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Kaugummiautomaten: gibt es die überhaupt noch?

Serie: Vom Aussteben bedroht Kaugummiautomaten: gibt es die überhaupt noch?

An ihm entzündet sich kindlich-kriminelle Energie: am Kaugummiautomaten. Irgendwie muss doch an den Ring mit dem blauen Stein heranzukommen sein. Heute wie damals wecken die Automaten Begehrlichkeiten – nur sind sie seltener zu finden. Oder etwa nicht?

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Quelle: von Alf Loidl/pixelio

Zehn Pfennig einwerfen, einmal am silbernen Griff drehen und nachschauen, ob bloß ein paar Kugeln Kaugummi daliegen oder ob auch ein kleines Plastikspielzeug nach unten gerutscht ist – ein Kindheitsritual, dass die meisten Erwachsenen noch kennen. Der Kaugummi schmeckte – bleiben wir ehrlich – so lala. Erst ein bisschen zu süß, nach zehn mal Kauen wird er zu hart. Nach zwanzig Mal kauen ist auch die letzte Geschmacksnote verflogen. Aber um Kaugummis geht es hier nicht. Sie sind Trostpreis.   Die ganze Aufmerksamkeit gilt dem Schnickschnack, der durch die Plastikscheibe zu erkenne ist. Schmuck, kleine Autos, Spielzeug, das Kinderherzen höher schlagen lässt.

Erwachsene verlieren den Blick für die Automaten

Ziel damals wie heute: möglichst viel Inhalt mit möglichst wenig Geld ergattern. Und dafür haben ganze Generationen Strategien entwickelt, um den Öffnungsmoment in die Länge zu ziehen. Der Klassiker: ein Ast, der in die Öffnungsluke geklemmt wird. Klappt in den seltensten Fällen. Bleibt noch die Variante: Zerstörung der Plastikscheiben. Mit Feuerzeugen oder roher Gewalt. Nicht die  feine englische Art. Legal erst recht nicht. Die wohl effektivste Variante: bei Mama um Kleingeld betteln. Früher um Groschen, heute um Centbeträge.
Aber gibt es die Objekte der Begierde heute eigentlich noch? Ja, es gibt sie. Wer einmal darauf achtet, sieht sie an vielen Orten hängen:  Traditionell rot verkleidet und auch gut gefüllt. Bloß Kinder, die Geld einwerfen, die sind kaum noch zu sehen. „Die Kaugummiautomaten gibt es nach wie vor“, sagt Thomas Witt, Geschäftsführer beim Bundesverband der Warenautomatenaufsteller. „Die fallen einem nur nicht mehr auf, wenn man erwachsen ist.“ Das Befüllen der Automaten sei allerdings eine mühsame Arbeit, die sich inzwischen nicht mehr so viele Betreiber wie früher antun. Wie viele Kaugummiautomaten es noch gibt, das weiß er auch nicht: „Das weiß keiner.“

20 Cent - einmal drehen

Dass es weniger werden, das allerdings weiß Erhard Mühlstein, der 40 Jahre Geschäftsführer bei Bieber & Co Süßwaren-Automaten in Lich war. Etwa 8000 Automaten betreut die Firma in Hessen und den angrenzenden Bundesländern, „aber wir hängen keine neuen mehr auf.“ Es gebe weniger Kinder als früher, und die, die es noch gibt, seien auch nicht mehr so viel alleine draußen unterwegs. Außerdem gebe es viel Konkurrenz, überall können Kinder Süßigkeiten kaufen. Der magische Moment, wenn ein Kind ganz allein Geld einwerfen und am Griff drehen darf, den gebe es aber schon noch. Nur halt nicht so oft und so lang. Und weil die Verweildauer der Kaugummikugeln wegen der geringeren Frequenz gar zu lang wäre, gehe der Trend dazu, nur Spielzeug in die Automaten zu füllen, „das wird nicht schlecht.“
Sabine Schütz, Eigentümerin der Firma Kaugummimann Warenautomaten in Unna, sieht die Zukunft der Kaugummiautomaten allerdings weniger schwarz. Auch ihr Unternehmen habe seine Wurzeln schon in den sechziger Jahren, rentiere sich aber immer noch – sonst hätten sie und ihr Mann es nicht erst vor wenigen Jahren übernommen. 2000 Automaten von Göttingen bis Heidelberg bestückt der „Kaugummimann“, und alle drei bis sechs Monate wird neu befüllt – eine ganz schöne Fahrerei. Und in ihren Automaten sei auch immer noch Kaugummi, ganz traditionell versetzt mit Spielzeug. 20 Cent kostet es mittlerweile, den Griff zu drehen, und für die Kinder sei das nach wie vor „das erste Geldgeschäft, das sie ganz allein machen können, ohne mit einem Verkäufer reden zu müssen.“
Vandalismus sei kein allzu großes Problem, allerdings werden die Automaten auch gerne mal geklaut, „dann findet man die bei Ebay wieder – und unser Namensschild ist noch dran.“ Es werde zwar immer schwerer, neue Plätze für die Automaten in der Nähe von Grundschulen und Bushaltestellen zu finden, aber Sabine schütz ist sich sicher: „Der Kaugummiautomat ist nicht tot.“ Dann gibt es also noch Hoffnung für unsere Autorin. Denn den blauen Ring hat sie damals nie bekommen.

von Heike Döhn

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