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Kampf gegen Kindes-Missachtung

Ehrenamt Kampf gegen Kindes-Missachtung

Der Marburger Kinderschutzbund ist für den deutschen Ehrenamtspreis nominiert worden. Mehr als 70 Freiwillige und Profis kümmern sich in der Universitätsstadt um die Probleme von Kindern - die immer größer werden.

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Der Kinderschutzbund in Marburg richtet seinen Fokus verstärkt auf Kinder psychisch kranker Eltern. Archivfoto

Quelle: Michael Gottschalk

Marburg. Zunehmende Sorge bereitet den Kinderschützern der Nachwuchs von psychisch kranken Eltern. „Nach einer Behandlung bleiben viele Erwachsene in Marburg hängen, aber eben ohne ein soziales Umfeld zu haben“, sagt Renate Oberlik, Geschäftsführerin. Sobald die Eltern wegen ihren teils schweren Krankheiten stationär behandelt werden müssen, leben Kinder vorübergehend bei Fremden. „Je früher und je öfter sie raus-gerissen werden, desto schädlicher ist das für ihre Entwicklung“, sagt sie. Die Marburger Kinderschützer haben ein Projekt gestartet, um diesen Trend zu stoppen.

Für Jungen und Mädchen psychisch kranker Eltern gibt es stadtweit elf Patenschaften. Deren Aufgabe: Sie mimen den Ersatz-Onkel und die Ersatz-Tante, kümmern sich im Alltag, schon wenn es den Eltern gutgeht. „Aber wenn es dann nötig ist, dass sie anderswo unterkommen müssen, haben sie Vertraute, Leute die sie kennen, um sich“, sagt Oberlik. Laut Pädagogin Annegret Schulte laufen derzeit sieben Patenschaften - unter den hilfesuchenden Eltern seien „keine leichten Fälle dabei.“

Von Liebeskummer bis Selbstmordplänen: Im seit 1998 existierenden Kinder- und Jugendtelefon sowie der E-Mail-Beratung engagieren sich 30 Helfer. Sie hören Stories von jungen Leuten aus ganz Deutschland, die „oft erschütternd sind“, sagt Dorothee de la Motte. Die Marburger reden oder chatten mit den Hilfesuchenden, geben Tipps. Problem: „Die Anonymität ist Kern des Angebots, aber man bekommt dadurch eben nie mit, ob sich bei jemandem etwas verbessert hat.“ Während die Fluktuation bei den freiwilligen Beratern aufgrund der Arbeitsintensität hoch ist, sind die zweieinhalb Dutzend Helfer im Besucher-Kindergarten am Uni-Klinikum länger dabei. „Ein Kinderlächeln, der direkte Kontakt mit den schwer Kranken, das hält viele Ehrenamtliche bei der Stange“, sagt Oberlik.

Der Kinderschutzbund kämpft auch weiter gegen Missbrauch, Verwahrlosung und Vernachlässigung von Jungen und Mädchen. „Die Fälle werden immer heftiger“, sagt sie. Die Zeitungsberichterstattung etwa habe für mehr Aufmerksamkeit und Wachsamkeit in den Nachbarschaften gesorgt, dazu beigetragen, dass Verdachtsfälle bekannt und im Zweifel Behörden schneller eingeschaltet werden. In Marburg - „ein Stück weit Insel der Glückseligen“, wie Dorothee de la Motte sagt - gebe es eine besondere Form der Vernachlässigung: seelische Verwahrlosung. „Das wird selten jugendamtsbekannt“, sagt Oberlik.

Missbrauch und Sexting sind weitere Probleme

„Betroffene Marburger Kinder haben materiell alles, ihnen fehlt es aber an Zuwendung“, sagt sie. Dass seelische Verwahrlosung in der Universitätsstadt zunehmend vorkomme, hängt ihrer Aussage zufolge vor allem mit dem Bildungshintergrund vieler Marburger zusammen. „Karriere, Stress, Erreichbarkeit, wenig Zeit: Das macht etwas mit den Kindern.“

Der Kinderschutzbund prangert zudem eine „Totalüberwachung und überbordenden Beschützerdrang“, wie Dorothee de la Motte sagt, an. „Eltern haben Angst vor allem und jedem. Das unnötige Eltern-Kind-Taxi in der Leopold-Lucas-Straße etwa, weil der Schulweg zu gefährlich sein könnte“, sagt sie. Weiterhin Thema: Sexting und Cybermobbing in Marburger Schulen. Neben einem bekannt gewordenen Sexting-Fall an der Elisabeth-schule (OP berichtete), kam es kürzlich beinahe zu einer Massenschlägerei in Wehrda. Nach einem Streit zwischen jugendlichen Bekannten, fuhren Kontrahenten in Bussen zu einem Treffpunkt - die Polizei schritt laut Kinderschutzbund vorher ein, weil sie die Pläne mitbekam.

Hintergrund: Grundgesetz-Änderung angestrebt

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) will mit einer Verfassungsänderung die Rechte von Kindern stärken. „Kinderrechte werden in Deutschland nicht genügend wertgeschätzt“, sagt sie. „Eine solche Ergänzung im Grundgesetz würde die Situation von Kindern und Jugendlichen in vielen Lebensbereichen wirksam verbessern.“ Konkret sollen, so geht es aus einem Schreiben im Ministerium hervor, Kinder bei Pflege­eltern künftig mehr Schutz erfahren. Jugendämter und Gerichte könnten sich dann bei ihren Entscheidungen, wo ein Kind leben soll, stärker nach dem Kindeswohl richten und nicht nach dem Vorrecht der Eltern, das im Grundgesetz verankert ist.

von Björn Wisker

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