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Kann ich eigentlich noch fahren?

Alter Kann ich eigentlich noch fahren?

"Junge Raser" und "Opa mit Hut" - Klischees wie diese bestimmen die Debatte über das Autofahren im Alter. Aber sind die Fahrkünste wirklich vom Alter abhängig?

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Sicher Fahren ist grundsätzlich keine Frage des Alters – Fahrlehrer Klaus Schnitzky (links) mit Willi Brandenstein im Fahrschulauto.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Wir haben oft im Auto über meine Fahrweise diskutiert und dann wollte ich es einfach wissen“, erzählt Willi Brandenstein. Der 83-Jährige ist einer von sechs Senioren, die mit Fahrlehrer Klaus Schnitzky im vergangenen Jahr eine freiwillige Testfahrt gemacht haben.

Durch den demographischen Wandel steigt auch das Durchschnittsalter auf Deutschlands Straßen. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) hat errechnet, dass knapp 10 Millionen von insgesamt 54 Millionen Führerscheinbesitzern in Deutschland über 65 Jahre alt sind. Viele Senioren steigen gerade wegen ihrer Gebrechen auf das Auto um. Doch für sie ist es die einzige Möglichkeit, am sozialen Leben teilzuhaben. Bus- oder Bahnfahren ist zu anstrengend, das Taxi zu teuer. Doch wie sicher kann ein 80-Jähriger Autofahren, dem das Busfahren zu mühsam ist, der sich bisweilen sogar auf den eigenen Beinen wackelig fühlt?

„Grundsätzlich ist es nicht abhängig vom Alter, wie sicher jemand Auto fährt“, sagt Klaus Schnitzky. Die Unfallstatistik des Bundesamtes für Statistik zeigt allerdings, dass das Risiko ab 65 Jahren deutlich steigt, bei einem Verkehrsunfall schwer oder tödlich verletzt zu werden: Die Wahrscheinlichkeit ist etwa zweieinhalb Mal so hoch wie in jüngeren Altersgruppen. Diese Statistik schließt auch Unfälle ein, bei denen die Senioren Fahrrad fuhren, oder zu Fuß gingen. Autounfälle machten aber 2011 unter den 1044 tödlichen Verkehrsunfällen von über 65-Jährigen die größte Gruppe (439) aus.

Gesundheitscheck

Ältere Autofahrer haben eher mit körperlichen Gebrechen zu kämpfen als junge. Deshalb empfiehlt Klaus Schnitzky zunächst einmal einen Check beim Gesundheitsamt. Überprüft werden sollten neben der Sehkraft, das Gehör, die Beweglichkeit, die Aufmerksamkeit und die Reaktionsgeschwindigkeit sowie die Funktion von Herz, Leber und Nervensystem. Denn nur wer seine körperlichen Schwächen kennt, kann gegensteuern: Schnitzky erzählt zum Beispiel von einer Seniorin, die wegen eines versteiften Halswirbels keinen Schulterblick machen kann. Sie darf weiterhin fahren, „aber nur noch mit zusätzlichen Spiegeln, die ihr zeigen, was im toten Winkel passiert“, sagt Schnitzky.

Menschen, die Probleme mit dem räumlichen Sehen haben, können an ihrem Auto Einparkhilfen nachrüsten. Wer ein steifes Bein hat, sollte auf ein Auto mit Automatikgetriebe umsteigen. So gibt es Hilfsmittel für viele verschiedene Einschränkungen.

Fahrten, wie sie Willi Brandenstein mit Klaus Schnitzky gemacht hat, haben noch keinen eingetragenen Namen. Der Fahrlehrer will sie nicht „Überprüfungsfahrten“ nennen. „Sonst denken die Kunden, dass ich ihnen den Führerschein abnehme, wenn sie vergessen zu blinken“, sagt Schnitzky. Egal, wie man sie nennt, bei diesen Fahrten schaut sich der Fahrlehrer an, wie der Fahrer im Verkehr zurecht kommt. Ob er in die Spiegel guckt, den Schulterblick macht und Verkehrsregeln befolgt. Zuerst lässt Schnitzky seine Kunden im Fahrschulauto fahren, dann auch in ihren eigenen. Bei der ersten Fahrt fährt er mit ihnen nach Marburg, bei einer weiteren im Heimatort und auf der Autobahn.

An Brandensteins Manövern hatte der Fahrlehrer nicht viel auszusetzen. Das größte Problem verrät die Frau des „Fahrschülers“, Roswitha Stahringer-Brandenstein: „Im Ebsdorfergrund ist Willi ständig stehengeblieben, um Bekannte zu grüßen. Das soll er eigentlich nicht mehr machen.“

Gewohnheit macht blind

Darüber hinaus sagt sie, habe Schnitzky sie auf einige Regeln hingewiesen, die immer wieder missachtet werden. Zum Beispiel falle ihr seit der Fahrt auf, wie viele Fahrer vergessen, bei abknickenden Vorfahrtstraßen zu blinken. Bei den Testfahrten, aber auch an sich selbst, fällt Schnitzky immer wieder auf, dass auf den „Hausstrecken“ die meisten Fehler gemacht werden. „Wer seit zehn Jahren täglich denselben Weg zum Friedhof fährt merkt gar nicht, wenn sich die Vorfahrtsregelung ändert“, sagt Schnitzky. Dagegen hilft nur aufmerksam fahren, immer wieder bewusst auf die Schilder achten – auch wenn man das Gefühl hat, die Strecke sogar blind zu schaffen.

Eine Gefahr, die oft unterschätzt wird, geht von Medikamenten aus. Viele Autofahrer wissen gar nicht, dass sie medizinisch gesehen unter Drogeneinfluss fahren. Zum Beispiel enthalte Imodium – so Schnitzky –, das von vielen älteren Menschen gegen Durchfall eingenommen werde, Morphine. Auch über die Auswirkungen Ihrer Medikamente auf die Fahrleistung wird bei einem Gesundheitscheck informiert.

von Thomas Strothjohann

Hintergrund

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) hat 2012 die „Aktion Schulterblick“ gestartet. Die Aktion macht auf freiwillige Gesundheitschecks für ältere Autofahrer aufmerksam und gibt eine ausführliche Broschüre mit Selbsttests heraus.

Auch die Deutsche Verkehrswacht nimmt sich des Themas an. Unter dem Motto „Mobil bleiben, aber sicher“ bietet sie Reaktionstests und Beratungsrunden zu Themen wie Sicht und Wetter oder Technik und Ausstattung an.

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