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Kämpfer gegen Gewohnheits-Rassismus

Forschung Kämpfer gegen Gewohnheits-Rassismus

Der Marburger Professor Wilhelm Solms bekommt am Montag das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Antiziganismus-Forscher im OP-Porträt.

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Die Erforschung der Vorurteile und Ablehnung gegen Sinti und Roma haben den Marburger Literaturwissenschaftler Professor Wilhelm Solms (79) zum führenden Antiziganismuswissenschaftler Deutschlands gemacht. Heute bekommt er im Rathaus das Bundesverdienstkreuz verliehen. Foto: Peter Gassner

Marburg. „Eigentlich bin ich ein gescheiterter Musiker“, sagt der 79-Jährige. Sein Literaturwissenschafts- und Psychologiestudium brach er einst für den Traum eines möglich perfekten Klavierspiels ab. Für zwei Jahre ging er nach Wien an die Musikhochschule, lernte dort, kam für den Abschluss des begonnenen Studiums nach Deutschland zurück - mit dem Vorsatz, doch wieder nach Österreich und für die Musikkarriere zurückzukehren. „Aber dann lief mir meine Frau über den Weg, ich wollte heiraten, wurde erst Tutor, dann Assistent, und dann war ich Literaturwissenschaftler. Naja, ich war sowieso nicht gut genug an den Instrumenten.“

Dass der gebürtige Licher zum führenden Antiziganismus-Forscher Deutschlands aufgestiegen ist, er die negative Einstellung der Mehrheitsbevölkerung zu Roma und Sinti analysierte - wofür er heute im Rathaus das Bundesverdienstkreuz erhält - gründet auch auf Zufällen. Der Forscher, der 1977 an die Philipps-Universität berufen wurde und im Fachgebiet Neuere Deutsche Literatur lehrte, reiste Anfang 1990, kurz nach der Ermordung des Diktators Nicolae Ceausescu, nach Rumänien. Dort wurde Solms mit jenem Elend der Volksgruppen konfrontiert, das er zuvor nur aus Erzählungen von Schriftstellern, die er bei Lesungen kennenlernte, kannte.

"Ich konnte und habe das nie vergessen"

„Wir waren an verschiedenen Orten im Land, unter anderem eine Chemiefabrik. Da war es zehnmal so schlimm wie in Leverkusen. Es hat so unerträglich gestunken, wir konnten nicht atmen, uns wurde sofort schlecht. In dieser desolaten Fabrik haben nur Roma gearbeitet, unter miserabelsten Bedingungen“, sagt er. In der Hauptstadt Bukarest wurde es nicht besser: „Ein kleiner Junge hat gebettelt, er zerrte an meiner Jacke und wollte richtig lästig werden. Ich habe ihm dann etwas Geld gegeben und bin ihm dann eine Stunde lang in einigem Abstand gefolgt. Was ich da gesehen habe, das war sehr brutal. Die Erwachsenen, Männer wie Frauen, haben ihm den Ellbogen ins Gesicht gerammt, ihn weggestoßen, getreten, angespuckt.“ Er habe das alles scheinbar gleichgültig hingenommen. Es sei seine alltägliche Erfahrung, „er wusste, wo und wer seine Feinde in der Gesellschaft sind“. Wie dieses Kind behandelt worden sei, habe ihn sehr bewegt. „Ich konnte und habe das nie vergessen.“

Zurück in Marburg vertiefte er sich immer mehr in Geschichte, Leben und Leiden der abschätzig als „Zigeuner“ bezeichneten Menschen. Er organisierte Tagungen, erforschte und bekämpfte die Vorurteile. „Antisemitismus ist ja eher unter der Decke, ein Tabu, aber die Herabwürdigung von Roma und Sinti ist gesellschaftsfähig“, sagt er. „Es ist eine gefährliche Form von Rassismus. Diese Menschen, die seit Hunderten Jahren unter uns leben, werden kriminalisiert, als fremdes Volk, bildungs-, arbeits- und integrationsunwillig verurteilt.“

In Zeiten wie jetzt, in denen die Fremdenfeindlichkeit zunehme, grassiere „völlige Gleichgültigkeit“ über deren Lebenssituation und „totales Desinteresse“ an ihrer Abschiebung als Flüchtlinge. Städte wie Duisburg und Dortmund hätten viele Probleme mit den Roma - etwa die Verschmutzung von Nachbarschaften wegen unzureichender Zahl von Mülleimern - „selbst geschaffen“. Verschärft werde die Vorurteilsverbreitung durch den „rechtsfreien Raum Internet, wo alles widerspruchslos geäußert und Menschen aufgehetzt werden“. Ihm selbst sei der direkte Austausch mit den Roma und den Sinti immer sehr wichtig gewesen, so habe er „bemerkenswerte, viel leistende Menschen, die jeden Wissenschaftler und Politiker in die Tasche stecken“, getroffen. Im Sommer wird der 79-Jährige jedoch als Vorsitzender der deutschen Antiziganismus-Gesellschaft, die er mitgründete, aufhören. Nur dem Vorstand möchte er noch zugehörig bleiben.

"Feste Fronten" an der Uni

Seine Anfangsjahre an der Philipps-Universität seien schwer gewesen, es habe im Fachbereich Germanistik „feste Fronten“ gegeben. Von Beginn an sei er, der Hochschuldidaktik-Reformer, intern auf viele Gegner gestoßen. Er habe sich aber bis zu seinem Ruhestand 2001 nie aus Marburg weg beworben. Trotz Skilaufen im Winter und Bergsteigen im Sommer: „Ich habe in meiner Berufszeit sehr viel, vielleicht zu viel gemacht und war immer überarbeitet, zum Schluss erschöpft.“

Und dann fällt ihm noch die Zeit ein, in der er voller Elan war, damals zwischen 1949 und 1956 im oberbayerischen Internat. Er entdeckte das Theater für sich, spielte den „Fiesco“ im gleichnamigen Drama Friedrich Schillers, in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ bekleidete er eine Doppelrolle. „Über das Theaterspiel konnte ich Mädchen kennenlernen, das war damals ja alles abgeschottet. Es lief zwar nix weiter, aber man war ja auch verliebt“, sagt er. „Ich habe gemerkt: Wenn man zum Internatsleben beiträgt, kann man sich auch dreimal so viel herausnehmen wie andere.“

So manche „Frechheit“, wie er es nennt, hat er sich in den folgenden Jahrzehnten auch als Forscher herausgenommen, wenn es darum ging, auf die Gefahren, die von Vorurteilen ausgehen, aufmerksam zu machen.

von Björn Wisker

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