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„Jetzt kriegen wir hier Basarstimmung“

Prozess „Jetzt kriegen wir hier Basarstimmung“

Weil sie eine Fußgängerin mit dem Fahrrad anfuhr und angeblich leicht verletzte musste sich eine ehemalige Marburgerin vor dem Strafgericht ­verantworten. Sie erhielt eine Geldauflage in Höhe von 500 Euro.

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Ein Radler fährt durch eine Fußgängerzone. Eine Marburger Radfahrerin musste sich vor Gericht verantworten, weil sie eine Fußgängerin angefahren hatte.

Quelle: Archiv

Marburg. Fahrlässige Körperverletzung und Fahrerflucht warf die Staatsanwaltschaft der Beschuldigten vor. Nach ausgiebiger Verhandlung über die ­Höhe einer Geldauflage stellte das Gericht das Verfahren vorläufig ein.

Mitte Dezember vergangenen Jahres befand sich die Radfahrerin an der Ecke Biegen­straße und Johannes-Müller-Straße. Beim Abbiegen auf dem engen Bürgersteig rammte sie mit ihrem Fahrradanhänger gegen ­eine Fußgängerin. Die Geschädigte wurde dabei zu Boden gerissen, zog sich Abschürfungen und eine Kopfprellung zu, so die Anklage. Ohne ein Wort verließ die Fahrerin umgehend den Unfallort.

Gegen den Strafbefehl legte die Beschuldigte Einspruch ein. Der Grund: „Aus meiner Sicht ist kein Unfall geschehen“, erklärte die 36-Jährige während der Verhandlung vor dem Amtsgericht.

Die Passantin sei in der engen Kurve viel eher unbedacht in sie „hineingelaufen“, stieß leicht gegen den Anhänger und entschuldigte sich noch bei ihr. Weder sei die Frau auf den Boden noch auf das Gefährt gefallen, „es ist nichts passiert“, schätzte die Angeklagte die Situation ein. In dem Anhänger saß zudem ihre kleine Tochter auf dem Weg zum Kindergarten. Sie sei eine erfahrene Radfahrerin und alleine schon wegen ihres Kindes sicherlich nicht rigoros um die Ecke gebogen, teilte die Mutter mit.

Dies sah die angefahrene Studentin anders und zeigte die Frau an. Vor Gericht konnte sie nicht erscheinen, gegenüber der Polizei gab sie an, durch die Kollision zu Boden gerissen worden zu sein.

Die Beschuldigte habe nur kurz nach hinten geschaut und sei wortlos weitergefahren - „ohne anzuhalten, ohne Reaktion“, hatte die Zeugin mitgeteilt, bestätigte ein Polizist vor Gericht.

Angeklagte sagt, es sei unverschämt, sie anzuzeigen

Die Angeklagte beschwerte sich während ihrer polizeilichen Vernehmung über die Vorwürfe - es sei „eine Unverschämtheit, sie anzuzeigen“ - und vermutete scheinbar die Aussicht auf Schmerzensgeld als Hintergrund, so der Polizist weiter.

Schon im Vorfeld der Verhandlung hatte die Frau eine außergerichtliche Einigung abgelehnt. Im Zuge des vereinfachten Strafbefehlverfahrens hatte die Staatsanwaltschaft bereits angeboten, die Angelegenheit gegen eine Auflage von 600 Euro einzustellen.

Diese Summe halte die Gegenseite für „überzogen“, erklärte Verteidiger Carsten Dalkowski den Einspruch. Weder sei eine mögliche Unfallflucht bislang bewiesen, noch halte die Verteidigung das Angebot für fair.

Die Geschädigte sei unbedacht in seine Mandantin hineingelaufen, eine Zusage käme einem Schuldeingeständnis gleich: „Das hat so einen richtig miesen Beigeschmack“, erklärte der Verteidiger und schlug wiederum 300 Euro als Geldauflage vor.

Damit zeigte sich Amtsanwältin Tina Grün nicht einverstanden. Auch wenn beide Versionen der Beteiligten nicht vollends bestätigt seien, „eine Pflichtwidrigkeit hat die Angeklagte begangen“, betonte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, zeigte sich jedoch auch mit 500 Euro einverstanden.

„Jetzt kriegen wir hier Basarstimmung“, beendete der Vorsitzende Richter Cai Adrian Boesken schließlich die Diskussion über die Summe.

Die Forderung der Anklage betrachtete das Gericht ebenfalls als äußerst angemessen, „das ist schon der leichteste Fall“, und angesichts der wirtschaft­lichen Verhältnisse der Angeklagten „völlig in Ordnung“, betonte Boesken.

Die Beteiligten einigten sich schließlich auf eine vorläufige Einstellung des Verfahrens. Als Auflage hat die Frau 500 Euro zur Förderung einer Grundschule zu zahlen.

von Ina Tannert

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