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Kein Bock mehr auf Karotten!

Der Osterhase ist bedroht Kein Bock mehr auf Karotten!

Zu Ostern darf er in keinem Körbchen fehlen: Der Osterhase. Auf dem Feld, in der freien Natur, fehlt von seinen unprominenten Verwandten in letzter Zeit aber häufig jede Spur. Das lässt sich ändern: Wir müssten mehr Bioprodukte kaufen, sagt Hasenforscher Johannes Lang.

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Hasen, da wo sie am liebsten sind: Auf einem dicht mit Klee und Wildkräutern bewachsenen Feld. Zu Ostern sieht man die Hasen überall: Im Supermarkt, im Osterkörbchen oder als Zimmer- oder Fensterdeko. In freier Wildbahn sieht man die Feldhasen aber leider immer seltener.

Quelle: Johannes Lang, Grafik: Nicola Ohlen

Lich. Früher zu Omas und Opas Zeiten, da gab es sehr viele Feldhasen. „Etwa 100 Stück pro 100 Hektar“, sagt der Wildtierbiologe Johannes Lang aus Lich, je nachdem wo man sie suchte. Grob könne man sagen, dass auf jedem Fußballfeld großen Stück Land (etwa einem Hektar also), ein Hase wohne: „Die besten Zeiten für Hasen waren in Deutschland bis in die 1960er und 1970er Jahre. Danach ging es stetig bergab“, so Lang. Der Mittelhesse schreibt seine Doktorarbeit über eine Hasenpopulation nördlich von Kassel.

Und dort hat er auch nachgezählt und zwar im Dunkeln: Weil der Hase tagsüber schläft und sich versteckt hält, pirschen sich Hasenforscher nachts oder in der Dämmerung an die Feldränder und leuchten seinen Lebensraum aus. „So lassen sich die Hasen-Zahlen sehr gut bestimmen“, sagt Lang,

Ein Drittel weniger Hasen

Heute kommen nach Zählungen von Wissenschaftlern und Jägern weit weniger Hasen auf einen Hektar: „Es gab sicherlich im Schnitt mehr als dreimal so viele Hasen wie heute. Ganz genau kann man das im Nachhinein aber nie sagen“, so Lang.

Viele Jäger sehen schon davon ab, Hasen im Herbst zu jagen und die Population damit noch weiter zu dezimieren
Aber woran liegt der Schwund? Gibt es zu wenig Möhren, das vermeintliche Lieblingsessen des Hasen oder zu viele Raubtiere. „Nichts von Beidem“, sagt der Biologe. Die intensive Landwirtschaft hat den Lebensraum des Feldhasen extrem eingeschränkt.

Früher bediente sich Meister Lampe einfach am Futtergras oder eben dem, was die Bauern zum Füttern ihrer Viehherden so anbauten. Inzwischen wird in der intensiven Viehhaltung oft mit Mais, Soja oder besonders energiehaltigem Getreide gefüttert. „Der Hase findet dann einfach nichts mehr zu fressen“, sagt Johannes Lang. An der hessischen Staatsdomäne Frankenhausen forscht der Wissenschaftler über die Auswirkung von ökologischer Landwirtschaft auf die Hasen-Population. Staatsdomäne ist der Begriff für Äcker und landwirtschaftliche Flächen, die dem Land Hessen gehören.

Die Regierung hatte einst beschlossen, diese Flächen nur noch mit Öko-Landbau zu bewirtschaften. Das führt dazu, dass hier keine künstlichen Dünger eingesetzt werden und Vieh wieder mit Gras und Klee gefüttert wird, das auf Feldern in der Nähe der Ställe selbst angebaut wird. „Wildkräuter und Klee sind einerseits ein natürlicher Stickstoff-Dünger für den Boden und zweitens eine eiweißreiche Nahrung für´s Vieh“.

Und siehe da: Wo Klee wächst, da lebt auch der Hase gerne: Johannes Lang hat die Entwicklung der Staatsdomäne und ihre Umstellung auf ökologische Landwirtschaft beobachtet und begleitet. Wo vorher im Schnitt 10 oder 11 Hasen auf 100 Hektar lebten, leben heute wieder etwa 55 Hasen auf derselben Fläche. Ein Wachstum, an das selbst der Forscher zu Beginn nicht glauben wollte. Die Erklärung ist aber relativ simpel: „Die Hasen bekommen im Frühjahr bis zu neun Junge pro Wurf. Davon werden immer ein paar gefressen, sie sterben so oder so.“ Das wäre aber nicht schlimm für die Population, so sei das in freier Wildbahn eben. Um die Wahrscheinlichkeit aber nicht noch zu erhöhen, dass ihre jungen Häschen von Raubtieren gesehen werden, treffen sich die großen Muttertiere nur einmal am Tag mit ihrem Nachwuchs: „Das läuft dann so wie in der Formel 1 ab. Nämlich mit einer richtigen Druckbetankung. Die Mutter muss in nur drei Minuten sehr energiehaltige Milch an die Kinder weitergeben“, so Lang. Deswegen sei die Hasenmilch auch keine Milch im eigentlichen Sinne, sondern vom Fettgehalt eher mit Creme fraiche zu vergleichen.

