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Kaiser Wilhelm II - Ruhiger Schüler, ungeschickter Regent

OP-Weltkriegsserie Kaiser Wilhelm II - Ruhiger Schüler, ungeschickter Regent

Der Mann, der dem Deutschen Reich einen „Platz an der Sonne“ verschaffen wollte, ging in Kassel zur Schule. Das Abiturzeugnis Kaiser Wilhelms II. liegt im Hessischen Staatsarchiv in Marburg.

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In militärischer Uniform sah sich Wilhelm II. selbst am Liebsten. Der letzte deutsche Kaiser wechselte sie oft mehrmals täglich. Auch der zu einem „W“ geformte Schnauzbart zählte zu seinen Markenzeichen.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Noch im Jahr 1913 ließ er sich zu seinem 25-jährigen Thronjubiläum als „Friedenskaiser“ feiern, nur fünf Jahre später musste er nach dem bis dahin vielleicht schlimmsten Krieg der Menschheitsgeschichte seinen Herrschaftsanspruch aufgeben. Am 9. November 1918 dankte der letzte deutsche Kaiser ab.

Er wollte sein Volk „herrlichen Zeiten“ entgegenführen und liebte mitunter die lauten Töne in der internationalen Politik, um dem Reich zur Weltgeltung zu verhelfen. In der Innenpolitik verstand er es hingegen zumindest dem Anschein nach, ökonomische und technische Modernität mit herrschaftlicher Tradition zu verbinden.

Laut übereinstimmenden Historiker-Berichten war das Deutsche Reich in den Jahren seiner Regentschaft technologisch weltweit führend und galt neben den USA als fortschrittlichste Nation der Erde. Selbst das riesige Empire Großbritanniens wurde von der neuen Großmacht in Europas Mitte wirtschaftlich gesehen Schritt für Schritt in den Schatten gestellt.

Zurückzuführen war dieser Aufschwung auf die rasante Welle der Industrialisierung, die sich nach der Reichsgründung und dem damit verbundenen Wegfall von Zollschranken in Gang setzte und zum Ende des Jahrhunderts erst richtig in Schwung kam. Wilhelm II. profitierte daher vom allgemeinen industriellen Boom der Epoche „Fin de siècle“.

Komplikationen bei der Geburt

Dennoch vermochten er und seine Reichskanzler es nicht die soziale Frage so zu lösen, als dass er die Sozialdemokratie mit dem Reich hätte versöhnen können. Die „innere Reichseinigung“, wie er sie auch mit den zahlreichen Minderheiten der Polen, Dänen, Elsässern und Lothringern oder den Katholiken in Süddeutschland anstrebte, blieb über die gesamte Dauer seiner Regierung in weiter Ferne.

Bei der Steißgeburt des Monarchen am 27. Januar 1859 kam es zu Komplikationen. Der junge Thronfolger wuchs mit einer Behinderung am linken Arm auf, der gelähmt und verkürzt war - eine Beeinträchtigung, die möglicherweise Minderwertigkeitskomplexe hervorrief und somit Einfluss auf seinen Charakter hatte.

Eventuell nicht zuletzt auch wegen seines schwierigen Verhältnisses zur Mutter, die es nicht wahrhaben wollte keinen gesunden Thronfolger zur Welt gebracht zu haben, war Wilhelm II. sein Leben lang auf die Anerkennung Anderer aus. Schon die Zeitgenossen empfanden ihn zudem als sprunghaft und beobachteten eine Überschätzung des eigenen Urteilsvermögens.

Nach Streitigkeiten mit Reichskanzler Otto von Bismarck und dessen Rücktritt im Jahr 1890 wurde der Kaiser daher auch damit zitiert, sein „eigener Kanzler“ sein zu wollen. Das „persönliche Regiment“ sollte sich für Deutschland später als eine hohe außenpolitische Bürde erweisen.

Schulnoten zwischen gut und befriedigend

Zwischen 1874 und 1877 besuchte der Hohenzollern-Prinz das Gymnasium in Kassel-Wilhelmshöhe. Das zugehörige „Zeugnis der Reife“ befindet sich heute im Hessischen Staatsarchiv in Marburg. Es weist

kaum überdurchschnittliche Leistungen aus, aber auch keine Fächer, in denen seine Noten nach unten ausreißen. Schwer zu beurteilen ist dabei allerdings, inwieweit sein Status als Enkel des Kaisers ihm in einer milderen Beurteilung durch seine Lehrer hilfreich war.

