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Kinder im Schatten der Sucht

Alkoholkranke Eltern Kinder im Schatten der Sucht

Die schlimmsten Verletzungen fügen Drogen Menschen zu, die selber nicht abhängig sind: Kinder von Alkoholkranken und anderen Süchtigen haben oft Schuld- und Schamgefühle. Und sie sind stark gefährdet, selbst einmal zur Flasche zu greifen.

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Katrin Schlötterer hält den „Sorgenfresser“ in den Händen. Dort können die Kinder in der Therapie ihre Sorgenzettel reinstecken. Stefan Stark sitzt in der Hängematte. In der Gruppe „Drachenherz“ können die Kinder entspannen, spielen, toben oder von ihrem Kummer erzählen.

Quelle: Anna Ntemiris

Marburg. Ein Siebenjähriger, der seiner Mutter morgens ein Glas mit Wein ans Bett bringt - damit sie den Tag schafft. Diese Szene aus einem Film, den Suchtberater zeigen ist real, sagt Stefan Stark, der das Projekt „Drachenherz“ des Blauen Kreuzes leitet. „So etwas gibt es. Auch hier bei uns“, sagt der Diplom-Pädagoge. Stefan Stark (44) und seine Kollegin, die Psychologin Katrin Schlötterer (32), bieten für Kinder und Jugendliche suchtkranker Eltern Therapien an. „Drachenherz“ startete 2007 in Marburg als Pilotprojekt und ist seitdem überregional bekannt. Die meisten Kinder und Jugendlichen, die „Drachenherz“ aufsuchen, kommen aus der Mittelschicht oder „drüber“, sagt Stark. Alkoholismus macht vor keinem Klientel halt. Jedes sechste Kind oder 2,65 Millionen Kinder und Jugendliche leben in Deutschland in einer Familie, in der Vater oder Mutter suchtkrank sind. Die erschreckende Statistik: Ein Drittel davon wird später einmal alkohol-, drogen- oder medikamentenabhängig. Zudem besteht ein erhöhtes Risiko, psychisch krank zu werden. Ein anderes Drittel sucht sich einen süchtigen Partner und lebt so die erlernten Verhaltensmuster weiter.

„Kinder helfen über ihre Grenzen hinaus“

Mütter oder Väter, die zur Flasche greifen, können sich häufig nicht um ihre Kinder und nicht um den Haushalt kümmern. Damit trotzdem alles läuft und keiner was merkt, schlüpfen die Kinder in die Elternrolle. Sie kaufen ein, versorgen die kleineren Geschwister, wirken reifer als Gleichaltrige, berichtet Schlötterer. „Kinder helfen über ihre Grenzen hinaus“, sagt sie.

Neben der körperlichen Arbeit im Haushalt sei vor allem der emotionale Missbrauch schlimm. Stark berichtet von einer Schülerin, die so sehr in diese Helfer-Rolle geschlüpft ist, dass sie sich regelmäßig überlastet und überfordert. Wenn in der Schule Freiwillige für Projekte gesucht werden, sieht sie sich in der Pflicht. „Sie kann nicht mehr Nein sagen.“ Die Folge: Manchmal liegt sie kraftlos im Bett - tagelang. Schritt für Schritt lernt sie in der Therapie, dass sie auf sich selbst aufpassen muss, dass sie nicht für ihre Familienangehörigen verantwortlich ist.

Besonders typisch für Kinder suchtkranker Väter oder Mütter sind Schuld- und Schamgefühle, sagen die Marburger Experten. Wenn sie „lieber“ wären, bessere Schulnoten hätten oder mehr im Haushalt helfen würden, würde sich die Mama nicht so verhalten, vielleicht glücklicher sein: „So denken Kinder“, sagt Stark. „Sie versuchen sich, die Situation zu erklären. Sie brauchen Erklärungen“, ergänzt seine Kollegin. Die Berater erklären den Kindern, im Gespräch oder manchmal spielerisch, dass sie nicht schuld sind.

Der Schmerz dieser Kinder, die tagein tagaus ihre Eltern betrunken, depressiv, aggressiv oder verwahrlost erleben, ist häufig äußerlich nicht zu bemerken. Umso behutsamer müsse man mit den Betroffenen umgehen. Das „Drachenherz“-Team will daher Erziehern und Erwachsenen, die in der Freizeit in der Kinder- und Jugendarbeit tätig sind, Ratschläge im Umgang mit dieser allgegenwärtigen Thematik geben. Am Freitag finden anlässlich einer bundesweiten Aktionswoche des Vereins NACOA, Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien, in Marburg und Biedenkopf Fortbildungsveranstaltungen statt. „Wir werden weitere Fortbildungen organisieren, die offen für jeden Interessierten sind. Der Bedarf ist da“, sagt Stark. Die Gruppe „Drachenherz“ bietet Betroffenen im Gebäude des Blauen Kreuzes in der Wilhelmstraße vertrauliche Einzelgespräche an, einmal pro Woche auch in Biedenkopf beim Diakonischen Werk. Die Beratungsstelle hat auch Info-Material für Jugendliche. Sie empfiehlt auch das Buch „Flaschenpost nach irgendwo“ von Schirin Homeier und Andreas Schrappe. Das Fachbuch für Kinder suchtkranker Eltern ist im Mabuse-Verlag erschienen.

  • Kontakt zu „Drachenherz“: Telefon 23181 oder per E-Mail: drachenherz@blaues-kreuz.de

von Anna Ntemiris

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