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"Jedes Kind war eine Bereicherung"

Tagesmutter "Jedes Kind war eine Bereicherung"

Die 71-jährige Marburgerin Monika Theus blickt im OP-Gespräch auf ihre Zeit als Tagesmutter zurück.

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Monika Theus hat viele Geschichten zu erzählen – am liebsten mithilfe ihrer vielen gesammelten Bilder.

Quelle: Philipp Lauer

Marburg. „Einmal gab es Maultaschen, damit konnte einer der Jungs nichts anfangen und fing schrecklich an zu weinen. Er fragte mich, von welchem Tier denn das Maul sei“, erzählt Monika Theus eine der zahlreichen Anekdoten aus ihrer Zeit als Tagesmutter. „Da haben wir das Essen erstmal verschoben und das Bastelzeug ausgepackt. Dann haben wir Teig und Füllung der Maultaschen aus Papier gebastelt, um die Zutaten zu lernen. Dann haben sie auch ihm geschmeckt.“ Solche kreativen Kniffe lernte die Marburgerin in 41 Jahren in ihrem Traumberuf als Tagesmutter.

Es waren Erzählungen ihrer Mutter, die in Monika Theus den Wunsch weckten, einmal selbst viele Kinder zu haben. Die Mutter der mittlerweile 71-Jährigen hatte neun Geschwister und fühlte sich in der großen Familie sehr wohl. „Nach der Geburt meiner zweiten Tochter wurde mir klar, dass ich mir etwas anderes einfallen lassen muss, um so viele Kinder um mich zu haben“, gibt Theus lächelnd zu.

Zunächst arbeitete sie als Aushilfskraft in den Kindergärten in Cappel, Cölbe und Michelbach. Als ihre älteste eigene Tochter drei Jahre alt wurde, ergriff sie dann den Beruf der Tagesmutter. Von diesem Zeitpunkt an kümmerte sich Monika Theus zusätzlich zu den eigenen auch immer um drei bis fünf andere Kinder.

„Irgendwann kennt man die halbe Stadt“

Auf die Frage, wie viele Kinder sie denn im Laufe der 41 Jahre mit groß gezogen habe, antwortet sie mit einem Lachen: „Irgendwann kennt man die halbe Stadt und hat den Überblick verloren.“ Eine genaue Zahl kann sie deshalb nicht nennen, es müssen wohl an die 80 Kinder gewesen sein, überschlägt sie grob.

„Und von diesen war nicht eines wie das andere. Es waren viele unterschiedliche Charaktere dabei, jedes Kind hatte seinen ganz eigenen fantastischen Eigenschaften“, gerät Theus in Schwärmen. „Jedes Kind war eine Bereicherung. Wir haben immer viel gebastelt und waren in der Natur unterwegs. Das kam einer kleinen Umwelterforscherin sehr zugute, andere mochten den Matsch und die Spinnen nicht so gerne.“

Das jüngste Tageskind war erst neun Monate alt, als er zu ihr kam. In der Regel besuchten die Kinder Monika Theus dann bis zum Alter von vier bis fünf Jahren, je nach individuellem Bedarf auch etwas länger.

„So richtig spannend wird es ab drei Jahren, dann geht es rund“, berichtet Monika Theus, bevor sie wieder von besagtem Jungen erzählt, der schon mit neun Monaten zu ihr kam. Er entwickelte eine ganz besondere Bindung zur Tagesmutter. Als er mit seiner Familie nach Frankreich zog, vermisste er sie so sehr, dass er sogar sein Sparschwein schlachtete. Mit dem Geld sollte das kaputte Auto der Familie Theus für eine Fahrt nach Frankreich repariert werden. Dazu kam es zwar nicht, aber der Kontakt blieb telefonisch erhalten – das eine oder andere Mal konnte Monika Theus das schreiende Kind am Hörer beruhigen.

Ein anderes weggezogenes Tageskind brachte das Studium zurück nach Marburg und zu Monika Theus. „Sie stand eines Tages hungrig vor meiner Tür, natürlich bleibt die da nicht verschlossen. Das Essen hat meinen Kindern eigentlich immer geschmeckt. Da ging dann auch vieles was daheim nicht angerührt wurde.“ Sie lege Wert auf abwechslungsreiche und gesunde Essenspläne, die aber auch gerne mit den Kindern gemeinsam abgestimmt werden.

Spezielle Bindung zu den Kindern hält ein Leben lang

Bei den Geschichten, die Monika Theus aus ihrem Berufsleben erzählt, wird deutlich: Zwischen der Tagesmutter und den betreuten Kindern kann eine ganz besondere Bindung entstehen. Und zwischen den einzelnen Tageskindern nicht selten tiefe Freundschaften. Das habe auch mit der kleinen Gruppengröße zu tun, erklärt Monika Theus. Diese ermögliche es auch, auf die speziellen Bedürfnisse jedes Einzelnen einzugehen.

Es habe sich mit der Zeit Vieles gewandelt. Als sie anfing, dauerte es eine Weile bis zum ersten Kontakt mit dem Jugendamt. An dem führe heute kein Weg mehr vorbei, so Theus: „Es wurde alles viel professioneller. Außerdem hat sich seitdem viel getan, was die Standards und das Wissen über die Entwicklung der Kinder angeht. Mittlerweile muss man jährlich 20 Unterichtsstunden Fortbildung machen. Und es gibt eine Vertretungsgruppe, in die Kinder gehen können, wenn die Tagesmutter mal krank ist.“ An deren Aufbau war auch der Tagesmütterverein beteiligt.

Die Mitglieder halten und arbeiten zusammen, erzählt Theus: „Manchmal werden auch gemeinsame Ausflüge mit den Kindern gemacht, oder man geht regelmäßig zusammen Turnen oder in den Wald spazieren.“ Mit den Jahren ist die Tagesmutter in verschiedene Rollen hereingewachsen. „Man bekommt viel mit, und muss sich auch mal um die Eltern kümmern und Seelsorger sein“, berichtet Theus.
Natürlich sei auch oft Beratung in Erziehungssachen gefragt: „Ich habe aber auch viel von den Eltern gelernt“, schmunzelt sie und fährt fort: „Mein Beruf war eine große Bereicherung für mich und meine Familie.

von Philipp Lauer

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