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Kein gutes Pflaster für Radfahrer

Marburg fällt im Test durch Kein gutes Pflaster für Radfahrer

Marburg ist durch den Test gefallen. Im Bundesvergleich gehört die Universitätsstadt in puncto Fahrradfreundlichkeit zu den Schlusslichtern. Der ADFC fordert einschneidende Veränderungen.

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Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung befragte der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) fast 80000 Radler. Für Marburg mit erschreckendem Ergebnis: In der Kategorie der Städte unter 100000 Einwohnern belegt Marburg Rang 237 von 252. Als Schulnote bekommt die Stadt eine Vier minus, nur drei hessische Kommunen schnitten noch schlechter ab.

Für Wolfgang Schuch, verkehrspolitischer Sprecher des ADFC-Kreisverbandes Marburg-Biedenkopf ist das Abschneiden nicht sonderlich überraschend. Er sagt: „Marburg fehlt die Sensibilität für dieses Thema. Der prinzipielle Wille ist da. Der richtige Druck fehlt.“ Der Marburger, der seit sieben Jahren auch dem Verkehrsbeirat der Stadt angehört, wird konkreter am Beispiel des Bahnhofsvorplatzes. Radwege führen dort in Sackgassen, es gebe keine entsprechende Weisung vom Bahnhof in die Bahnhofstraße. Mit einer Querung via Verkehrsinsel sei eine schlechte Lösung gewählt worden. Aber woran liegt die aus seiner Sicht schlechte Verkehrsregelung?

„Bei der Bauplanung werden Fahrradfahrer schlichtweg vergessen“, sagt Schuch. „Die Wegweisung wie sie ist, kann man getrost in die Tonne treten.“ Die Unzufriedenheit der Radfahrer spiegelt das Ergebnis wider. Im Einzelnen: Für die Ampelschaltung bekam die Stadt im Durchschnitt eine Fünf minus. In ganz Deutschland schnitt keine Kommune schlechter ab. Die Konflikte mit dem Autoverkehr brachten eine Fünf plus (zweitschlechtestes Ergebnis), die Breite der Radwege bekamen eine glatte Fünf. „Der Klimatest bestätigt genau die Lücken, die wir seit Jahren anprangern“, sagt Schuch. ADFC-Vorsitzender Uwe Diehl ergänzt: „Den Lippenbekenntnissen müssen nun Taten folgen.“

Die Nachbarstadt Gießen schneidet klar besser ab

Was aber macht Marburg schlechter als andere Städte wie zum Beispiel Gießen, das auf Rang 156 gelistet wurde? „In den anderen Städten herrscht eine andere Mentalität“, sagt Schuch. So sei die Lage in Gießen vor zehn Jahren katastrophal gewesen. Die Verwaltung habe die Probleme aber erkannt und mittlerweile behoben. Tübingen (Platz 38), Göttingen (12) oder Heidelberg (10) hätten Fahrradbeauftragte, die sich um die Entwicklung kümmern, sich für bessere Lösungen für Radler einsetzen. Das fängt schon beim Winterdienst an. „In Frankfurt werden die Radwege als erstes geräumt, dann die Straßen. In Marburg wird der Schnee auf die Radwege geschoben.“

Der Wille zur Veränderung sei in Marburg durchaus vorhanden. „Die Verwaltung ist willens. Wer aber etwas sagen und bewegen kann, fährt im Alltag selber kein Rad“, sagt Schuch. „Oft geht es nur um Kleinigkeiten.“

Was sagt Bürgermeister Franz Kahle (Grüne) als Baudezernent zum Testergebnis? „Wir wissen, wir haben noch immer viele Defizite. Wir haben in den letzten Jahren aber bereits viel aufgeholt.“ Dem Vorwurf, den Radfahrern fehle es in der Verwaltung an Lobby, erteilte er eine klare Absage: „Grundsätzlich bringen wir jedes gewünschte Thema auf den Plan des Radverkehrsbeirates. Die Ergebnisse fließen dann auch in die weiteren Planungen ein.“

Die Kritikpunkte an der Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes festzumachen, hält Kahle ebenfalls für bedenklich. „So ein Projekt ist nicht der Normalfall. Dort kommt die Kritik von allen Verkehrsteilnehmern.“ Die Stadt schaue genau, was möglich ist und versucht konkrete Vorschläge von wem auch immer umzusetzen. Das Thema Radfahren genieße bei der Verwaltung - auch wenn er selbst, wie Kahle sagt, deutlich zu wenig Fahrrad fahre - hohe Priorität. „Wir werden wegen der Umfrage jetzt nicht in Traurigkeit verfallen. Für uns heißt das viel mehr: Wir müssen dran bleiben.“

von Carsten Bergmann

Hintergrund

Münster hat den Titel im ADFC-Fahrradklima-Test verteidigt. Der Vorsprung schmilzt jedoch: Freiburg folgt bei den Städten über 200 000 Einwohner auf Platz zwei. Bei den Städten 100 000 bis 200 000 Einwohner verteidigte Erlangen seinen Titel, gefolgt von Oldenburg und Hamm. Bocholt gewinnt bei den Städten bis 100.000 Einwohnern.

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