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„Jedes Problem birgt auch Chancen“

Kirche im Umbruch „Jedes Problem birgt auch Chancen“

„Ich suche das Pfarramt Unteres Lahntal 1“. „Wo soll das denn sein?“ - „In Weimar.“ „In Weimar?, nee, da sind Sie bestimmt falsch.“ Nun, das ist nicht richtig. Das Pfarramt Unteres Lahntal 1 liegt tatsächlich in Weimar.

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Mittlerweile sind erste Spar-Auswirkungen für die Kirchenmitglieder aber auch Touristen zu spüren. Der Blick in die Elisabethkirche bleibt montags verwehrt.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Also, das Pfarramt Unteres Lahntal 1 hat seinen Sitz in Niederwalgern, das Pfarramt Unteres Lahntal 2 in Fronhausen und das Pfarramt Unteres Lahntal 3 in Roth. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Will man sich als Außenstehender beispielsweise einen Überblick über das Angebot des Pfarramts 3 beschaffen, muss man mitunter in zwei verschiedene Gemeinde-Mitteilungsblätter schauen.

In das der politischen Gemeinde Weimar/Lahn und in das der politischen Gemeinde Fronhausen. „Dass Kirchengemeinden und politische Gemeinden nicht deckungsgleich sind, ist nichts Außergewöhnliches, doch es kann jetzt vermehrt vorkommen“, sagt Dekan Burkhard zur Nieden. Und in den drei genannten Pfarrämtern läuft ein für den ländlichen Raum neuer Modellversuch. Hintergrund ist der, dass einer Pfarrstelle eine bestimmte Anzahl an Gemeindemitgliedern zugeordnet werden muss und dies in den bisherigen Strukturen aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr möglich ist. „Natürlich spielen da Kirchenaustritte eine Rolle. Aber auch die Zahl der Sterbefälle, die in der Regel höher ist als die Geburtenrate. Obwohl fast alle Kinder aus evangelischen Familien auch getauft werden, stehen 7000 Taufen 11000 Beerdigungen gegenüber. Die Kirche bekommt die demografische Veränderung wesentlich schneller und stärker zu spüren als andere Einrichtungen“, sagt zur Nieden.

Seit der Amtseinführung von Pfarrer Jobst Duwe in Hassenhausen mit Wirkung zum 1. Juni läuft das Projekt richtig an. Duwe ist von Hause aus der Pfarrer der Kirchengemeinde Roth. Zusammen mit seinen Kollegen Pfarrer Martin Drusel in Niederwalgern und Pfarrer Manfred Meister in Fronhausen schultert er nun einen Bezirk, der früher von vier Pfarrern abgedeckt wurde. Die existierenden vier Kirchenvorstände bleiben erhalten. Zu Drusels Seelsorgebezirk gehört jetzt auch Sichertshausen, Meister widmet sich den Argensteinern und Duwe hat neben Hassenhausen auch Bellnhausen zu betreuen.

Was nun bei erster Draufsicht wie wild durcheinander gemixt aussieht, wird von den Pfarrern wieder entflochten und zu einem durchaus durchschaubaren Konstrukt geformt. „Es ist ja nicht so, dass die neuen Formen absolutes Neuland für uns wären“, sagt Pfarrer Martin Drusel. Als Beispiele nennt er gemeinsam ausgerichtete Konfirmanden-Freizeiten oder den Gottesdienst für Schulanfänger, den sie bereits seit sechs Jahren in Fronhausen unter wechselnder Besetzung gemeinsam feiern. Wenigstes einmal im Jahr wollen die drei Pfarrer, die sich auch gegenseitig helfen, einen gemeinsamen Gottesdienst für alle Kirchenmitglieder feiern, jeweils in einer anderen Kirche. „Das klassische Bild unserer Kirchengemeinden ist aufgebrochen, keine Frage. Aber wir Pfarrer sind entschlossen und guten Willens es im Sinne der Gemeindemitglieder gut werden zu lassen. Wir stehen noch ganz am Anfang unsere neu strukturierten Arbeit und werden noch sehen, was für Möglichkeiten sich bieten werden“, so Drusel.

Darauf baut auch Dekan zur Nieden. Er gibt zu, dass das neue Konstrukt sicher nicht einfach und gewöhnungsbedürftig ist, doch als positiv denkener Mensch will er auch positive Ansätze darin erkennen und nutzbar machen. „Jedes Problem beziehungsweise jede Veränderung birgt auch Chancen, etwas Gutes zu schaffen.“ Im Kirchenkreis Marburg ist derzeit viel im Fluss. „Wir müssen erheblich sparen“, sagt zur Nieden relativ unspektakulär, doch dann sagt er: „Wir geben noch eine halbe Million Euro mehr aus, als wir einnehmen. Das kann natürlich nicht so bleiben.“ Das Schreckgespenst der Insolvenz vor der Kirchentür lässt sich nicht leugnen.

Entsprechend werden beziehungsweise sind schon einige Prozesse zur Gegensteuerung in Gang gesetzt worden.

Da gibt es die ärgerlichen Auswirkungen wie etwa die Schließung der Elisabethkirche an den Montagen, es gibt aber auch persönlich schwierige Entscheidungen, wenn es eben um die Kürzung beim Personal geht.So kommen aber auch solche Konstrukte zustande, wie es die eingangs genannten drei Pfarrer derzeit erleben. „Und wir erleben viele Menschen, die die Notwendigkeit einsehen und sich darauf einlassen. Wir müssen auf Arbeitsfelder, die richtig gut sind, verzichten und geben dennoch nicht auf, erfahren sehr viel Solidarität“, so der Dekan. Es gehe schließlich auch darum diverse Leistungen ohne Verlust zu erhalten, wie etwa die gute Betreuung und Arbeit in den evangelischen Kindertagesstätten. Der Dekan abschließend: „Wir müssen jetzt eine kräftige Stufe runtergehen, und werden auch weiter reagieren müssen, doch sicher nicht mehr in diesem Tempo.“

von Götz Schaub

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