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Keine Spur von Luxus im „Polizei-Hotel“

Besuch in der Ausnüchterungszelle Keine Spur von Luxus im „Polizei-Hotel“

Gut schlafen lässt es sich hier garantiert nicht. In den Ausnüchterungszellen der Polizei ist von Luxus keine Spur. Eine Decke, eine Gummimatte - das muss reichen.

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Zentimeterdicker Stahl trennt die Außenwelt von der Ausnüchterungszelle in der Polizeistation Marburg: Eine Matte, eine Decke, damit müssen sich die Insassen zufrieden geben. Foto: Michael Hoffsteter

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Betrunkene, Randalierer, Gewalttäter - wer im „Polizei-Hotel“ landet gefährdet entweder seine eigene Gesundheit oder die Sicherheit anderer. Zentimeterdicke Stahltüren schützen die Gesellschaft, aber auch die Täter. Dort sollen sie sich beruhigen, einen möglichst klaren Kopf finden. Die Kargheit einer Zelle hilft. Denn: Wer möchte schon freiwillig in diesen Bunkern landen?

In der Zelle landen - anders wie es der landläufig Name vermuten lässt - nicht nur Alkoholiker. Genauso dienen sie zur Unterbringung von Gewalttätern, die in der Nacht in Gewahrsam genommen wurden und noch nicht in ein staatliches Gefängnis überführt wurden. Eine Nacht - das ist das Maximum. Und auch am folgenden Morgen sollen die Festgenommenen möglichst schnell entlassen werden.

Die Polizisten erleben die ganze gesellschaftliche Bandbreite. Vom Ehemann, der seine Frau schlägt, bis hin zum Obdachlosen, der droht, in der Kälte zu erfrieren. Menschliche Schicksale. Am Rande der Gesellschaft. Getrieben von Armut, Alkohol oder Aggressionen. „Die Kollegen sehen eine Menge Elend, wenn die Menschen hier eingesperrt werden müssen“, sagt Polizeipressesprecher Jürgen Schlick. „Aber das ist nun mal der Job.“ Die Zelle ist so spartanisch wie möglich ausgestattet. Eine Gummimatte auf einem gefliesten Betonblock, das war‘s. Keine Toilette, keine Dusche, keine Kissen.

Aus gutem Grund: Die Polizei trägt Sorge für die Sicherheit der Insassen. Die Gefahr von Suizid ist groß. Per Klingel können sich die „Bewohner“ melden, werden von Personal dann entsprechend versorgt. Zudem sind die Zellen von Kameras überwacht, bei routinemäßige Kontrollen wird nach dem Rechten geschaut.

Das Prozedere ist immer gleich. Die Polizei durchsucht die Verhafteten. Feuerzeuge, Gürtel, Schnürsenkel - alles konfiszieren die Beamten. Bei gesundheitlichen Bedenken wird ein Arzt zurate gezogen. Im Zweifel geht‘s ins UKGM. Das gilt für den Volltrunkenen, den vermeintlich Flüchtigen ebenso für den Schläger.

„Betrieb herrscht da unten eigentlich immer“, sagt Pressesprecher Martin Ahlich. Besonders wenn Großveranstaltungen wie 3TM, Abi-Feiern oder Karneval den Alkoholpegel nach oben treiben. An Weihnachten hingegen rechnen die Polizisten mit Ruhe. Aus Erfahrung. „Wenn wir dann zu Einsätzen gerufen werden, übergeben wir die Täter zumeist in psychische Behandlung. Da haben wir es vermehrt mit depressiv Kranken zu tun“, erklärt Ahlich.

Im Winter, wenn draußen die Temperaturen weit unter null Grad liegen, dann wird aus der Ausnüchterungszelle ein echter Lebensretter. Obdachlose, die keine Notunterkunft gefunden haben, auf offener Straße schlafen, werden aufs Revier gebracht. Zur Sicherheit. „Wir haben da schon einige Stammgäste“, erzählt Schlick. „Schön zu erleben ist das nicht. Unsere Aufgabe ist es aber, Leben zu schützen.“ An Weihnachten. Und wie an den 362 anderen Tagen des Jahres auch.

von Carsten Bergmann

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