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Jugendamt betreut immer mehr Flüchtlingskinder

Wissenschaftliche Befragung Jugendamt betreut immer mehr Flüchtlingskinder

Die Universitätsstadt hat als Nothilfe 25 weitere unbegleitete minderjährige Flüchtlingskinder aufgenommen. Grund: In den Erstaufnahmen Frankfurt und Gießen waren sie nicht mehr sicher.

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In Marburg leben nun 75 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – Tendenz steigend.

Quelle: Bernd von Jutrczenka

Marburg. Seit vergangener Woche leben rund zwei Dutzend elternlose Flüchtlingskinder in einem Wohnheim in Schröck und der Jugendherberge am Hirsefeldsteg. Damit steigt die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge um ein Drittel auf 75. Der Transfer in die Universitätsstadt sei nötig gewesen, da die vorwiegend 14- und 15-Jährigen in den anderen Unterkünften auch aufgrund von Gewalt Angst hatten.

„Eigentlich ist das ein Schritt entgegen unserem geplanten, strukturierten Vorhaben, nach und nach mehr junge Flüchtlinge hier aufzunehmen“, sagt Christian Meineke, Leiter des Jugendamts während der Sitzung des Jugendhilfeausschusses. Hintergrund: Die Stadt will ab 2016, wenn es die Bundesgesetze zulassen, eines der hessischen umF-Zentren werden. Nach OP-Informationen würde das die Betreuung von rund 200 Minderjährigen aus Kriegs- und Krisenregionen bedeuten.

Die Stadtverwaltung habe sich für die Spontan-Aufnahme der 25 umF entschlossen, da es „einen Ausnahmezustand gibt, wir als Kommune andere, stark belastete Städte unterstützen müssen“, sagt Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne). Von „geordneten Bahnen“ sei das Land bei der Flüchtlingszuweisung „weit entfernt“.

Deshalb arbeitet das Jugendamt an einem Konzept für Betreuungs-Standards speziell für die ankommenden Jugendlichen. Von Februar bis Juli haben die Marburger Forschungsstudenten Janine Hölzel (26), Paula Achenbach (28) und Helge Grünberg (28) die aktuelle Situation und Bedürfnisse von umF, die seit mindestens einem halben Jahr in der Stadt leben, untersucht.

Einige Ergebnisse:

*  Das Mitmachen in Sportvereinen treibt die Integration der Jugendlichen weit weniger voran als vermutet. „Zu mehr als oberflächlichen Beziehungen führt das nicht. Nach dem Training geht jeder seiner Wege. Das bedauern viele, weil sie Kontakt zu den Einheimischen wollen, es versuchen, aber oft wohl auf kein Interesse stoßen“, sagt Hölzel. Tenor der Aussagen aller Befragten: „Ich will deutsche Freunde finden, aber es ist schwierig.“

*  In den Wohngruppen wird sich untereinander meist in den Muttersprachen unterhalten, außerhalb versuchen die meisten ihr Deutsch anzuwenden.

*  Hohe Motivation, Sprache zu lernen, Schule gut abzuschließen und nach Ausbidlung / Studium Geld zu verdienen.

* Den Internetzugang über Handy oder Computer zu gewährleisten, ist entscheidend für das emotionale Wohlbefinden der Jugendlichen. „Es ist ihnen wichtig, immer Kontakt zu Familie und Freunden im Heimatland oder zu Verwandten irgendwo in Europa halten zu können“, sagt Achenbach. Deshalb säßen seit Monaten viele junge Flüchtlinge am Hauptbahnhof, wo sie unbegrenzt ein offenes W-Lan-Netz nutzen können.

Auf den Ergebnissen fußend, formulieren die Forschungsstudenten einige Handlungsempfehlungen: „Umsorgen, nicht versorgen soll nach Auffassung der befragten Jugendlichen die grundsätzliche Aufgabe der Betreuer sein“, sagt Grünberg.

Ansonsten gehe es um die Verbesserung der technischen Ausstattung und W-Lan-Zugänge in den Wohngruppen, um 
altersgerechte Förderangebote in Schule und Freizeit und das Reisen zu Verwandten der umF außerhalb Marburgs, was oft am verfügbaren Geld scheitere.

„Vor allem das lange dauernde Asylverfahren beschäftigt alle sehr, sie wollen wissen, ob sie nun hier leben oder nicht“, sagt Hölzel. Die in den kommenden Wochen neu eröffnenden umF-Betreuungsgruppen am Landschulheim Steinmühle und der Blindenstudienanstalt werden nach eigenen Angaben einige der genannten Punkte umsetzen. „Für vieles von dem, was gewünscht wird, gibt es bereits Maßnahmen. Anderes wollen wir verbessern“, sagt Meineke.

von Björn Wisker

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