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Karnevalszeit ist auch "Pille-danach"-Zeit

Verhütung Karnevalszeit ist auch "Pille-danach"-Zeit

Die "Pille danach": Rund 13 Prozent aller Frauen in Deutschland haben sie schon mindestens einmal genommen - zum Beispiel, weil beim Sex das Kondom abgerutscht oder gerissen war.

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Auch die „Pille danach“ bietet keinen 100-prozentigen Schutz.

Quelle: Frank May

Marburg. Marburg. In der Faschingssaison steigt nicht nur die Nachfrage nach Sekt und Kräppel, sondern auch nach der „Pille danach“. Aber auch nach anderen Feiertagen und Festen kommen mehr Frauen als sonst in die Notambulanz der Frauenklinik: Sie hatten zuvor ungeschützten Sex. Die meisten Frauen geben an, das Kondom sei verrutscht oder gerissen oder die Einnahme der „normalen“ Pille wurde vergessen.

Und es gibt einige, die gar nicht verhütet hatten. Und nun große Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft haben, erklärt Privat-Dozent Dr. Volker Ziller, stellvertretender Schwerpunktleiter gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin am UKGM in Marburg.

Ein bis fünf danach-Pillen am Tag

Im Schnitt kommen laut Ziller pro Tag eine bis fünf Frauen, um sich ein Rezept zu holen. Doch oft stellen die Ärzte fest, dass die Frauen gar nicht in der fruchtbaren Phase sind, also keine Schwangerschaft zu erwarten ist und daher auch keine Pille verschrieben werden muss.

Ziller hat eine klare Haltung zum Thema: Die „Pille danach“ ist pharmakologisch „praktisch unbedenklich“, die Nebenwirkungen sind gering und könnte daher auch frei verkäuflich sein. Dennoch ist Ziller gegen die Abgabe ohne Rezept, weil „den Frauen damit eine Beratungschance genommen wird“. Denn wer zunächst den Arzt aufsuche, erfahre, ob er das Hormonpräparat tatsächlich nehmen sollte. Und hier gebe es Beratungsbedarf, noch immer seien viele Irrtümer im Umlauf, sagt der Gynäkologe. „Der größte Irrtum: Die ‚Pille danach‘ führt nicht zum Schwangerschaftsabbruch. Im Prinzip verschiebt sie nur den Eisprung.“

Je mehr Zeit nach dem Geschlechtsverkehr vergeht, desto weniger wirksam ist die „Pille danach“. Sie sollte also so schnell wie möglich genommen werden. Zwei Präparate stehen zur Auswahl: Ziller empfiehlt meist die neue „ellaOne“, weil diese „sicherer“ sei.Denn ihr Wirkstoff Ulipristalcetat kann den Eisprung (die Ovulation) noch etwas später als Levonorgestrel (der Wirkstoff der alten Pille) aufhalten.

100-prozentig schützt keine Pille

Im Prinzip passiert aber jeweils dasselbe: Es verzögert sich die Reifung des Eibläschens (Follikel), und die Ovulation findet erst einige Tage später statt - meist sind zu diesem Zeitpunkt keine lebensfähigen Spermien mehr vorhanden. EllaOne muss spätestens 120 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Die „alte“ - über die der Bundestag jüngst debattierte - muss spätestens 72 Stunden danach eingenommen werden.

Allerdings kostet ellaOne mit 35,70 Euro fast doppelt so viel wie die alte. Auch darauf weise er seine - oft jungen - Patientinnen hin. Die meisten seien im Studentinnen-Alter. Die Abgabe für Frauen unter 16 Jahren sei erlaubt, wenn der Arzt einschätzen und dokumentieren könne, dass diese einwilligungsfähig seien.

Einen 100-prozentigen Schutz vor Schwangerschaft gibt es mit keiner Pille. So könnte die Wirksamkeit bei gleichzeitiger Einnahme von bestimmten Medikamenten nachlassen, erklärt der Experte.

Ziller empfiehlt Frauen, in Situationen, bei denen keine ausreichende Wirkung der Pille erwartet werden kann, die Einlage einer Kupferspirale. Diese müsse innerhalb von fünf Tagen nach dem Geschlechtsverkehr eingesetzt werden.

Auch Dr. Cordula Riemer, Chefärztin der Gynäkologie im Diakoniekrankenhaus Wehrda, ist für die Rezeptpflicht. Da eine Beratung vor der Einnahme der „Pille danach“ sehr wichtig sei, um Frauen über die Wirkungsweise, die Dauer sowie über mögliche Nebenwirkungen aufzuklären. Auch eine Untersuchung vor der Einnahme sollte es weiterhin geben, da Vorerkrankungen erkannt und Thrombosegefahr sowie eine bereits eingetretene Schwangerschaft ausgeschlossen werden sollten. Das Diakoniekrankenhaus suchen nur selten Frauen auf, die die „Pille danach“ nehmen wollen: jährlich zirka zehn, so die Ärztin. Auch Riemer empfiehlt die neue Pille „Ulipristalacetat“, die einen längeren Wirkungszeitraum hat.

Prävention statt Rezept-Pflicht

Eine andere Auffassung zu dem Thema hat Pro Familia. Doerte Frank-Boegner von der Beratungsstelle Marburg fordert, für Frauen den Zugang zur „Pille danach“ zu erleichtern. Sie berichtet davon, dass insbesondere Frauen ab 18 Jahren häufig bei der Beratungsstelle anrufen, um sich über die „Pille danach“ zu informieren. Dies komme vermehrt nach und vor Wochenenden sowie nach Feiertagen vor.

Pro Familia stellt keine Rezepte aus, nennt aber Ansprechpartner. Denn für viele, besonders Frauen aus dem Umland, sei nicht immer klar, an wen sie sich wenden können - vor allem, wenn an Wochenenden die Arztpraxen geschlossen haben. Im Krankenhaus komme ein aufwändiger Prozess auf die Frauen zu, erklärt die Familienberaterin, angefangen bei der Anmeldung und der Schilderung des „Problems“, bis hin zur Wartezeit, der Untersuchung und der Beratung. Dies könne sehr abschreckend sein.

Es müsse vermehrt auf Prävention und eine allgemeine Aufklärung über die „Pille danach“ gesetzt werden, empfiehlt Frank-Boegner, eine Beibehaltung der Rezeptpflicht sei für viele Frauen keine gute Lösung.

Ethische Bedenken gegen die „Pille danach“ hat der Sozialdienst katholischer Frauen nicht, wie Vorsitzende Hannelore Gottschlich gegenüber der OP erklärte. „Allerdings stimmen wir mit den Ärzten überein, dass die Verschreibungspflicht bleiben sollte.“

von Anna Ntemiris und Claudia Ritzenhoff

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