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Wissenschaft

Kinderhörspiele sind ein Spiegel der Gesellschaft

Die Jungdetektive von TKKG erfüllen Klischees und Bibi Blocksberg ist nicht so emanzipiert, wie sie scheint. Wissenschaftler haben bei den beliebtesten Kinder-Hörspielen mal genau hingehört.
Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg begeisterten Kinder in den 1980er- und 1990er-Jahren. Foto: Thorsten Richter

Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg begeisterten Kinder in den 1980er- und 1990er-Jahren.

© Foto: Thorsten Richter

Marburg. Kassel. Benjamin Blümchen ist der Held vieler Kinderzimmer. Aber verbirgt sich hinter dem netten Elefanten, der so gerne Zuckerstückchen mag, eigentlich ein ökologisch-bewegter Wutbürger? Und entwirft Jim Knopf ein Gegenbild zum Nationalsozialismus? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich seit zwei Jahren eine Ringvorlesung: Sie beleuchtet Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive.

Jetzt haben die drei Initiatoren von der Uni Kassel auch ein Buch mit gesammelten Beiträgen der Reihe herausgegeben. Wir haben dazu drei Thesen aufgestellt.

Benjamin Blümchen ist politisch? Das würde wohl kein Kind behaupten. Doch wenn der Politikdidaktiker Oliver Emde sich die alten Kassetten einlegt, hört er mehr heraus als früher. Wenn Benjamin Sitzstreiks organisiert oder in Bäume klettert, damit man sie nicht fällen kann, werde auch ein radikales Verständnis von Beteiligung in einer Demokratie vermittelt, sagt Emde.

Hörspiele atmene wie Filme den Geist ihrer Zeit

„Er ruft dazu auf, sich nicht alles gefallen zu lassen und sich einzumischen.“ Die Detektivbande TKKG, in der Jugend ein Garant für Spannung, liefert bei näherer Analyse vor allem heiße Spuren zu Klischees und Vorurteilen. „Einer ist dick, einer schlau und das Mädchen muss immer früh nach Hause“, fasst der 
 Erziehungswissenschaftler Dr. Lukas Möller zusammen. „Und der Bösewicht hat ein vernarbtes Gesicht und einen slawischen Akzent.“
Kinder-Hörspiele sind ein Spiegel der Gesellschaft.

Hörspiele atmen wie Filme, Literatur und andere Kulturprodukte den Geist ihrer Zeit – mitsamt der herrschenden Vorurteile und Menschenbilder. „Sie sind ein Spiegelbild der Gesellschaft“, sagt der Literaturdidaktiker Dr. Andreas Wicke. Die Abenteuer von „Tim und Struppi“, deren Wurzeln in der 1920er-Jahren liegen, strotzen nur so von rassistischen Darstellungen der Kolonialzeit.

Auch die später produzierten Hörspiele sind nicht frei davon. Die kleine Hexe Bibi 
Blocksberg, die auf ihre Hörer 
zunächst frech und emanzipiert wirkt, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als in den klassischen Rollenbildern gefangen.

Ihre Mutter Barbara hext vor allem am Herd und am 
 Ende hat in der Familie doch der Vater das Sagen. Seiner Tochter zeigt er immer wieder die Grenzen auf. „Auch Bibi akzeptiert, wie Deutschland in der Kohl-Ära tickt“, sagt Lukas Möller.
Die Ringvorlesung, die in diesem Semester in der dritten Runde stattfindet, erfreut sich großer Beliebtheit. Als im Vortrag über Benjamin Blümchen die bekannte Titelmelodie 
erklang, wippten viele Zuhörer selig grinsend mit.

Wissenschaft darf 
auch Spaß machen

„Man verbindet Gefühle und Erinnerungen damit“, sagt Möller. Bei aller Nostalgie und dem Spaß am Medium Kinderhörspiel sei die wissenschaftliche Analyse jedoch nicht weniger ernsthaft, betonen die drei Initiatoren. Die Vertreter der jeweiligen Fachwissenschaften – von Geschichte bis Geschlechterforschung – wenden ihr Handwerkszeug genauso an wie bei jedem anderen Forschungsgegenstand.

Den Spaß an den Helden der Kindheit verderbe der erwachsene, professionelle Blick darauf nicht, finden die Wissenschaftler. „TKKG so zu dekonstruieren“, sagt Lukas Möller, „ist auch ein ziemliches Vergnügen“.
Von „Bibi Blocksberg“ bis „TKKG“: Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive, Hg. v. Oliver Emde, Lukas Möller, Andreas Wicke, Verlag Barbara Budrich, 19,90 Euro.

von Katja Rudolph


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