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Jugend forscht über jüdische Ex-Schüler

Schul-AG Jugend forscht über jüdische Ex-Schüler

Schüler der Martin-Luther-Schule treffen sich seit einem Jahr regelmäßig in ihrer „Gedenken-AG“. Mit einer Dokumentation wollen sie den von Nazis ermordeten jüdischen Mitschülern ein Gesicht geben.

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Sie forschen in alten Klassenbüchern nach Informationen über jüdische Schüler: Jonas Stehling (von links), Maike Garbade, Milad
Javadani, Nico Arnold, Nina Heckmann und Henning Tauche. Lehrer Arne Erdmann leitet die AG Gedenken. Foto: Anna Ntemiris

Marburg. Max Walldorf war ein Mathematik-Talent an der heutigen Martin-Luther-Schule. Er ist dennoch keiner der ehemaligen Schüler, mit dem sich das Marburger Gymnasium schmückt. Max Walldorf ist Teil der dunklen Vergangenheit der Schule, die während der NS-Zeit Adolf-Hitler-Schule heißen musste. 1934 verließ er die Schule: Max Walldorf war einer der letzten jüdischen Schüler, die damals in Marburg ihr Abitur machten.

Fast 80 Jahre später machen sich Abiturienten auf die Spuren von Max Walldorf, dem Mathe-Ass. Der Jude durfte auf Wunsch des Lehrers an der Schule bleiben, damit der Durchschnitt in Mathematik hoch blieb, berichtet Nina Heckmann. An der Abschlussfeier war Max Walldorf jedoch unerwünscht. Nina, Schülerin der Jahrgangsstufe 13, ist ein Mitglied der Arbeitsgruppe mit dem schlichten Namen „Gedenken“. Seit einem Jahr befassen sich sieben Schüler gemeinsam mit dem Lehrer Arne Erdmann mit den Schicksalen der jüdischen MSL-Schüler während des NS-Regimes.

Max Walldorf wanderte nach Südafrika aus, hat die Gruppe erfahren. Aber was ist mit den ehemaligen MLS-Schülern, die deportiert und ermordet wurden? Albrecht Bachrach, geboren 1922. Er wurde mit 20 Jahren in Auschwitz umgebracht, berichtet Jonas Stehling, der sich mit dem Leben der Familie Bachrach befasst hat. „Wir wollen diesen Marburgern ein Gesicht geben“, sagt Henning Tauche. Die Schüler wollen Namen und Informationen sammeln, die Lebenswege nachzeichnen und sie dokumentieren. Auch hoffen sie, Angehörige der ermordeten Marburger Juden zu finden, die Näheres berichten können.

Die Generation ohne Zeitzeugen

Die Gedenken-AG erhält Unterstützung von der Geschichtswerkstatt Marburg und Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch vom Vorstand des Arbeitskreises Landsynagoge Roth. Und die Gruppe hat eine ausführliche, gute Grundlage für ihre Recherchen: Im Jahr 1988 veröffentlichten damalige Lehrer der Schule anlässlich des Jubiläums eine Schulchronik, in der auch die Namen der ermordeten Juden zu finden sind.

Ohne die Recherche- und Dokumentationsarbeit der Lehrer im Jahr 1988 hätte die AG kaum Anhaltspunkte für weiteres Forschen gehabt, so Erdmann. Damals gab es eine „Aufklärungswelle“ sagen die Schüler. „Warum in der Zwischenzeit die Geschichte nicht weiter aufgearbeitet wurde, wissen wir nicht“, ergänzt Nico Arnold. Der 18-Jährige hat sich mit dem Leben von Siegmund Schaumberg befasst. Der Kirchhainer Jude wurde in Minsk umgebracht.

Schüler wollen im Staatsarchiv weitersuchen

„Er hat zuletzt in Kassel und Frankfurt gelebt und wurde von dort aus deportiert. Ich habe interessante Anekdoten aus seinem Leben gelesen. Er war zu dieser Zeit schon geschieden, das kam damals selten vor. Viele Spuren, etwa über seine Familie, laufen leider ins Leere“, berichtet Nico. Aber genau diese kleinen, persönlichen Lebensberichte und diese großen Lücken sind es, die die Schüler fesseln und motivieren, weiter zu forschen. Die Schüler hoffen nun im Hessischen Staatsarchiv auf Informationen zu stoßen. „Es tun sich immer neue Fragen auf“, sagt Henning Tauche.

Erste Ergebnisse werden am Samstag ausgestellt

Die Gedenken-AG ist eine freiwillige Angelegenheit, die Schüler treffen sich in ihrer Freizeit, bekommen keine Punkte für die Teilnahme. Umso mehr ist Lehrer Erdmann begeistert, ja überwältigt von dem Engagement seiner Schüler, die immer mehr herausfinden wollen.

Auch wenn die Arbeit längst nicht abgeschlossen ist: Anlässlich des Jubiläums 175 Jahre MLS zeigt die AG erste Ergebnisse. Sie eröffnet am Samstag, 14. September, ab 11.30 Uhr im Konferenzraum die Ausstellung: „Schule im Nationalsozialismus“. Besonders glücklich sind Erdmann und seine Schüler, dass sie Bild- und Textzeugnisse von Max Walldorf erhalten haben: Walldorfs Tochter, Hazel Pollak, hat sie übermittelt. Sie wird am Samstag mit ihrem Mann an der Ausstellungseröffnung teilnehmen.

Die Ausstellung wird am Samstag nur vorläufig zu sehen sein. Förderverein und Schulleitung fördern das Projekt, damit die Ausstellung in überarbeiteter Form dauerhaft in der MLS einen Platz findet. In zirka acht Monaten werden die sechs die Schule verlassen. „Wir hoffen und arbeiten daran, dass wir Nachfolger finden, die unsere Arbeit fortführen“, sagt Maike Garbade. Ihre Mitschüler stimmen ihr zu.

Auch Arne Erdmann möchte die Gruppe fortführen. Ein Ziel hat die AG bis zu ihrem Abi: „Vielleicht finden sich noch Überlebende“, sagt Maike.

von Anna Ntemiris

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