darf an Sonn- und Feiertagen mittags zwischen 13 und 15 Uhr wegen Lärmbelästigung, die Anwohner beklagten, nicht Fußball gespielt werden. Das wurde 2013 gerichtlich durchgesetzt. Bei einer 2011 durchgeführten, deutschlandweiten Befragung gaben 50 Prozent an, dass sie an ihrem Wohnort von Kinderlärm verschont bleiben wollen. Ein Drittel der befragten Teilnehmer macht sich nach eigenen Angaben nichts aus Kinderlärm, würde auch in die Nähe von Schulen, Kindergärten oder Spielplätzen ziehen.

 

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