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Jederzeit bereit für die Flucht

Notfall Jederzeit bereit für die Flucht

Wenn es brennt, muss es schnell gehen. Dann bleibt keine Zeit zum Packen. Aus dem Gebäude gerettet wird nur das Wichtigste, was man tragen kann. Aber was ist eigentlich wichtig?

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Marburg. Der Brand in einem elfgeschossigen Wohnhaus am Marburger Richtsberg hat es gezeigt: Ein Notfall kommt unerwartet, mitten in der Nacht und wenn keiner damit rechnet. So traf es Konrad Draude. Der 21-jährige Student musste seine Wohnung im siebten Stock Hals über Kopf verlassen, als die Feuerwehr das Gebäude wegen eines Kellerbrandes innerhalb von Minuten evakuierte.

Mitgenommen hat Draude im ersten Schock nichts außer seinem Handy. „Meine Freundin und ich haben uns noch schnell andere Kleidung angezogen und jeder ein Handtuch nass gemacht und vor Mund und Nase gehalten, dann sind wir aus dem Haus geflüchtet“, berichtet der Student. Nicht einmal sein Portemonnaie hat er mitgenommen.

Erst zwei Tage nach dem Brand durften die Bewohner des Hauses am Richtsberg in ihre Wohnungen zurückkehren - für 30 Minuten und unter Aufsicht der Feuerwehr. Nicht viel Zeit, um Hab und Gut zu retten. Nur das Wichtigste und Nötigste wird eingepackt. Für Draude sind das: ein Ordner mit wichtigen Dokumenten, Uni-Unterlagen und Taschen mit Kleidung.

„Alles rausgeschafft, was man tragen kann“

„Wir haben das Wichtigste zusammengepackt und rausgeschafft, was man mit zwei Händen tragen kann“, erinnert sich der 21-Jährige.

Aber was ist denn in solchen Momenten wirklich wichtig? Und wie sollten wichtige Dokumente aufbewahrt werden? Der Marburger Rechtsanwalt Manfred Kuhne weiß Rat: „Wichtige Dokumente sind alle diejenigen Unterlagen, deren Wiederbeschaffung Zeit und Geld kostet“, sagt er. Dazu zählt er amtliche Dokumente wie Personalausweis, Reisepass, Führerschein, Stammbuch und Kreditkarten sowie Versicherungsunterlagen.

„Noch wichtiger sind allerdings die Sachen, die man nicht wiederbekommen kann“, so Kuhne. Das sind vor allem privatschriftliche Dokumente - also Schriftstücke, die man selbst aufgesetzt hat und die nirgendwo anders hinterlegt sind. „Das können beispielsweise ein privatschriftliches Testament, eine Patientenverfügung oder privatschriftliche Darlehensverträge sein“, erklärt der Rechtsexperte. Auch GbR-Gesellschaftsverträge könnten ohne Rechtsanwalt oder Notar - also privatschriftlich - aufgesetzt und so in rechtsgültiger Form festgehalten werden. „Oft gibt es dann keine Kopie, und wenn die Schriftstücke verloren gehen, sind sie für immer verloren“, so Kuhne.

Bankschließfach für wichtige Dokumente

Solche und andere persönlich für wichtig erachtete Schriftstücke sollten deshalb nach Angaben des Marburger Anwaltes am besten gar nicht zu Hause aufbewahrt werden, sondern in einem Bankschließfach. „Da liegen sie sicher und es kann ihnen nichts passieren“, betont Kuhne.

Auch bei Versicherungsunterlagen schade es nicht, sie sicher zu deponieren. „Man kann die Versicherungsscheine zwar von der Versicherung erneut bekommen, wenn sie verloren sind. Dafür muss man aber auch genau wissen, welche Versicherung man wo abgeschlossen hat“, erklärt der Marburger Rechtsanwalt.

Wer seine Dokumente dennoch zu Hause aufbewahren will, der sollte sie in einer Art Notfallordner sammeln und abheften - zumindest all jene, die man nicht in der Handtasche oder dem Geldbeutel sowieso bei sich trägt. Dieser Ordner sollte am besten an einer schnell und einfach zugänglichen Stelle im Haus deponiert werden.

„Dann muss man in Notfällen nur noch den Nerv haben, an den Ordner zu denken oder kann ihn, falls man zu einem späteren Zeitpunkt nur noch kurz in das Haus oder die Wohnung zurückkehren darf, wie es am Richtsberg der Fall war, zügig einpacken“, erklärt Kuhne.

Nach Anmeldung darf Gebäude betreten werden

Dass Draude und seine Freundin quasi einen „Notfallordner“ mit allen wichtigen Dokumenten angelegt hatten, war Zufall: „Wir haben eben unsere Arbeitsverträge, den Mietvertrag und so weiter zusammen abgeheftet, damit es ordentlich aufbewahrt ist“, berichtet der Student. Das sei ihr Glück gewesen, „so mussten wir nicht lange alles zusammensuchen“.

Mittlerweile leben Draude und seine Freundin auf dem ­Marburger Campingplatz. „Ein Notquartier haben wir ­abgelehnt. Wir wollten den ­Familien mit Kindern keine Wohnung wegnehmen“, ­erklärt der ­21-Jährige. Ihre ­eigene Wohnung im brandgeschädigten Haus am Richtsberg dürfen sie - wie auch die anderen Hausbewohner - nach Anmeldung beim Hausmeister und mit Atemmaske tagsüber jederzeit betreten.

„Wir haben nach und nach noch mehr Sachen ­abgeholt, die wir brauchten und die keinen größeren Schaden genommen haben“, erklärt der Student. Ob und wann das Gebäude wieder bewohnbar sein wird, steht ­derzeit noch nicht fest.

von Katharina Kaufmann

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Von Redakteur Katharina Kaufmann

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