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Junge Ärzte braucht das Land

Medizinische Versorgung Junge Ärzte braucht das Land

Es gibt immer weniger Ärzte im Hinterland, statistisch gesehen sind es aber noch zu viele. Die Notdienste sind zentralisiert, wer krank ist, weiß nicht mehr, wen er wann anrufen soll.

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Diskutierten über Ärztemangel auf dem Land: (von links) Werner Waßmuth (CDU), der Geschäftsführer des DRK-Krankenhauses Biedenkopf, Willy Welsch und Thomas Schäfer (CDU). Der CDU-Kreistagsabgeordnete Christian Weigel moderierte die Diskussion.

Quelle: Birgit Heimrich

Bad Endbach. In Bottenhorn, einem Bad Endbacher Ortsteil, will sich ein Hausarzt niederlassen, darf aber nicht, weil dort zu wenig Menschen wohnen. Wie passt das alles zusammen? Und was muss passieren, damit die Versorgung besser wird?

Wirklich zufrieden stellende Antworten auf diese und weitere drängende Fragen zur medizinischen Versorgung auf dem Land hat es auf dem Gesundheitsforum der Kreis-CDU in der Hessischen Berglandklinik in Bad Endbach am Freitag nicht gegeben. Dafür war viel von Statistiken, gesetzlichen Vorgaben, hohen Ansprüchen, tiefer Verunsicherung und vor allem von Zumutbarkeit die Rede - was kann man den Patienten zumuten und was den Medizinern der nächsten Generation.

Auf dem Podium saßen der Chef der CDU-Kreistagsfraktion, Werner Waßmuth, CDU-Kreisvorsitzender und Finanzminister Thomas Schäfer, der Geschäftsführer des DRK-Krankenhauses Biedenkopf, Willy Welsch, Dr. Hardo Lingad, Chefarzt der Berglandklinik, und Carsten Lotz von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV).

Im Publikum waren viele Kommunalpolitiker, Ärzte und Apotheker. Vor allem Carsten Lotz musste Rede und Antwort stehen, als die Fragerunde für das Publikum eröffnet wurde. So wollte Claus Lixfeld (CDU) wissen, warum ein Arzt aus Holzhausen (Dautphetal), der sich in Bottenhorn niederlassen wollte, von der KV eine Absage erhielt, weil es dort nicht die statistisch geforderten 1600 Einwohner pro Arzt gibt. „Jetzt haben wir dort gar keine Hausarztversorgung mehr“, so Lixfeld.

„Ich kenne den Fall nicht“, musste Lotz zugeben, „ich kann mir aber nicht vorstellen, dass wir das nicht genehmigt haben“. Wenn ein Hausarzt aus Altersgründen seinen Sitz aufgebe, bemühe sich die KV immer, eine Lösung zu finden. Aber: „Wir haben gesetzliche Vorgaben, die wir einhalten müssen“, so Lotz.

Dass der Bezirk Gladenbach - zu dem Bottenhorn gehört - statistisch nach wie vor als medizinisch überversorgt gilt, liege an eben diesen Vorgaben. Die habe die KV nicht gemacht. Und: „Wir können keine jungen Mediziner vom Baum pflücken, die aufs Land wollen“, so Lotz, „wenn es dort keinen Bäcker, keinen Metzger, keine Post und auch sonst nichts gibt.“

Zachow: Mehr Werbung machen für die Region

Einigkeit herrschte im Saal, dass es insgesamt zu wenig Ärzte gibt. Nur zehn Prozent aller Mediziner werden Hausärzte, und von denen will kaum einer aufs Land. Die Industrie hat das gleiche Problem mit dem Fachkräftemangel - die abgelegeneren Regionen wie das Hinterland müssen mehr für sich werben. Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) zog diesen Vergleich. Das bestätigte Dr. Lingad: Er habe als Student in Marburg nie vom Hinterland gehört, geschweige denn von den Arbeitsmöglichkeiten dort.

Finanzminister Schäfer berichtete von Stipendien, Darlehen und anderen Förderungen, mit denen das Land Medizinstudenten dazu bringen will, Landärzte zu werden. „Vielleicht muss man auch an der Vergütungsstruktur etwas ändern“, sagte er, „möglicherweise gibt es bei Radiologen aus der Großstadt noch Reserven für die Hausärzte auf dem Land.“

Es liegt nicht am Geld, entgegnete Carsten Lotz, sondern an der Lebensqualität. Das bestätigte der Biedenkopfer Arzt, Christian Riebartsch. Junge Ärzte wollen anders leben als die klassischen Landärzte, die es nun bald nicht mehr gibt. Und: 70 Prozent der Medizinabsolventen sind Frauen, für die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zentral ist.

Alles schön und gut, aber wenn die medizinische Grundversorgung in Gefahr ist, muss der Gesetzgeber für eine gleichwertige Versorgungsdichte in Stadt und Land sorgen, forderte Werner Waßmuth.

Manfred Vollmer, Ex-Bürgermeister von Stadtallendorf, ging noch weiter: Die ganze Bedarfsplanung stimme vorne und hinten nicht, wetterte er, sonst könne es ja nicht passieren, dass man als Patient trotz 100 Prozent Versorgung bei einem Arzt gar nicht mehr aufgenommen werde.

Und er meinte auch: „So frei kann ein Beruf gar nicht sein, dass man sich aus der Grundversorgung ausklinken kann, weil es an dem einen Ort schöner ist als am anderen.“

von Birgit Heimrich

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