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Kilian wandelt sich zur Edel-Herberge

Wohnungsnot Kilian wandelt sich zur Edel-Herberge

Studenten-Appartements in der Oberstadt: Die Wohnungsnot sorgt dafür, dass das geschichtsträch-tige Haus Kilian zum Mietshaus wird. Bis Ende September soll alles fertig sein - doch der Termin wackelt.

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Die Architekten Thomas Oesterle (l.) und Johann Oesterle planen die Neugestaltung des um 1180 erbauten Hauses. Sie koordinieren die Bauarbeiten und sind vor Kurzem auf Überraschungen in der ältesten Kirche Marburgs gestoßen: Ein mittelalterlicher Keller, der Historiker auf Trab hielt, eine bei vorherigen Arbeiten verkorkste Dämmung im Dach und den oberen Etage. Das führt zu Verzögerungen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Johann Oesterle liebt Musik, ihren Klang speziell in alten Fassaden. Was für manchen nach Kirchenkonzert mit Violine und Cello klingt, ist für den Architekten das Geräusch von Hämmern und Sägen in der Ex-Kilianskapelle am Schuhmarkt. „Es ist ein äußerst spannendes Projekt, eines der ältesten Häuser Marburgs neu zu gestalten“, sagt der 31-Jährige. Seit Anfang Februar schuftet der Planer gemeinsam mit Dutzenden Handwerkern in der um 1180 erbauten Kapelle. 22 Zimmer, zwischen zwölf und 20 Quadratmetern groß, werden derzeit hergerichtet. Pro Etage entstehen zwischen vier und sechs Wohnräume, Bäder, je eine große Küche, Gemeinschaftsräume. Das Ziel: In der Ex-Kapelle entsteht Marburgs Edel-Studenten-WG.

Bauarbeiten sollen im Wintersemester abheschlossen sein

„Alle alten Fachwerk-Strukturen bleiben erhalten, werden in die moderne Gestaltung integriert“, sagt Thomas Oesterle (66), Chef des gleichnamigen Planungsbüros in der Mainzer Gasse in der Oberstadt. So wird sich eine Küche zwischen Holzpfeilern entlang schlängeln, in vielen Wohnräumen sind Verzierungen an der Wand, schauen alte Luken und Fenster aus der Mauer hervor. Vor allem in den oberen Geschossen bleibt ein Großteil der alten Bausubstanz bestehen.

Das Flair der Oberstadt - künftige Mieter sollen es im Kilian als Wohnluxus genießen können. „Wir haben das Haus vor einigen Monaten erworben, damit es nicht weiter verfällt und etwas Sinnvolles daraus gemacht werden kann“, sagt Oliver Hanneder, Prokurist der Gewobau (kleines Bild rechts). 900 000 Euro investiert die kommunale Wohnungsbaugesellschaft in die Immobilie, in der jahrelang das Grüne Kreuz zuhause war. Die Zielgruppe für die Wohnungen: Studenten. „Der Druck auf die Kernstadt ist enorm. Aber viel zentraler kann man in Marburg wirklich nicht wohnen“, sagt der 44-Jährige. Bis zum Start des Wintersemesters, Anfang Oktober, sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein. „Das ist ein sportliches, aber machbares Ziel“, sagt er. „Es ist jedoch noch weit mehr zutun als wir zunächst gedacht haben“, entgegnet Thomas Oesterle.

Um den Termin zu halten, arbeiten zeitgleich bis zu acht Firmen, zwei Dutzend Handwerker, auf der Baustelle. Und die Kosten? Daran, dass diese so bleiben, wie veranschlagt, glaubt Hanneder. Aber: „In so alter Bausubstanz bleibt es nicht aus, dass hier und da mal ein paar Euro mehr ausgegeben werden müssen. Dinge, die man vorher nicht kalkulieren kann“, sagt er. Die Entdeckung eines mittelalterlichen Kellers etwa. Bauarbeiter stießen auf den Hohlraum als sie marode Böden abbauten. „Es roch faul, knackte ein paar Mal und plötzlich brachen die Arbeiter ein“ erinnert sich Thomas Oesterle. In Mitten der jahrhundertealten Wände fanden sie alte Schuhe, Flaschen, Schalen - Historiker waren begeistert. Die Denkmalpflege begutachtete jeden Zentimeter des 1,50 Meter hohen Raums - dann schloß man den Keller, der nach wochenlanger Begutachtung nicht für die neue Nutzung verwendbar war, mit Kies. So werde nichts beschädigt. „Und spätere Generationen können ihn wieder in seinem Originalzustand ausgraben“, sagt Oesterle.

Kleinster Toilettenraum Marburgs in Planung

Tücken gibt es nicht nur im Keller. Auch im Spitzboden des denkmalgeschützten Gebäudes ist besondere Vorsicht geboten. Dort darf, obwohl Platz wäre, niemand wohnen. Aus Sicherheitsgründen, wie die Architekten sagen. „Da käme bei einem Brand keine Feuerwehr hin“, sagt der 31-Jährige. Überhaupt legt die bewegte Geschichte des Hauses dem Kreativdrang Ketten an. Nicht alles, was bei Planung und Sanierung möglich gewesen wäre, darf auch umgesetzt werden. „Kitzelig ist es vor allem, für die Leitungen die richtigen Wege durch die mittelalterlichen Wandteile zu finden“, sagt Thomas Oesterle. Jeder Altbau warte mit neuen Herausforderungen auf, bedürfe besonderer Pflege. Das werden auch die künftigen Mieter eingebimst bekommen: Es gilt ein Appell, nichts auf die alten Säulen, Balken und Fenster zu kleben - sie auch nicht zu streichen. In Mietverträgen darf das nicht geregelt werden. „Bewohner zu finden, die diesen geschichtsträchtigen Bau wertzuschätzen wissen, wäre das Beste“, sagt Johann Oesterle.

Denn in seiner jahrhundertalten Geschichte hatte der Kilian schon viele Zwecke. Top-Appartements für Hochschüler waren noch nicht darunter.

Aufwendig sind auch die Arbeiten auf dem Dach. Während auf dem Vorderhaus bereits Schiefer verlegt ist, werkelten Dachdecker zuletzt an den Holzlatten und der sechs Zentimeter dicken Aufspanndämmung des Haupthauses. In diesen Tagen schließen die Handwerker auch dort die großen Deckarbeiten ab. In puncto Energieeffizienz soll das Haus modernen Immobilien in nichts nachstehen. Das hinzubekommen, war schwierig. Nicht nur, dass eine ganze Etage ungeplant neu gedämmt werden musste. Auch sind die Wände unterschiedlich dick: 1,20 Meter im Unter-, 20 Zentimeter im Dachgeschoss.

Lieblinge hat das Architektengespann in den alten Räumen auch gefunden: Zwei Mini-Fenster, die für Frischluft in einem Zimmer sorgen, der bald als der wohl kleinste Toilettenraum Marburgs gelten wird.

von Björn Wisker

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