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Junge Menschen schlafen zu wenig

Forschung Marburg Junge Menschen schlafen zu wenig

Viele junge Leute leiden unter permanentem Schlafmangel, was sich ungünstig auf Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit auswirkt.

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Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wie gut schlafen junge Menschen? Das war die Ausgangsfrage für die Studie unter Leitung des Marburger Schlafmediziners Professor Ulrich ­Koehler und des Dillenburger Gesundheitsforschers Dr. Manfred Betz, bei der mehr als 8.000 Jugendliche und junge Erwachsene befragt wurden. Das Ergebnis ist alarmierend: Sie schlafen während der Woche im Schnitt weniger als sieben Stunden täglich - und somit durchschnittlich eine Stunde weniger, als es eigentlich für ihre Gesundheit erforderlich wäre (siehe Artikel unten) „Das Ergebnis ist noch schlechter, als wir es befürchtet hatten“, erläutert der Schlafforscher und Diplom-Psychologe Werner Cassel vom Schlafmedizinischen Zentrum des Marburger Uni-Klinikums, im Gespräch mit der OP.

Aus Sicht des Schlafforschers hat sich in den vergangenen Jahrzehnten das Schlafverhalten der Deutschen grundlegend zum Schlechteren gewandelt, „Unsere Großeltern und auch unsere Eltern haben noch deutlich länger und besser geschlafen“, bilanziert Cassel. Das habe auch mit veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun. So gebe es heutzutage beispielsweise durch immer mehr Fernsehkanäle und die sozialen Netzwerke eine Vielzahl von Ablenkungen, die besonders bei jungen Menschen oft zu einer Reizüberflutung führe. „Es gibt sehr viele Möglichkeiten, die Müdigkeit nicht kommen zu lassen“, meint der Marburger Schlafmediziner.

Besonders junge Menschen in der Pubertät oder Studierende haben laut Cassel oft einen ungesunden Schlafrhythmus, der sich auf Dauer gesundheitsschädigend auswirken könne. Denn sie gehen häufig ein bis zwei Stunden zu spät ins Bett, ungeachtet der Tatsache, dass das frühe Aufstehen durch die Anfangszeiten in er Schule, in der Universität oder am Arbeitsplatz festgelegt ist. „Die Schule fängt zu früh an. Die meisten Schüler sind in den frühen Morgenstunden noch nicht ausreichend leistungsbereit. Schlafmediziner fordern deshalb schon seit einigen Jahren vergeblich, dass der Schulunterricht statt um 8 Uhr erst um 9 Uhr anfangen sollte“, erläutert der Schlafmediziner.

Noch schlimmer kann es um das Schlafen bestellt sein, wenn man sich die Arbeitssituation von Lehrlingen betrachtet. So berichtet Cassel vom Fall eines Patienten, der ab dem 16. Lebensjahr unter der Woche permanent morgens um halb vier aufstehen musste, um pünktlich morgens um 7 Uhr an der Arbeitsstelle zu erscheinen.

Ein gestörtes Schlafverhalten hätten übrigens in der heimischen Region auch viele Pendler, die regelmäßig früh aufstehen müssen, um rechtzeitig in Frankfurt an der Arbeitsstelle zu sein. „Viele Leute stehen zwei Stunden zu früh auf und gehen trotzdem relativ spät ins Bett“, macht der Schlafforscher klar. Eine durchschnittliche Schlafdauer von sechs Stunden pro Nacht sei aber für die meisten Menschen zu wenig.

Einen nicht unwesentlichen Anteil an den Schlafdefiziten der jüngeren Generationen hat nach Ansicht von Cassel auch eine Zunahme der Beleuchtungsintensität in den Wohn- und Schlafzimmern. Dieses wirke sich besonders in den Abend- und Nachtstunden aus, wenn eigentlich die Vorbereitung auf das Schlafen im Mittelpunkt des Denkens und Handelns stehen sollte. „Die innere Uhr der Menschen ist nicht auf dieses Mehr an künstlichem Licht vorbereitet“, meint Cassel.

