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Junge Flüchtlinge lernen fürs Abitur

Landschulheim Steinmühle Junge Flüchtlinge lernen fürs Abitur

In nur drei Wochen soll 
an der Steinmühle der ­Unterricht für bis zu 14 minderjährige Flüchtlinge beginnen, die ohne ihre Erziehungsberechtigten nach Deutschland gekommen sind.

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Ein jugendlicher Flüchtling aus Syrien liest in einer Berufsbildenden Schule in Hannover in einem Lehrbuch zur Sprachförderung. Das Landschulheim Steinmühle möchte ­jugendliche Flüchtlinge zum Abitur führen.

Quelle: Jamal Nasrallah

Marburg. Den im Behördenjargon „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ oder kurz – mindestens genauso schrecklich – „umF“ genannten Jugendlichen soll die Möglichkeit eröffnet werden, an der Steinmühle das Abitur abzulegen.

Ein hohes Ziel, wie die Schulleiter Bernd Holly und Björn Gemmer zugeben, und für Hessen Neuland. Bislang werden Absolventen von Intensivklassen, so die gängige Praxis, überwiegend an den Hauptschulzweig einer Gesamtschule überwiesen.

Kultusminister Alexander Lorz (CDU) persönlich hat dafür gesorgt, dass die Steinmühle die Genehmigung für diese Schulform erhalten hat. Formal beinhaltet die Genehmigung, dass die Steinmühle zusätzlich zum Gymnasialbetrieb als Privatschule auch eine „Schule für ausländische Schülerinnen und Schüler“ betreiben darf.

„Wissen nicht, was auf uns zukommt“

Lorz war im Juni an der Steinmühle zu Gast gewesen und hatte das Vorhaben kennengelernt. „Das hat uns sehr geholfen“, berichtet Björn Gemmer, während Holly noch einen anderen Aspekt hervorhebt: Sollte sich herausstellen, dass einer oder mehrere Schüler das Abitur nicht packen, haben sie die Möglichkeit, auf eine berufliche Orientierung umzuschwenken. Die Steinmühle arbeite da mit der Deutschen Blindenstudienanstalt zusammen, die schon jetzt blinde und sehbehinderte Schüler landesweit an Handwerksbetriebe vermittelt.

„Wir wissen schließlich nicht, was auf uns zukommt“, sagt Holly. In dieser Woche sollen sich die ersten Interessenten an der Steinmühle vorstellen. Empfohlen werden sie vom Jugendamt der Stadt Marburg, das das Projekt an der Steinmühle per Brief bei den Clearingeinrichtungen für „umF“ in Hessen vorgestellt hat.

Das Jugendamt bittet die Einrichtungen, geeignete Kandidaten zu vermitteln. Dazu sollen die Jugendlichen nach ihrem schulischen Hintergrund und einem eventuellen Wunsch nach einem Studium befragt werden. Wenn diese Jugendlichen dann eine Zuweisung zum 19. Oktober nach Marburg erhalten, kann während der „Kennenlernphase“ in den Herbstferien mit dem Deutschunterricht begonnen werden.

Das Konzept der Steinmühle sieht vor, dass die Schülerinnen und Schüler gemeinsam in einem früheren Internatsgebäude lernen und leben. Die 14 Einzelzimmer werden zurzeit renoviert, wie die Gruppenleiterin, Diplom-Pädagogin Tanja Herfert, berichtet.

Umgang mit Traumata ist 
Thema einer Fortbildung

Auch hier gilt: Man will flexibel reagieren auf die konkrete Situation, wenn die Jugendlichen erst einmal da seien. Theoretisch sei denkbar, dass der ein oder andere Jugendliche vielleicht aufgrund seiner Erfahrungen während der Flucht oder in seinem Heimatland Angst hat, allein in einem Zimmer zu schlafen – „dann finden wir eine andere Lösung“, sagt Herfert.

Überhaupt ist der Umgang mit sicherlich vorhandenen Traumata bei den jungen Leuten ein wichtiges Thema an der Steinmühle. „Die Kolleginnen und Kollegen, die die Schüler unterrichten werden, werden darauf vorbereitet, dass sie es mit traumatisierten Jugendlichen zu tun haben können“, sagt Holly. Eine Fortbildung zum Umgang mit solchen Jugendlichen ist gerade in der Vorbereitung.

Das Programm für die Schüler ist anspruchsvoll: Das Konzept sieht 32 Wochenstunden verbindlichen Unterricht vor, davon 16 Wochenstunden Deutschunterricht, jeweils 4 Wochenstunden Englisch und Mathematik, außerdem jeweils zwei Wochenstunden Sport, bilinguale Gesellschaftslehre, interkulturelle Bildung und naturwissenschaftlichen Unterricht.

Hinzu kommen vier Wochenstunden Wahlunterricht, der gemeinsam mit den Schülern der Klassen 8 und 9 absolviert wird (von Informatik über integratives Rudern bis zu Kursen wie „Nicht reden, handeln!“) und die Möglichkeit, an Sportangeboten von Blau-Gelb Marburg (Fußball), des Vereins „Rudern und Sport Steinmühle“ (Rudern) oder der Blista teilzunehmen. Gedacht ist, die ­Intensivphase bis zum Sommer 2017 abzuschließen. Danach, so hofft Björn Gemmer, soll die Anschlussfähigkeit an die ­Jahrgangsstufe 11 hergestellt sein.

Wichtig für die Zukunft: Der Versuch der Steinmühle wird wissenschaftlich begleitet werden: Professorin Una Dirks von der Europa-Universität Flensburg untersucht die Gelingensbedingungen für den Erwerb eines höheren Bildungsabschlusses von jungen Flüchtlingen. „Wir erhoffen uns Aufschluss – nicht nur für uns, sondern auch für andere Projekte – darüber, was man unbedingt machen sollte und was man lieber bleiben lässt“, sagt Holly.

von Till Conrad

Bernd Holly, Björn Gemmer und Tanja Herfert besichtigen die künftige Küche in dem Internatsgebäude, in dem 14 Jugendliche leben und lernen sollen. Foto: Till Conrad
 
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