Creme fráiche für Häschen

Um so eine energiereiche Milch herzustellen, müsste aber auch die Nahrung der Mutter sehr energiereich sein. Sprich: Fehlt, wie in der konventionellen Landwirtschaft, der Anbau von Klee, tut das dem Hasen weh. „Bei Vorträgen sage ich deshalb immer wieder: Hasen würden Bio kaufen! Und wenn sie mehr Hasen sehen wollen, sollten sie das auch tun“, bringt Lang es auf eine einfache Formel.
Dann so Lang, könnte man sogar hin und wieder einen Hasenbraten beim Jäger kaufen. Dagegen sei nichts einzuwenden, sagt der Licher, der in seiner Umgebung für das Forstamt selbst auf die Jagd geht. Das Problem sei nur, dass die Population eben vielerorts so gering sei, dass selbst der als Rammler verschriene Hase nicht mehr mit dem Nachwuchs hinterherkäme. Die Forschung von Johannes Lang hat im Übrigen weitreichende Folgen für das Bild, dass wir vom Hasen haben:
Auf einem Feld in der Staatsdomäne Frankenhausen hatten die Bio-Bauern Möhren angebaut. Auf dieses Feld verirrte sich in der gesamten Beobachtungszeit kein einziger Hase. Kein Bock auf Karotten.
Wir haben mit der Grafik in der Mitte dieser Seite, das Bild des Hasen zurecht gerückt: Ein vierblättriges Kleeblatt bringt nicht nur uns Menschen, sondern auch dem Hasen Glück.

Im Blickpunkt: Der Hasenforscher beschäftigt sich mit Hasen, Lemmingen und Haselmäusen

Johannes Lang arbeitet seit über 10 Jahren freiberuflich als Wildbiologie und Säugetierkundler. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehörten in den letzten Jahren vor allem die systematische Erfassung von Säugetieren. Im Herbst kommt er in den Landkreis Marburg-Biedenkopf um Haselmäuse zu zählen. Außerdem bewertet er Bejagungskonzepte und Wildmanagement-Strategien. Unter anderem ist er seit über 10 Jahren an einem Langzeitforschungsprojekt zu den Populationszyklen von Lemmingen in Grönland beteiligt. Über das Institut für Tierökologie und Naturbildung buchen ihn auch Firmen, Kindergärten oder Schulen, damit er ihnen in Seminaren Wildtiere und die Natur näher bringt.

Hintergrund: Schnell und ausdauernd, dank Hasenherz

  • Der Feldhase ist ein Säugetier aus der Familie der Hasen (Leporidae). Die Art besiedelt offene und halboffene Landschaften. Inzwischen reicht sein Verbreitungsgebiet in West-Ost-Richtung vom nördlichen zentralen Spanien und der Bretagne bis in den Südwesten Sibiriens und in den Nordwesten der Mongolei. (Wikipedia)
  • Durch intensive Landwirtschaft, vor allem den großflächigen Anbau von Getreide ist der Hasen-Bestand seit den 1960er Jahren stark rückläufig.
  • Viele verwechseln noch immer Hasen mit Kaninchen. Kaninchen leben aber in einem unterirdischen Bau, während Hasen ganzjährig auf offener Fläche leben. Deshalb unterscheiden sich auch Körper- und Muskelaufbau. Letztere müssen nur kurze Sprints zu ihrer Höhle hinlegen, wenn sie von einem Raubtier verfolgt werden. Der Hase ist größer und seine Muskeln und sein Herz sind so aufgebaut, dass er lange Verfolgungsjagden mit seinen typischen Haken durchhalten kann. Sein Herz ist im Verhältnis zum Körper sehr groß, so dass es viel sauerstoffreiches Blut pumpen kann. Bei einem Feigling von „Hasenherz“ zu sprechen, ist deshalb eigentlich irreführend.

von Tim Gabel

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