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Jubel ohne Grenzen - Spiel ohne Grenzen

Heute vor 40 Jahren Jubel ohne Grenzen - Spiel ohne Grenzen

Heute vor genau 40 Jahren startete die Erfolgsgeschichte des Marburger Teams beim „Spiel ohne Grenzen“. Als Vize-Europameister sollten sie eine ganze Stadt begeistern.

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Er erinnert sich, als wäre das alles erst gestern passiert: Karl-Heinz Kuhn sitzt in seinem Gartenhäuschen und blättert in den alten Zeitungsausschnitten. Die gesammelten
Seiten sind nach fast 40 Jahren leicht vergilbt, das Papier ab­gegriffen. In dem Stapel, der auf dem Gartentisch ausgebreitet ist, finden seine Finger ein Schwarzweißfoto. Auf dem Bild ist eine riesige Menschenmenge zu sehen. Die Masse drängt sich dicht an dicht auf dem damals noch spärlich bebauten Lahnufer.
Kuhn schaut sich das Foto genau an und sagt: „Das war schon eine großartige Sache für Marburg“. Im Jahr 1973, in dem das Foto entstand, ist die Sendung „Spiel ohne Grenzen“ ein Kassenschlager – „die größte Unterhaltungsveranstaltung des Fernsehens in Europa“, wie der WDR in einer Ankündigung schreibt. Nationale und internationale Städte traten damals in verschiedenen, meist nicht ganz ernst zu nehmenden Wettkämpfen gegeneinander an, bei denen es vor allem auf die sportliche Vielseitigkeit der Teilnehmer ankam. Spötter nannten die Sendung auch „Schmierseifen-Olympiade“.
Auch die Stadt Marburg unter Oberbürgermeister Dr. Hanno Drechsler bewarb sich für eine
Teilnahme an der Spielshow. Als dann tatsächlich die Zusage kam, dass die Lahnstadt als einer von 14 deutschen Vertretern an den Wettkämpfen teilnehmen würde, galt es umgehend eine schlagkräftige Mannschaft zu formieren.

Entbehrungsreiche, aber auch erfolgreiche Zeit

Die Vorgabe der Organisatoren lautete: 15 Sportler und zwei Trainer für jedes teilnehmende Team. Das Interesse der Marburger an der Veranstaltung war groß. Vielleicht sogar etwas zu groß: „So an die 90 Sportler waren bei den ersten Treffen dabei“, erinnert sich Karl-Heinz Kuhn, der in der Folge eines der beiden Trainerämter übernahm. „Hätte ich gewusst, was in diesem Sommer alles auf mich zukommen würde, hätte ich den Posten wahrscheinlich abgelehnt“, sagt der Pensionär
heute. Die Zeit zwischen Ende März und September 1973 wurde zu einer entbehrungsreichen, aber auch erfolgreichen Geschichte für das „Marburg Team“. Kuhn, damals 34 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Söhne, hatte fortan nur noch wenig Zeit für seine Familie. Fast täglich trafen sich die Aktiven, um sich für die anstehenden Wettkämpfe fit zu machen. Sieben europäische Länder nahmen am „Spiel ohne Grenzen“ teil. In der ersten Runde spielten jeweils zwei nationale Teams gegeneinander. Marburg traf hier auf die Gäste aus Pfullingen. Vor 8 000 Zuschauern siegte die Mannschaft um Karl-Heinz Kuhn am 27. Mai 1973 mit 20:4. „Ohne Grenzen war der Jubel“ titelte die OP am Folgetag. Der Lohn für die Sportler: die Reise zur internationalen Ausscheidung nach Bristol in England.

Auch in Bristol sind die Marburger nicht zu schlagen

Dort waren sieben internationale Mannschaften am Start. Und wieder hatten die Marburger die Nase vorn. Sie erzielten die höchste Punktzahl aller teilnehmenden Teams. Bei der
Rückkehr an die Lahn am 2. August 1973 bedachte auch OB Hanno Drechsler die Sportler mit triumphalen Worten: „Sie haben vor einem Millionen-
Publikum ihrer Stadt Marburg Ehre gemacht“.
Die Zeit in Bristol ist Kuhn besonders in Erinnerung geblieben, da alle Teilnehmer in einer gemeinsamen Wohneinheit untergebracht waren. „Abends haben wir zusammengesessen, Lieder gesungen und uns unterhalten. Die Stimmung war einfach großartig.“ Der Höhepunkt für die erfolgshungrigen Marburger sollte aber noch folgen: das Finale der besten sieben Städte-Teams in Paris. 900 Anhänger aus der Uni-Stadt fuhren am 12. September 1973 mit Bussen in die französische Hauptstadt, um ihre Mannschaft zu unterstützen.
Obwohl sich die Marburger im Endspiel knapp geschlagen geben mussten, wurde den Sportlern bei ihrer Rückkehr ein denkwürdiger Empfang bereitet. „Wir sind mit dem Bus durch die Oberstadt gefahren und es waren so viele Menschen gekommen, dass man den Boden nicht mehr sehen konnte“, erinnert sich Kuhn an den 12. September 1973. Eine aufregende Zeit für alle, die beim „Spiel ohne Grenzen“ involviert waren. Für Karl-Heinz Kuhn eine Erinnerung, die sich in sein Gedächtnis eingebrannt hat. Nochmals schaut er auf die Schwarzweiß-Fotos und sagt: „Es gibt Sachen im Leben, für die muss man bezahlen, aber das, was wir da erlebt haben – diese Erfahrung konnte man nicht kaufen. Das war einfach nur toll.“

von Dennis Siepmann

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