Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Jüdischer Junge wechselte Identität

Sally Perrel Jüdischer Junge wechselte Identität

"Ich war Hitlerjunge Salomon" - so lautet der Titel der Autobiografie von Sally Perel, der zu Gast in der jüdischen Gemeinde war.

Voriger Artikel
Die Neugotik hinterließ viele Spuren in Marburg
Nächster Artikel
Pop-Dschihadisten erobern die Szene

Sally Perel bei seinem Vortrag in der Synagoge.Foto: Lisa Scholz

Marburg . Der heute 89-jährige verschleierte während der NS-Zeit seine jüdische Herkunft und lebte als Hitlerjunge vier Jahre oder, wie er es beschreibt, vier Ewigkeiten unter Nationalsozialisten. Er lief immer Gefahr, entdeckt und dann erschossen zu werden. „Ich habe nie aufgegeben“, sagte er. Sein Überlebensinstinkt ließ ihn nie im Stich und er entwickelte einen bedeutenden Schutzmechanismus: Er führte ein Doppelleben. Sally Perel beschreibt es als zwei Seelen, die er in sich trug. Zum einen die Seele jüdischen Ursprungs und zum anderen die des Hitlerjungen. Sally, geboren als Salomon Perel, beschreibt seine Kindheit als glücklich, als einen Traum, der brutal unterbrochen wurde, denn seine Familie musste vor dem NS-Regime nach Lodz fliehen. Als Polen jedoch überfallen wurde und Juden in Ghettos gesperrt wurden, schienen seine Eltern zu ahnen, was sie erwartet. Sie wollten die Überlebenschance ihrer Kinder vergrößern und schickten sie auf die Flucht in den sowjetischen Teil Polens.

„Du sollst leben“, waren die letzten Worte der Mutter an Salomon, und sein Vater gab ihm ein Gebet und den Wunsch „Vergiss nie, wer du bist“ mit auf den Lebensweg. Es war ein Abschied für immer.

Als Salomon Perel später versuchte, nach Minsk zu fliehen, wurde er von deutschen Truppen aufgegriffen. Ein Soldat fragte ihn: „Bist du Jude?“ In diesem Moment stand er vor der Wahl, dem Wunsch der Mutter oder dem des Vaters zu folgen. Da er am Leben bleiben wollte, zog er die einzige Waffe, die ihm blieb: die Lüge. Und der Soldat glaubte ihm, dass er „Volksdeutscher“ sei, und so wurde er zum Übersetzer für die Wehrmacht und dann auch zu einem begeisterten Hitlerjungen.

In ihm entstand ein Widerspruch. Nachts kam die Sehnsucht nach Hause und am nächsten Tag in Uniform war er wieder der Hitlerjunge Joseph, genannt Jupp. Parolen wie „Es lebe der Sieg“ schrie er mit, während er wusste, dass im selben Moment die Vernichtung seines Volkes stattfindet. „Man hörte auf, ich zu sein“, sagte Perel. Die Hakenkreuze haben sich eingebrannt. Perel spricht von einem nie wieder gutzumachenden Schaden. Er vergleicht es mit Gifttropfen, die langsam anfangen zu wirken. „Auch mein Gehirn wurde vergiftet.“ Es entstand kein Zweifel an der Richtigkeit der Ideologie, wie er sagt, und er habe sich mit der NS-Ideologie identifiziert. Nur mit einem Punkt der Weltanschauung war er nicht einverstanden: damit, dass Juden vernichtet werden müssen.

Auf die Frage eines Zuhörers, ob Perel mit den Leuten von früher nochmals Kontakt gehabt habe, erzählte er von einem Treffen mit dem Soldaten, der ihn kontrolliert hatte. Perel fragte diesen, warum er ihm vertraut hatte. Der ehemalige Soldat antwortete, er habe eine innere Stimme gehört. Da erinnerte Perel sich an das Gefühl, dass in diesem Moment seine Mutter im Geiste anwesend war, weil sie wollte, dass er lebt.

von Lisa Scholz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr