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Kampf gegen die Killer-Keime

15 000 Opfer jährlich Kampf gegen die Killer-Keime

Seit Anfang 2012 werden Patienten am UKGM bei ihrer Aufnahme darauf untersucht, ob sie gefährliche, multiresistente Keime mit ins Krankenhaus bringen.

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 Laut einem internen Papier des Gesundheitsministeriums sterben in Deutschland pro Jahr zwischen 12 000 und 15 000 Menschen in Kliniken, weil sie sich dort mit einem Keim infizieren, gegen den keine Medizin hilft.

Quelle: Montage: Sven Geske

Marburg. Diese Zahlen alarmieren: 12 000 bis 15 000 Menschen sterben Jahr für Jahr, weil sie einen Erreger im Körper haben, gegen den es kein Medikament gibt. 400 000 bis 600 000 Menschen infizieren sich jedes Jahr neu. Die multiresistenten Erreger oder „Krankenhauskeime“ sind zu einem der größten Probleme in der Krankenhausmedizin geworden.

Zentral im Kampf gegen die Erreger ist in Marburg ein MRSA-Screening. Mindestens zwei Drittel aller UKGM-Patienten, die mit multiresistenten Erregern (MRSA) infiziert sind, haben diese tödlichen Keime schon vor der Aufnahme ins Krankenhaus in sich getragen, sagt der ärztliche Direktor Professor Jochen A. Werner. Das UKGM wehrt sich deshalb gegen die Bezeichnung „Krankenhauskeime“ für diese Erreger.

Insbesondere der unkritische Umgang mit Antibiotika in der Bevölkerung und der massenhafte Einsatz dieser wertvollen Substanzen in der Tierzucht habe dazu geführt, dass heute mehr Patienten mit Erregern, die gegen die Behandlung mit Medikamenten immun sind, in die Krankenhäuser kommen.

Zudem steigt die Gefahr, sich einen multiresistenten Erreger einzufangen, mit zunehmendem Lebensalter. Bewohner von Altenheimen zählen deswegen zur Risikogruppe, bei der vor einem Krankenhausaufenthalt am UKGM ein MRSA-Test gemacht wird.

Das sogenannte MRSA-Screening wird bei bestimmten Risikogruppen angewendet, etwa Menschen, die in der Tiermast oder der Fleischproduktion arbeiten, wie UKGM-Sprecher Frank Steibli berichtete. Auch Patienten, die aus südlichen Ländern kommen oder kurz vor dem Krankenhausaufenthalt noch ein Antibiotikum einnahmen, werden gezielt untersucht. Bei der Aufnahme führen Mitarbeiter des UKGM eine Risikobewertung mittels eines detaillierten Formulars durch, die dann zum Screening führt – oder eben auch nicht. Patienten, bei denen MRSA nachgewiesen wird, werden für die Dauer ihres Aufenthalts isoliert.

Wie groß der Respekt vor den multiresistenten Keimen ist, das machte gestern der Zehn-Punkte-Plan zu ihrer Bekämpfung deutlich, den Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) vorlegte.
Gröhe will die Meldepflichten für Kliniken bei Auftreten besonders gefährlicher Keime verschärfen. Jeder nachgewiesene Erreger müsse künftig gemeldet werden, sagte der Minister gestern. Zudem soll entsprechendes Personal eingestellt und ausgebildet werden, sagte Gröhe. Nicht nur Ärzte und Pflegepersonal in Krankenhäusern, sondern auch in Arztpraxen sollen zudem regelmäßig weitergebildet werden. Das UKGM begrüßt die Initiative des Ministers.

Der ärztliche Direktor Professor Jochen A. Werner sagte der OP, Gröhes Plan verschärfe die bereits vorhandenen gesetzlichen Regelungen in Deutschland, die bislang in Verbindung mit Leitlinien der Fachgesellschaften zur Anwendung kamen. „Wichtig“, so Professor Werner, „ist in diesem Zusammenhang die personelle Ausstattung in der Pflege und ausreichend vorhandenes, gut geschultes Hygienepersonal.“

Die Situation am UKGM Marburg mit sieben Hygienefachkräften und sieben Mitarbeitern in der technischen Hygiene nebst Hygiene-Ingenieur sei außergewöhnlich gut, „aber leider nicht in allen deutschen Krankenhäusern Standard“. Professor Werner führt noch eine andere Statistik als Beleg  für die vergleichsweise gute Hygiene am UKGM an: In Marburg sind die Zahlen für Noroviren und Clostridium difficile (einer der häufigsten Krankenhauskeime) deutlich gesunken und niedriger als in anderen deutschen Krankenhäusern.

In die öffentliche Diskussion kam das Thema durch die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), mit einem Zehn-Punkte-Plan gegen die Gefährdung von Patienten durch multiresistente Keime in Krankenhäusern vorzugehen. Die Themen Hygiene, Qualitätssicherung und Transparenz würden noch immer nicht mit der nötigen Priorität angegangen, heißt es in dem Ministeriumspapier, das die „Süddeutsche Zeitung“ gestern zitierte. Gröhe will unter anderem Klinikenverpflichten, die bestehenden Hygieneregeln noch konsequenter als bisher zu beachten. Erwogen wird auch, ob Patienten vor planbaren Krankenhausaufenthalten verpflichtend auf multiresistente Keime untersucht werden sollen.

von Till Conrad

Hintergrund

Die meisten Keime, die Infektionen in Krankenhäusern verursachen, sind normalerweise harmlos.
Es sind Bakterien, mit denen viele Menschen besiedelt sind. Für immungeschwächte Menschen können sie jedoch zur Gefahr werden. Etwa 90 Prozent der Krankenhausinfektionen rühren von Keimen her, die mit einem Antibiotikum wirksam bekämpft werden können.
Problematisch sind allerdings jene Erreger, die Resistenzen entwickelt haben. Einige Erreger sind gegen eine einzelne Klasse von Antibiotika unempfindlich geworden, immer mehr aber gleich gegen mehrere Klassen. (dpa)

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