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Jugend stemmt sich gegen Nazi-Parolen

Marburger Christen in Wohratal Jugend stemmt sich gegen Nazi-Parolen

Nach den Nazi-Attacken in Wohratal eilen Marburger Jugendliche den Flüchtlingen im Ort zur Hilfe. Ihre Mission: Ein Zeichen gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit setzen.

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Marburg. „Wir sind bestürzt, dass so etwas bei uns in der Region passiert“, sagt Daniel Wegner (26), Jugendarbeiter der Evangelischen Kirche am Richtsberg. So etwas - damit meint er die Attacke auf das Wohrataler Flüchtlings-Heim Mitte Januar und die Nazi-Parolen, die zwei Jugendliche vor wenigen Tagen im Ort grölten.

„Wir wollen Liebe und Gerechtigkei nach Wohratal zurückbringen, uns gegen diese Gewalt stellen“, sagt Wegner. Um zu zeigen, dass die Bewohner der Region solche Auswüchse nicht tolerieren, fuhr er mit acht Jugendlichen und fünf Erwachsenen in den Ostkreis. Mehrere Nachmittage verbrachten Marburgs Teenager (zwischen 14 und 16 Jahren alt) mit den vier bis elfjährigen Flüchtlings-Kindern, die vor allem aus Serbien, Afghanistan oder Iran stammen. „Wir wollen sie kennen lernen, mit ihnen reden, spielen“, sagt Melissa Fischer (14). Durch Gespräche mit den Eltern habe die Gruppe viel über Kultur, Religion und Sorgen der Flüchtlinge erfahren. „Alle waren sehr freundlich, wir haben die Kinder gleich ins Herz geschlossen“, sagt die Marburgerin. „Es freut uns alle zu sehen, mit welchen einfachen und für uns alltäglichen Dingen man diese Kinder zum Lachen bringen kann“, sagt sie.

„Es ist wichtig, Dinge nachzuerleben um sie fühlen und verstehen zu können. Dann sieht man, dass es eben Leute gibt, denen es nicht gut geht, die ungerecht behandelt werden. Reden alleine bringt nichts “, sagt Wegner. „Mehr als ein Zeichen, ein Symbol kann so etwas nicht sein. Die Welt machen wir dadurch nicht besser. Aber das, was wir tun konnten, haben wir gemacht - und machen es wieder.“ Denn ab sofort werden die Richtsberger regelmäßig - auch im Zuge des Projekts auJA Mobi - zu den Flüchtlingen fahren. Die Christen um Wegner hoffen, dass ihr Beispiel auch Kinder und Jugendliche in und um Wohratal inspiriert, nicht arglos rassistische Sprüche zu klopfen.

Mitte April sind zwei 14 und 17 Jahre alte Jugendliche durch den Ort gezogen und haben Nazi-Parolen gerufen. Einer soll nach einer vorausgegangenen Party betrunken gewesen sein, über die Tragweite ihrer Äußerungen - so sagen beide - seien sie sich nicht im Klaren gewesen. Der Staatsschutz führt eigenen Angaben zufolge mit allen Jungen und Mädchen aus der zehnköpfigen Gruppe Gespräche, um sie für das Thema Ausländerfeindlichkeit zu sensibilisieren. Die Ermittlungen ergaben bislang keine Anhaltspunkte auf einen Zusammenhang zu dem Angriff auf das Asylbewerberheim.

Die Spielnachmittage der Richtsberger Gruppe mit den Flüchtlings-Kindern sind ein weiterer Solidaritätsbeweis mit den Asylbewerbern. Schon in den Wochen nach dem Anschlag, für den sich vier junge Männer zwischen 18 und 19 Jahren, bald vor Gericht verantworten müssen, halfen viele Wohrataler. Der „Runde Tisch Integration“ entwickelte etwa mehrere Initiativen, das Gemeindeparlament bewilligte 4000 Euro für Projekte. Als der Gedanke aufkam, den Heimbewohnern Gärten auf einer Gemeindefläche zu überlassen, boten mehrere Anwohner gleich eigene, zurzeit ungenutzte Flächen an. Auch ein Shuttle-Bus ist in Planung, um einen Fahrdienst für Bewohner anbieten zu können. Auch ein neuer Fahrradunterstand soll entstehen. Zudem stehen für Sprachunterricht - ein großer Wunsch der Asylbewerber nach den Ereignissen vom Januar - einige Lehrer bereit. Zweimal pro Woche gibt es Unterricht, 15 Bewohner besuchen diesen regelmäßig.

von Björn Wisker

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