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Jugend fesselt sich ans Handy

Sucht Jugend fesselt sich ans Handy

Chatten, simsen, telefonieren: Marburgs Jugend ist mit Smartphones auf Dauerempfang. Abschalten? Für viele ist das undenkbar. Experten warnen daher vor einer grassierenden Handy-Sucht.

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Telefonieren, chatten, fotografieren, Videos drehen: Nicht nur für Stefan Timm (25) und Tina Reischke (25) ist das Smartphone längst zum Dauerbegleiter geworden. Selbst Grundschüler können kaum mehr ohne die neueste Handy-Technik. Foto: Björn Wisker

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Selbst in der Grundschule gehört ein Handy mittlerweile zum Alltag, wie eine Studie des Marktforschungsinstituts IconKids and Youth ergab: Jeder dritte Sieben- bis Neunjährige telefoniert mobil und bei den Zehn- bis Elfjährigen sind heutzutage sogar schon zwei Drittel mobil erreichbar. Unter Jugendlichen bis 15 Jahren sind es sogar 95 Prozent.

Zehntklässler aus Braunschweig wagten nun das scheinbar Unmögliche: Eine Woche lang verzichteten sie komplett auf Handy beziehungsweise Smartphone samt Internet. Würden junge Marburger 168 Stunden ohne Mobiltelefon aushalten? Die OP fragt die Jugendlichen in der Stadt: „Geht nicht! Dann kann ich beim Warten auf den Bus oder beim Zugfahren nichts mehr machen“, sagt Leon Kunze (16), Realschüler. „Ich muss es anlassen um zu wissen, wenn sich jemand zum Treffen verspätet oder eine Party ausfällt“, sagt Sabrina Nelle (18), angehende Jurastudentin. Zudem rufe ihre Mutter häufig an um zu wissen, wo sie sei und was sie unternehme. „Sie würde es vermutlich genauso wenig aushalten wie ich, das Handy nicht griffbereit zu haben“, sagt sie. Die Schülerin Isabel Schuhmacher (17) machte hingegen bereits andere Erfahrungen. Sie schaltete die Technik vor Kurzem freiwillig mehrere Stunden am Tag ab. Sie sagt: „Ich habe plötzlich richtig viel Zeit gewonnen.“ Hausaufgaben waren schneller erledigt, es blieb mehr Zeit für Sport und andere Dinge. Künftig soll ihr Smartphone daher häufiger aus bleiben.

Die Deutsche Knigge Gesellschaft kritisiert den Smart-phone-Boom, das permanente Nutzen der Geräte, weil es ihrer Auffassung nach den Smalltalk tötet. Hans-Michael Klein, Vorsitzender der Benimm-Vereins sagt: „Wir sind von Schlaumeiern und Besserwissern umzingelt, die Gespräche durch nach-gegoogelten Fakten zerstören“. Im Benimmregel-Katalog hat die Gesellschaft daher einen neuen Absatz aufgenommen: „Während des Gesprächs bleibt das Handy in der Tasche“. Während des Gesprächs SMS oder in dem Programm Whatsapp zu schreiben, ist schon länger verpönt. Nun soll auch mit dem Googeln Schlusssein.

Alarmierend sind die Ergebnisse einer aktuellen Forsa-Umfrage: Mehr als 60 Prozent der befragten Mädchen zwischen 14 und 19 Jahren gaben an, lieber auf alles andere - Party, Fernsehen, Alkohol - zu verzichten, als auf ihr Mobiltelefon. 70 Prozent würden gar lieber dem Sex als dem Smartphone abschwören.

„Das Handy als ständigen Begleiter dabei zu haben heißt nocht nicht, das jemand süchtigt ist“, sagt Detlef Scholz, Medienpädagoge. Ohnehin sei Handysucht kein anerkanntes Krankheitsbild. Trotzdem könne man von exzessiver Handynutzung sprechen, wenn man sehe, „wie zwanghaft einige mit ihrem Mobiltelefon umgehen“. So könne seiner Einschätzung nach auch ein Handy Sucht-Symptome entstehen lassen. Etwa starke Nervosität bei schlechtem Netzempfang oder, wenn das Handy abgestellt werden müsse. Angstgefühle, innere Unruhe und Schweißausbrüche, wenn das Handy vergessen wurde oder der Akku leer ist. „Ständig auf das Display des Handys schauen müssen ist ebenfalls ein Suchtsymptom“, sagt Scholz.

Wissenschaftler erfanden nun den Begriff Nomophobia. Dieser bezeichnet die Angst, ohne Handy zu sein. Denn je jünger Befragte sind, desto mehr Angst löst die Vorstellung bei ihnen aus, ohne Mobiltelefon und Internet auskommen zu müssen.Eine andere medizinische Dauerdebatte rankt sich um die Krebsgefahr, die von der Handy-Strahlung ausgehen könnte. Einige Studien halten die Mobiltelefone für unbedenklich, andere warnen vor Risiken. Die Deutsche Kinderkrebsstiftung etwa ist gerade in Bezug auf die Wirkung auf Kinder skeptisch. Auch Naturschutzorganisation wie der BUND positionieren sich kritisch: Die Zahl der Quellen hochfrequenter elektromagnetischer Felder nehem seit Jahren stark zugenommen, dauerhaft sei bei Mobilfunk und Co. jeder elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt.

von Björn Wisker

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