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Jugendamt setzt auf ein Netzwerk

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Jugendamt setzt auf ein Netzwerk

In einem Treffen mit Vertretern des Sozialministeriums hat die Stadt offiziell angeboten, ein Zentrum für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu werden.

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Ein 16-jähriger Flüchtling aus Eritrea steht am Fenster seines Zimmers in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Nürnberg. Marburg will zu einem Zentrum für die Betreuung von jugendlichen Flüchtlingen werden.

Quelle: Daniel Karmann

Marburg. Ende Juli hat die Stadt Marburg 51 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) betreut, bis zum Jahresende sollen es bis zu 100 sein.

Am 19. Oktober wird die Steinmühle eine weitere Gruppe mit 14 Plätzen eröffnen. Die Deutsche Blindenstudienanstalt wird ebenfalls Wohnraum für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zur Verfügung stellen, teilte Bürgermeister Dr. Franz Kahle mit. Schließlich soll eine weitere Wohngruppe in Cappel entstehen.

Wohngruppen bestehen auch im Waldtal und am Richtsberg, sie werden vom St. Elisabethverein und vom Gertrudisheim betreut.

In Deutschland wird ein ausländischer Minderjähriger, der unbegleitet nach Deutschland kommt, nach vom Jugendamt in Obhut genommen, wenn sich weder Personensorge- noch Erziehungsberechtigte im Inland aufhalten. Gegebenenfalls bestellt das Familiengericht einen Vormund. Die minderjährigen Flüchtlinge sind schulpflichtig.

Ein Jugendhilfe-Betreuungsplatz kostet bis zu 130 Euro am Tag

Die Kosten für die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge sind erheblich: Ein Jugendhilfe-Betreuungsplatz kostet in Deutschland bis zu 130 Euro am Tag. Da ist es kein Wunder, dass Bürgermeister Dr. Franz Kahle sein Angebot an das Land Hessen mit der Bemerkung versieht: „Wir wollen natürlich unsere Kosten erstattet bekommen.“

Für die Stadt ist aber ein anderer Aspekt wichtiger: „Wir sind sicher, dass die jungen Leute, die eine schwierige Flucht hinter sich haben, in Marburg gute Bedingungen finden, um hier aufwachsen zu können“, sagt Jugendamts-Leiter Christian Meineke. „Wir wollen, dass ihre Flucht hier zu Ende ist.“

Die Stadt setzt zur Erreichung dieses Ziels vor allem auf ein Netzwerk von ambulanten und stationären Anbietern, um junge Flüchtlinge umfassend zu betreuen. Das Jugendamt gewährt insbesondere bei der Hilfe zur Erziehung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen und den sogenannten „Selbstmeldern“ stationäre und ambulante Hilfen.

Beschlossen ist, dass für Flüchtlingskinder ausreichende Kindertagesbetreuungsplätze zur Verfügung gestellt werden. Diese sind in der Regel halbtags, „da die Flüchtlingsfamilien ihre Kinder meist nicht ganztägig außer Haus geben wollen“, teilte die Stadt mit.

Durch die Jugendförderung wurden Kontingente für Flüchtlingskinder bei Freizeiten und in der Kinderferienbetreuung zur Verfügung gestellt.

Gemeinsam mit dem Fachdienst Jugendberufshilfe organisiert das Jugendamt Hilfen zur Einmündung in Ausbildung.

Zugänge zur psychosozialen Versorgung werden gewährleistet, teilte die Stadt außerdem mit. Die Nachfrage nach Coaching und Supervision ist aber derzeit bei den Fachkräften bedeutend höher als der Bedarf von Psychotherapie für die Flüchtlinge selbst. Das Jugendamt will zusammen mit der St. Elisabeth Innovative Sozialarbeit gGmbH (GISA) gemeinsame Fortbildungen für diejenigen organisieren, die mit der Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen befasst sind.

Stadt plant 1,8 Millionen Euro zusaätzlich ein

Entscheidend für die erfolgreiche Integration jugendlicher Flüchtlinge ist nach Überzeugung aller das schulische Angebot. Schon im Mai hatte das Stadtparlament einen Beschluss gefasst, in dem der Magistrat aufgefordert wird, sich bei der Landesregierung dafür einzu­setzen, dass allen Kindern von Flüchtlingen ein Schulbesuch ermöglicht und die Schulpflicht auf das Alter von 25 Jahren ausgeweitet wird. Maximal 16 Teilnehmer sollen die Kurse „Deutsch als Zweitsprache“ haben, fordern die Parlamentarier. Vorausgegangen war eine mehrwöchige Phase, in der das Kultusministerium nicht für alle in Marburg lebenden Flüchtlingskinder den Schulbesuch organisieren konnte.

Noch gibt es im übrigen keine verbindliche Reaktion des Landes auf das Angebot der Stadt Marburg. Im Nachtragshaushalt für 2015, der im Herbst beraten wird, sind aber auch 1,8 Millionen Euro an eigenen Mitteln für die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge vorgesehen.

von Till Conrad

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