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Kinder-Sex-Bilder: Jurist entgeht dem Knast

Pornografie Kinder-Sex-Bilder: Jurist entgeht dem Knast

Tausende Brutal-Bilder und Hunderte Videos von Sex mit Säuglingen hortete ein 23-jähriger Jurastudent aus Marburg. Er musste sich am Mittwoch vor dem Amtsgericht verantworten.

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Mehr als 2300 Pornobilder und 400 Sexvideos sammelte der 23-jährige Angeklagte über Jahre auf seinem PC. Darunter Zeugnisse brutalsten Kindesmissbrauchs.

Quelle: Lupo / pixelio.de

Marburg. Die Dutzende Seiten dicke Anklageschrift mit den Ausdrucken der Pornobilder vom PC des Angeklagten konnten sich die Schöffen und der Vorsitzende Richter, Cai-Uwe Boesken kaum ansehen. Zu brutal, zu aufwühlend waren die Motive. „Wir sehen hier Fotos von Kleinstkindern, denen absichtlich große Schmerzen zugefügt werden“, sagt Boesken. Nicht nur durch den Sex als solchen, auch durch den Einsatz von Werkzeugen wie etwa Klemmen, die an den Brustwarzen der Minderjährigen befestigt sind. Kleinen Mädchen werden Gegenstände vaginal, Jungen anal eingeführt. Babies werden von Tieren vergewaltigt, auf Säuglinge wird uriniert.

Mehr als 2300 Pornobilder und 400 Sexvideos sammelte der 23-jährige Angeklagte über Jahre, tauschte sie in der düsteren Internetszene - bis der Jurastudent im Juli 2012 aufflog. „Hinter jedem einzelnen Bild steht ein grausames Schicksal, ein echter, schwerer Kindesmissbrauch“, sagt Boesken. Der Besitz und die Verbreitung solcher Aufnahmen sei eine schwere Straftat, zumal die Datenmenge und die Dauer der Aufbewahrung - mitunter Jahre - dagegen spreche, dass der Angeklagte nicht auch „sexuell sehr angeregt ist von diesen pornografischen Motiven.“ Eine dementsprechend hohe Strafe drohe ihm.

„Für solche Menschen habe ich selbst immer die härtesten Strafen gefordert“, sagt der beschuldigte Bauerbacher, der in München geboren ist. Er habe aber nicht über die Schicksale, den realen Missbrauch nachgedacht. „Einfach gesammelt und angeschaut“, sagt er. Erst seien es „normale Sexbilder, von 20-Jährigen“ gewesen. Dann seien die Personen auf den Fotos, die er bekam, immer jünger geworden: „18, 17, 14 und weiter nach unten.“

Die Polizei ermittelte ursprünglich gegen einen anderen Kinderporno-Besitzer aus der Region. Im Zuge der Festnahme stießen sie auf die Internetverbindungs-Adressen (IP) des Bauerbachers. Über einen Internet-Kommunikationsdienst ICQ - einem Chatprogramm - tauschte er zwischen Februar 2011 und Juli 2012 etwa 3000 Kinderporno-Dateien, schrieb mit anderen Szene-Mitgliedern. „Aber direkten Kontakt zu denen oder gar zu Kindern hatte ich nie“, sagt der Beschuldigte. Das bezweifelt die Staatsanwaltschaft: „Bei den enormen Umfängen und extremen Inhalten liegt eine schwere sexuelle Störung vor. Das ist keine Kleinigkeit, sondern Schwerstmissbrauch. Und ich fürchte, dass da noch mehr dahinter steckt als nur eine Phase“, sagte deren Vertreter.

Knackpunkt: Pädophiler oder gestörter Sammler?

Die Angst des Schöffengerichts: Ist der Angeklagte ein Perverser, ein potentieller Kinderschänder? Oder handelt es sich bei dem Porno-Sammelwahn um eine Episode, um eine therapierbare Störung? Das Gericht rang um eine Lösung, führte Rechtsgespräche. „Die Gefahr ist real, dass es nicht beim Anschauen und sexueller Erregung bleibt, sondern dass echte Kontakte hergestellt werden“, sagte Boesken.

Zumal ein Psychologe, der den Angeklagten ein halbes Jahr nach dem Auffliegen der Taten betreute, trotz Bitten der Verteidigung kein Gutachten oder eine Einschätzung seiner Sichtweise einreichte. Doch immerhin, so Rechtsanwalt Sascha Marx, habe sich der Jurastudent bereits freiwillig in eben jene psychologische Behandlung begeben. Etwa ein Dutzend Therapiestunden später fühle er sich gefestigt, habe kein Interesse mehr an „diesem entsetzlichen Material“, wie er es nannte. Im Gegenteil: Gepaart mit der Beziehung zu seiner neuen 20-jährigen Freundin und dem Schock eines Gerichtsprozesses komme er „nie wieder auch nur in die Nähe der Versuchung“, sagte der von Beginn an geständige Viertsemester.

Mit ein paar Gesprächen alle zwei Wochen sei solch eine Sexstörung aber nicht zu behandeln, entgegnete der Staatsanwalt. Langfristig, über Jahre müsse so etwas therapiert werden. Seinem Plädoyer, wonach er zur dauerhaften Behandlung einen psychologischen Sexualberater aufsuchen muss, folgte das Gericht bei der Urteilsverkündung.

Die verhängte zweijährige Haftstrafe auf Bewährung gilt für eine Bewährungszeit von vier Jahren. Ein Sozialexperte wird in dieser Zeit zudem immer wieder die Internetverbindungen des 23-Jährigen kontrollieren. Boeskens Urteilsbegründung nach langer Beratung mit den beiden Schöffen: „Nur weil die Nachfrage nach solchem Material vorhanden ist, entsteht ein Markt“, sagte er. Die Fotos und Videos, die der 23-Jährige besessen habe, seinen keine Momentaufnahmen, sondern Beweise von zerstörten Kinderleben. Nur die Reue, die der Angeklagte empfinde, das frühe Geständnis schon bei der polizeilichen Vernehmung und die Tatsache, dass er nicht vorbestraft sei und bereits erste Schritte zur Therapie unternommenen habe, sorge dafür, dass er an einer Gefängnisstrafe vorbeischramme. „Unsere Strafbemessung ist trotzdem grenzwertig, gerade noch im Bewährungsrahmen und fußt auf strengen Auflagen und Kontrollen.“

von Björn Wisker

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