So schnitt der Hohenzollern-Prinz in den Fächern Deutsch, Latein, Griechisch und Mathematik schnitt Wilhelm befriedigend ab. Er verstehe es „im ganzen, ein Thema richtig aufzufassen, zweckmäßig anzuordnen und in einer hinreichend gewandten Darstellung auszuführen“. Dass eine „hinreichend gewandte Darstellung“ auf dem Parkett der internationalen Politik nicht immer ausreichend sein sollte, zeigte sich allerdings in seiner späteren Regierungszeit.

Mit der Note „gut“ schloss Wilhelm hingegen in den Fächern Französisch, Religionslehre, Physik sowie Geschichte und Geographie ab.

Besonders im letzteren Fachgebiet zeichnete er sich dabei durch ein „lebendiges historisches Interesse“ aus und erwarb dort „ausreichende, zum Theil eingehende geographische wohl begründete und chronologisch ziemlich geordnete Kenntnisse in der Geschichte der alten und neueren Culturvölker sowie insbesondere der deutschen und des brandenburgisch-preußischen Staates“. Unter „sittliche Aufführung und Fleiß“ wird ihm ein „stets untadelhaftes“ Betragen attestiert.

Allerdings hatte Wilhelm in Kassel unter der strengen Aufsicht seines Erziehers Georg Hinzpeter gestanden. Als er 1877 zum Studium nach Bonn ging ließ sein Fleiß deutlich nach und er genoss ein unbeschwertes Studentenleben. Er studierte dort mehr oder weniger ernsthaft zehn Fächer in nur vier Semestern, ohne jedoch einen Abschluss anzustreben. Statt intensiven Lernens verbrachte er seine Zeit eher beim Corps der „Bonner Borussen“, das nach seiner eigenen Aussage eine „stählende Wirkung“ auf seinen Charakter hatte.

Reihe von außenpolitischen Missgeschicken

Nach dem Tod seines Großvaters Wilhelm I. und dem seines Vaters Friedrich III. im Dreikaiserjahr 1888 begann das 30 Jahre andauernde „Wilhelminische Zeitalter“. Gerade in der Außenpolitik erwies sich das fehlende Geschick in der Rhetorik, das bereits einige Jahre zuvor aus seinem Zeugnis hervorging, als Hindernis.

1896 gratuliert Wilhelm II. dem Präsidenten der Burenrepublik Paulus Krüger zur erfolgreichen Verteidigung gegen englische Angriffe und löst mit dieser, aus der politischen Landschaft der Zeit heraus gesehen, ungeschickten Provokation zum ersten Mal Unmut in Großbritannien aus. Zwei Jahre später beginnen mit dem von Wilhelm beförderten Flottenbau-Programm die langanhaltenden Spannungen zwischen beiden Ländern.

Der deutsche Kaiser will mit aller Macht ein Weltreich mit Kolonien auf dem ganzen Globus errichten und bedroht damit besonders die Interessen der vorherrschenden Seemacht Großbritannien. Im Jahr 1900 hält er anlässlich des Boxeraufstandes in China die berüchtigte „Hunnenrede“, die später im Krieg von den Alliierten immer wieder als Beispiel für den deutschen Militarismus angeführt wird. 1908 führen seine ungeschickten Aussagen in der „Daily-Telegraph-Affäre“ zu einem erneuten Entrüstungssturm im Ausland und lösen sogar in Deutschland eine innenpolitische Krise aus.

Auf die zunehmende Isolierung Deutschlands im internationalen Konzert regiert das Deutsche Reich unter Wilhelms Ägide mit „Kanonenbootpolitik“ und der vermeintlichen Demonstration von Stärke. Unter anderem in den beiden Marokkokrisen von 1905/06 und 1911 versucht sich der bei der Verteilung der Welt zu spät gekommene Staat durch Kriegsandrohungen einen Teil des großen Kolonien-Kuchens zu erpressen. Im letzten Moment zieht die deutsche Regierung jedoch zurück - eine politische Niederlage, die sich in der Julikrise 1914 nicht wiederholen soll.

Darüber wie viel Schuld Wilhelm II. und die deutsche Regierung am Ausbruch des großen Krieges hatten, stritten die Historiker schon in den 1960er-Jahren. Der viel beachtete Band „Die Schlafwandler“ des Australiers Christopher Clark warf die Frage jüngst wieder neu auf. Welch verheerenden Auswirkungen die militärische Auseinandersetzung in Deutschland und auf dem europäischen Kontinent letztendlich haben würde, ahnte der Kaiser aber wohl kaum. Am Ende sollten sie unter anderem die Abdankung Wilhelms zur Folge haben.

von Peter Gassner

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