Achteinhalb bis neun Stunden sollte die durchschnittliche Ruhedauer betragen. Das Schlafbedürfnis ist im jungen und mittleren Alter eher hoch. Säuglinge und Kleinkinder schlafen am längsten. Ältere Menschen hingegen benötigen etwas weniger Schlaf. Schlafdefizite, zu denen auch Probleme beim Einschlafen gehören, führen laut den Marburger Schlafmedizinern nicht nur zu Konzentrationsstörungen und geringerer Leistungsfähigkeit. „Chronischer Schlafmangel kann auch dazu führen, dass die Lebenserwartung sinkt“, macht Cassel klar.

 Professor Ulrich ­Koehler von der Philipps-Universität Marburg und Dr. Manfred Betz vom Dillenburger Institut für Gesundheitsförderung und -forschung stellten die Ergebnisse der Studie jetzt auf dem nationalen Präventionskongress in Dresden vor.

„Qualitativ guter und quantitativ ausreichender Schlaf gilt als eine der wichtigsten Ressourcen für die Gesundheit, gerade für Heranwachsende“, erklärt Professor Ulrich Koehler, der das Schlafmedizinische Zentrum am Marburger Uni-Kinikum leitet. Für die Deutsche Azubi-Gesundheitsstudie, die von den beiden Wissenschaftlern geleitet wird, wurden 8.850 Auszubildende und Schüler aus Dillenburg, Wetzlar, Korbach, Marburg, Gießen, Fulda, Frankfurt und Wiesbaden hinsichtlich ihrer Schlafgewohnheiten und ihres Gesundheitszustandes untersucht.

 Die Datenerhebung mithilfe verschiedener Fragebögen erfolgte im Rahmen von Gesundheitsprojekten in Schulen, Betrieben und überbetrieblichen Bildungseinrichtungen.

Das Resultat: Im Durchschnitt schlafen die Jugendlichen während der Woche etwas mehr als sechseinhalb Stunden pro Nacht und am Wochenende neun Stunden. „Damit schlafen sie deutlich weniger als ältere Erwachsene obwohl sie in ihrer Lebensphase eigentlich mehr Schlaf benötigen“, erläutert ­Koehler. Jeder Fünfte schläft sogar während der Woche weniger als sechs Stunden und fast jeder Zweite schläft am Wochenende mehr als neun Stunden.

Junge Menschen haben einen anderen Rhythmus als ältere Menschen. Sie sind abends lange aktiv und würden morgens mindestens bis acht oder neun Uhr schlafen. Aufgrund des frühen Arbeits- oder Schulbeginns haben viele ein permanentes Schlafdefizit, was sie am Wochenende durch sehr spätes Aufstehen auszugleichen versuchen. „Knapp zwei Drittel der Jugendlichen fühlen sich tagsüber nicht ausgeruht und leistungsfähig“, berichtet Koautor Betz.

 „Sie leiden zudem verstärkt an gesundheitlichen Problemen wie psychischen Beschwerden, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden und fehlen häufiger am Arbeitsplatz oder in der Schule.“ Eine starke Tagesmüdigkeit führe auch zu deutlich erhöhter Unfallgefährdung, insbesondere im Straßenverkehr.

„Besonders überrascht hat uns, dass jeder Fünfte angab, in den vergangenen zwölf Monaten unter Schlafstörungen gelitten zu haben, aber nur jeder zehnte Betroffene war deshalb in Behandlung war“, so Koehler.

 Hier gebe es einen sehr großen Aufklärungsbedarf, denn in den herkömmlichen Gesundheitsförderprogrammen werde das Thema Schlaf bislang nicht angemessen berücksichtigt. „ Wir hoffen, dass sich das nun aufgrund unserer Studienergebnisse ändern wird“, ergänzt Betz.

von Manfred Hitzeroth

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