Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Kampf gegen Fernwasserleitung geht weiter

Naturschützer fordern Baustopp Kampf gegen Fernwasserleitung geht weiter

Die Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ betrachtet den Bau der Fernwasserleitung zwischen Gießen und Lich als mögliches Millionengrab. Die Bauherren verteidigen ihn als nötig, sinnvoll und ökologisch einwandfrei.

Voriger Artikel
Das ist der untersagte Kutschera-Vortrag
Nächster Artikel
Georg Schnell bleibt im Amt

Frisches Wasser aus der Leitung: Die Arbeiten an der Fernwasserleitung dauert voraussichtlich noch bis Juni an.

Quelle: Foto: Jochen Eckel dpa

Gießen. In einem offenen Brief fordert Dr. Anne Archinal, Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft, gegenüber dem Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke (ZMW) ein Aussetzen der Arbeiten an der rund 13 Kilometer langen Leitung von Gießen nach Lich, deren Bau seit September vergangenen Jahres läuft.

Die Bauherren von ZMW und Oberhessischen Versorgungsbetrieben (OVAG) hielten an der 13-Millionen-Euro-Investition fest, obwohl „immer ungewisser wird, ob der ZMW in absehbarer Zeit überhaupt eine behördliche Genehmigung für den Wasserexport aus seinen Gewinnungsgebieten nach Rhein-Main erhalten wird. Zurzeit stehen die beantragten Mehrmengen für den Export zur OVAG nicht zur Verfügung“, schreibt Archinal und führt an, dass weder Mehrmengen aus dem Wasserwerk Wohratal genehmigt seien, noch sei der Export von Wasser aus dem Wasserwerk Stadtallendorf außerhalb des Versorgungsnetzes des ZMW gestattet.

Zum Hintergrund: Durch den Fernleitungsbau schaffen die zwei Wasserversorger ein lückenloses Netz von Neustadt bis Viernheim. Der Weiterverkauf von Wasser aus der hiesigen Region, aus Brunnen im Wohratal und im Stadtallendorfer Gebiet ins Rhein-Main-Gebiet, soll dadurch ermöglicht werden. Ein Projekt, das die Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ für untragbar hält. Sie fürchtet, der Burgwald als Schutzgebiet mit Mooren und vielen seltenen Tier- und Pflanzenarten könne dadurch in letzter Konsequenz trockenfallen oder zumindest beschädigt werden.

Forderung: Gesamtkonzept 2017 abwarten

Die Naturschützer schlagen den Wasserversorgern vor, das Projekt so lange ruhen zu lassen, „bis ein neues, belastbares Gesamtkonzept für eine zukunftsfähige Wasserversorgung des Ballungsraumes Rhein-Main vorliegt“. So beschreibt es Archinal und hält fest, dass die aktuellen Planungsgrundlagen aus Sicht der Umweltschützer dazu nicht ausreichend seien.  Das hessische Umweltministerium als Oberste Wasserbehörde habe den „längst überfälligen Leitbildprozess für ein nachhaltiges Wasserressourcenmanagement Rhein-Main“ ins Leben gerufen. Erst an dessen Ende, etwa Mitte 2017, werde überhaupt klar sein, welche Schritte für das Absichern der Versorgung des Ballungsraumes sinnvoll und mit dem Naturschutz vereinbar seien.

Die heimischen Bürgermeister Christian Somogyi (Stadtallendorf) und Manfred Apell (Lahntal) haben in ihren Funktionen als ZMW-Verbandsvorsitzender (Somogyi) und Vorsitzender der Verbandsversammlung (Apell) in der vergangenen Woche auf Archinals offenen Brief reagiert. Sie verweisen darauf, dass der Bau der Fernwasserleitung auf Grundlage „eines abgeschlossenen Planfeststellungsverfahrens“ geschehe – im Einklang mit der Landesregierung und den Genehmigungsbehörden. Zielsetzung sei „für das Stadtgebiet Frankfurt eine Absicherung der Mengenbereitstellung und im Vogelsberg eine dauerhafte Sicherstellung der durch entsprechende Wasserrechtsbescheide festgeschriebenen umweltschonenden Wassergewinnung“. Somogyi und Apell weisen ausdrücklich darauf hin, dass eine „dauerhafte Mengenerhöhung der Wasserlieferungen nach Frankfurt“ dadurch nicht vorgesehen sei.

Was das Wasserrechtsverfahren Wohratal anbelangt, verweisen die Vorsitzenden auf hydrogeologische und naturschutzfachliche Gutachten. Grenzgrundwasserstände in landschaftsökologisch sensiblen
Gebieten würden festgelegt, die Wasserstände würden überwacht.

Vorsitzende: Wasserhandel ist rechtlich wasserdicht

Somogyi und Apell beziehen sich unter anderem auf die hydrogeologische Stellungnahme des Hessischen Landesamts für Umwelt und Geologie vom Oktober 2014 und versichern, dass die geplante Grundwasserentnahme zum Weiterverkauf ins Rhein-Main-Gebiet unbedenklich sei. Zumal das Wasser aus  Vorkommen stamme, die das Grundwasser im Burgwald nicht berührten, wie Somogyi gegenüber der OP betont.

Rechtlich gesehen sei die Entnahme von Wasser in der hiesigen Region zur Weiterlieferung in den Frankfurter Raum zulässig. Laut Wasserhaushaltsgesetz dürfe die öffentliche Wasserversorgung aus ortsfernen Vorkommen gedeckt werden, wenn eine Versorgung aus ortsnahen Wasservorkommen nicht „in ausreichender Menge oder Güte oder nicht mit vertretbarem Aufwand sichergestellt werden könne“ – so, wie es bei dem geplanten Handel der Fall sei.

Laut Somogyi und Apell wurde dem Bewilligungsantrag des ZMW von behördlicher Seite noch nicht entsprochen, weil der Anschluss des ZMW-Netzes an das OVAG-Netz derzeit technisch noch nicht möglich sei. Dies wird sich bald ändern, wie der ZMW-Verbandsvorsitzende auf OP-Nachfrage ausführt. „Die Arbeiten liegen im Zeitplan – und bis Ende Juni sollten die Leitungen fertig verlegt sein“, sagt Somogyi über den Fortschritt des 13-Millionen-Projekts zwischen Gießen und Lich, dessen Kosten ZMW und OVAG jeweils zur Hälfte tragen.

Für die folgenden Monate seien Arbeiten zur Wiederherstellung von Böden geplant, Renaturierungsprojekte inklusive. Eine Dichtheitsprüfung und mikrobiologische Untersuchungen des Wassers, das dann schon durch die neue Leitung fließt, stehen an. „Im September wird die Wasserförderung beginnen“, sagt Somogyi. Ab Oktober und November wollen die beiden Wasserversorger die Leitung unter Volllast nutzen können, „wenn die Steuerung dann funktioniert und die technischen Werte stimmen“, erklärt der Verbandsvorsitzende.

von Carina Becker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr