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Kanzlerkandidat, Klartextredner und Kreisverkehr-Kritiker

Peer Steinbrück in Marburg Kanzlerkandidat, Klartextredner und Kreisverkehr-Kritiker

Eines der Lieblingsworte von Peer Steinbrück während seines Auftritts im Cineplex ist „Kreisverkehr“. Damit meint der SPD-Kanzlerkandidat das Agieren Merkels; er selbst wolle der Politik wieder eine Richtung geben.

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Peer Steinbrück sprach am Freitag im Cineplex in Marburg.

Quelle: Foto: Nadine Weigel

„Ich bin immer noch ganz zittrig!“ Joshua Thiemig ist nach dem Auftritt von Peer Steinbrück im Marburger Cineplex noch immer rot vor Aufregung. Der 12-Jährige hat sich kurz zuvor nach langem Zögern in einen Nebenraum getraut, in dem Steinbrück, streng bewacht von Bodyguards und anderen wichtig aussehenden Menschen, der OP noch ein Interview gegeben hatte. Und jetzt hält er das in der Hand, was ihn unglaublich stolz macht: Eine Wahlwerbung mit dem Autogramm des SPD-Kanzlerkandidaten.
Joshua war nicht der einzige, der nach dem Auftritt des Polit-Profis mehr als zufrieden war: Die gesamte lokale SPD-Spitze samt versammelter Direktkandidaten strahlte: Kino-Seniorchef Gerhard Closmann freute sich, dass sein Haus den Andrang bewältigt hatte.

Übertragung der Rede in zweiten Kinosaal

Und der war gewaltig: Insgesamt waren es wohl 1 000 Menschen im Cineplex, die Steinbrück reden hören wollten. Nur weil das Cineplex einen zweiten Kinosaal öffnete und zumindest den Ton dorthin übertrug, nur, weil auch in die Treppen und Flure der Ton übertragen wurde, bekam zumindest der Großteil der Interessenten die Rede des SPD-Kanzlerkandidaten mit. 150, vielleicht 200 Menschen dagegen zogen enttäuscht von dannen: Für sie war einfach kein Platz mehr.

Die, die Steinbrück nicht nur hören, sondern auch sehen konnten, erlebten einen gelösten Wahlkämpfer, der geschickt mit seinem Image als „Problem-Peer“ und die Pannen in der ersten Phase des Wahlkampfs spielt und sich selbst „hohes diplomatisches Fingerspitzengefühl“ attestiert - das Publikum brüllt vor Vergnmügen. Steinbrück, der bei einer Frage zur Pkw-Maut über die „Steilvorlage für die SPD“ jubelt und pantomimisch einen satten Torschuss mit dem rechten Fuß andeutet: Peer, der Vollstrecker.

Spitzenkandidat und Entertainer

Überzeugen muss Steinbrück nur die wenigsten in den Kinosälen. Mehrfach unterbricht donnernder Applaus die Rede Steinbrücks – vor allem dann, wenn der sozialdemokratische Grundanliegen vorträgt.
Gleicher Lohn für gleiche Tätigkeit ist so ein Grundanliegen, und Steinbrück bezieht in diese Forderung auch gleichen Lohn für Stammbelegschaften und Leiharbeiter ein. Applaus!
Steinbrück, der Geschichtenerzähler: Der frühere Bundesfinanzminister hätte auch als Entertainer sein Brot verdienen können. Er erzählt das Gleichnis von Martin und Martina, die in Berlin eine Wohnung suchen – dorthinein kann man viel packen: die SPD-Idee von einer Mietpreisbremse, die Forderung nach dem Bau von deutlich mehr Wohnungen – mit sozial gebundenen Mieten, wenn möglich – und schließlich die Vorstellungen der SPD zur Energiewende: Erhalt, aber Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und den Plan, in seinem Kabinett die Zuständigkeit für die Energiepolitik in einem Ministerium zu vereinen.
Steinbrück, der ironische: Der Mann, der sich im Lauf des Wahlkampf so oft den Mund verbrannt hat, verzichtet auf eine grobe Beschimpfung von Kanzlerin Merkel.

Dabei kennzeichnet ihn seit Jahrzehnten die Lust an der Zuspitzung – manche sagen, die Lust am Krawall. Aber, sagt Steinbrück, die Koalitionsparteien hätten sich gegenseitig als „Gurkentruppe“ oder „Sauhaufen“ bezeichnet: „Ein Vokabular, das mir völlig fehlt.“ Das Publikum jubelt, so will es „ihren“ Spitzenkandidaten sehen: Angriffslustig, bissig, ironisch.

"Wir wollen einige Steuern für einige erhöhen"

Und schließlich: Steinbrück, der Klartextredner. Zum 1. Februar will er als Bundeskanzler das Mindestlohngesetz im Bundesgesetzblatt veröffentlicht haben, das „unsägliche“ Betreuungsgeld innerhalb der ersten 100 Tage seiner Regierungszeit abschaffen. Aber auch: „Ja, wir wollen einige Steuern für einige erhöhen“, sagt er und kommt auf die Spitzensteuer für Spitzeneinkünfte zu sprechen, die aber Otto Normalverbraucher nicht tangiere, und auf die Vermögenssteuer, die ihn auch nicht tangiere. Großes „Verhetzungspotenzial“ habe diese Position, sagt er – um später noch mehr Angriffsfläche anzubieten: Der Beitragssatz für die Pflegeversicherung müsse um einen halben Prozentpunkt erhöht werden – „anders geht es nicht!“
Ein „Erweckungserlebnis“ sei der Auftritt von Peer Steinbrück, sagt ein Zuhörer schon vor der Veranstaltung. Was es zwei Tage vor der Wahl noch bringt? Kraft und Mut der Parteisympathisanten zwei Tage vor der Wahl allemal.
Also macht auch Steinbrück weiter: Nach 90 Minuten ist er schon weiter – in Richtung Kassel, zum nächsten „Erweckungserlebnis“.

von Till Conrad

Zum Interview mit Peer Steinbrück

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Große Koalition?
Der Kanzlerkandidat der SPD Peer Steinbrück (r) spricht am 11.09.2013 in Mönchengladbach (Nordrhein-Westfalen) in der Wahlarena nach der Sendung mit den Zuschauern. Steinbrück stellte sich live den Fragen von Studiogästen. Foto: Oliver Berg/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Peer Steinbrück macht sich Gedanken, wer nach der Bundestagswahl vom 22. September „im Fahrersitz“ einer großen Koalition sitzen soll.

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