Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
"Kasematten-Elmar" gräbt nicht mehr selbst

Bundesverdienstkreuz "Kasematten-Elmar" gräbt nicht mehr selbst

Mehr als 30 Jahre hat sich der ehemalige Marburger Stadtbaudirektor Elmar Brohl für die Restaurierung der Kasematten engagiert. Heute erhält er dafür den Lohn: das Verdienstkreuz am Bande.

Voriger Artikel
Blühende Wiesen statt karger Rasenflächen
Nächster Artikel
Messerstiche angeblich aus Notwehr

Elmar Brohl, pensionierter Stadtbaudirektor, hat sich mehr als drei Jahrzehnte lang mit den Kasematten beschäftigt. Den heimischen Garten genießt er auch heute nur selten. Foto: Andreas Schmidt

Marburg. Steil in den Hang gebaut ist sein Haus im Marburger Sandweg, einer Sackgasse. „Da kommen wenigstens keine Einbrecher“, witzelt ein Nachbar. Und Elmar Brohl gibt ihm Recht: „Viel zu steil, außerdem keine Fluchtwege“, sagt er lachend. Vorbei an Sandsteinmauern führt der Weg. „Hier habe ich mich als Steinmetz versucht“, sagt er. „E & W“ - die Initialen für Elmar und Waltraud - zieren als Relief den Stein, genauso, wie „Jessica“ und „David“, „zwei meiner vier Enkel.“

Die sind auch von den Kasematten fasziniert. Auch, weil Großvater Elmar rund 35 Jahre seines Lebens mit den Gräben im Erdreich rund um das Marburger Schloss verbracht hat. Teils beruflich - in seiner Zeit als Marburger Stadtbaudirektor - und auch privat. Denn seit 16 Jahren ist Brohl im Ruhestand. Aber die Kasematten lassen ihn nicht los. Ebenso wenig wie die Marburger Baugeschichte.

Mit einer urbanen Legende aufgeräumt

Als Elmar Brohl 1974 nach Marburg kam, waren „Schandflecke“ wie der „Affenfelsen“ bereits beschlossen. „Heute ist eine ganz andere Architekten-Generation nachgewachsen, die unheimlich gute Gebäude erstellt.“ Dazu zählt Brohl beispielsweise den ursprünglichen Bau des Uni-Klinikums. „Die Nasszellen außen am Gebäude anzusetzen, um sie möglichst problemlos austauschen zu können, das war schon fantastisch“, sagt er. Und räumt damit auch gleich mit der urbanen Legende auf, dass die Architekten die Nasszellen initial vergessen hätten. Brohl kopfschüttelnd: „Das verkünden ja sogar noch einige Stadtführer.“

Auch die neuen DVAG-Gebäude in der Nordstadt finden die ästhetische Zustimmung des 77-Jährigen. „Das ist hervorragende Architektur.“ Viele Marburger fänden zwar, die Gebäude wirkten fremd. „Aber war die Elisabethkirche nicht auch fremd, als sie da hingestellt worden ist?“, fragt er. „Die würde heute so nicht mehr gebaut werden, schon gar nicht ohne Bebauungsplan“, witzelt Brohl.

Wichtigstes Werkzeug während seiner Dienstzeit war „ein dicker Bleistift, ohne den geht es nicht. Damit lassen sich schnell Skizzen zeichnen, da kann die EDV nicht mithalten. In den letzten Jahren seines Berufslebens hatte er mit dem Bleistift jedoch nur wenig zu tun, „mehr mit dem Management und der Juristerei.“ Denn immer häufiger komme es zu Streitigkeiten am Bau, kombiniert mit dem Bemühen von Justitia.

Seinen Bleistift vermisst er im Ruhestand nicht. Zwar kenne er viele ehemalige Kollegen, die „erst nach dem Berufsleben richtig Geld verdient haben. Aber das hätte ich nicht gekonnt. Dann hätte ich die Interessen der Bauherren vertreten müssen, gegen meinen vorherigen Arbeitgeber“, sagt er - und das Wort „undenkbar“ schwingt ungesagt hinterher.

Unter seinem ersten Dienstherrn Hanno Drechsler kam Brohl 1975 in Kontakt mit den Kasematten. „Es gab das Angebot des Arbeitsamts, größere Mittel freizumachen, wenn Arbeitskräfte eingesetzt würden, die sonst keinen Job fänden. Der Auftrag: Die Kassematten freilegen und der Öffentlichkeit zugänglich machen.

„Ich fand das spannend und interessant“, sagt Brohl. Noch dazu, weil er bereits vorher in Köln die Geschichte eines Deutschordens-Hauses aufgearbeitet hatte. Also habe er sich in die Materie eingearbeitet.

Nach Voruntersuchungen durch einen Archäologen stieg Brohl 1977 komplett in die Aufarbeitung der unterirdischen Gänge ein. „Daraus ist diese Mammutaufgabe geworden, die sich bis vergangenes Jahr hinzog. Ich bin ja als Kasematten-Elmar bekannt“, sagt Brohl lachend. Dabei gehe es nicht nur um die unterirdischen Gänge, sondern vielmehr „um die gesamte Festung Marburg, so weit sie sichtbar gemacht werden konnte.“

Erstaunlicherweise gäbe es keine Pläne der Kasematten. „Dann war die Aufregung immer groß, wenn etwas Unbekanntes aus der Erde aufgetaucht ist.“ Man habe keine großen Schätze gefunden, „es haben schließlich nur arme Soldaten hier gelebt.“ Aber der Kitzel sei immer geblieben. Etwa, wenn ein weiterer Verbindungsgang zutage getreten sei - wie bei der „Hexenturm-Kasematte“.

Wichtig ist „Kasematten-Elmar“ auch: „Während der gesamten Jahre ist nie etwas Größeres passiert.“ Zwar habe es schon kleinere Verletzungen durch herunterfallende Steine gegeben. „Aber nichts Schlimmeres.“

Keine Pause im Garten: Weitere Projekte warten

Nachdem die Arbeiten nun abgeschlossen sind, könnte Brohl sich ganz entspannt zurücklehnen und etwa seiner Frau, „meiner Regierung“, wie er sagt, bei der Gartenarbeit helfen. „Tue ich ja auch. Aber es gibt noch Einiges zu tun“, sagt er.

So warten in Brohls Arbeitszimmer zahlreiche Aktenordner, gefüllt mit baugeschichtlichen Themen. „Der erste Baumeister der Stadt, Louis Broeg, beschäftigt mich schon seit Jahrzehnten.“ Nicht nur, weil er maßgeblich für das Stadtbild war: Er war auch ein Auto-Pionier, stand in Kontakt zu Carl Benz und wollte in Marburg ein Automobil-Werk errichten.“

von Andreas Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr