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"Jeder will eine Zukunft haben"

Flüchtlingshilfe "Jeder will eine Zukunft haben"

Bei einem Besuch des Grünen Politikers Omid Nouripour in der Asylbegleitung Mittelhessen kam es zu anregenden Gesprächen zwischen Flüchtlingen, Politikern und Vereinsmitgliedern.

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Omid Nouripour (Mitte), außenpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, im Gespräch mit den Asylbewerbern Abdullatif Nabwa (links) und Mohammad Altaweel.

Quelle: Ruth Korte

Marburg. „Mein Name ist Mohammad Altwaeel. Ich komme aus Homs in Syrien, die Stadt, die vom Regime Assads zerstört wurde.“ In der Alten Mensa, in der sich heute Abend etwa 20 Menschen eingefunden haben, ist es jetzt ganz still. Was mag es bedeuten, wenn die Stadt, in der man aufgewachsen ist, an die man so viele Erinnerungen hat und wo Freunde und Familie leben, in Trümmern liegt? Was bedeutet es, in eine ungewisse Zukunft zu fliehen? Was bedeutet es, Flüchtling in einem fremden Land zu sein?

Um diese und andere Fragen ging es am Donnerstagabend bei einem Besuch des Grünen-Politikers Omid Nouripour bei der Asylbegleitung Mittelhessen. Der Verein, dem rund 80 Mitglieder angehören, unterstützt seit Januar vergangenen Jahres Asylsuchende in Mittelhessen auf vielfältige Art und Weise (siehe Hintergrund). „Im Moment betreuen wir überwiegend alleinstehende Männer“, berichtet Vorstandsvorsitzende Alexandra Obermüller (24) (kleines Foto, rechts). Viele von ihnen haben Frauen und Kinder zurückgelassen, die sie nun zu sich holen möchten.

„Der Familienzuzug ist momentan ein großes Thema. Er gestaltet sich jedoch sehr schwierig“, sagt Obermüller. Das Problem: Um ihre Familie nach Deutschland zu holen, müssen die Flüchtlinge in der deutschen Botschaft eine Einreiseerlaubnis für Deutschland beantragen. Häufig fehlen aber die dafür notwendigen Dokumente. Sind sie vorhanden, dauert die Bearbeitung der Anträge lange. „Im Moment betreue ich einen Mann aus dem Libanon, der erst im April 2016 einen Termin in der Botschaft hat“, erzählt   Benjamin Edinger (30) (kleines Foto, links), Zweiter Vorsitzender des Vereins. In Marburg ist es zudem fast unmöglich, eine Wohnung zu finden“, ergänzt Obermüller und erzählt von einem Flüchtling, dem bei der Wohnungssuche 20 Absagen erteilt wurden. „Eine WG antwortete, dass Deutschland an den ganzen Flüchtlingen noch zugrunde gehen würde“, berichtet Alexa Pfeil, die im Verein für die Wohnraumvermittlung zuständig ist. Die meisten Studenten stehen den Flüchtlingen jedoch wohlwollend gegenüber. „In den vergangenen drei Monaten haben wir viele Anfragen bekommen“, so Pfeil.  

„Eben ein ganz normales Leben führen“

„Ich weiß, die Frage klingt komisch, aber: Ist Ihnen langweilig?“, fragt Omid Nouripour die fünf jungen Männer, nachdem ihre Wartesituation erläutert wurde. „Wenn man aus dem Krieg kommt und auf der Flucht war und die Dinge gesehen hat, die wir gesehen haben, dann kann man kein ruhiges Leben mehr führen. Man ist permanent mit den Gedanken vor Ort.

Damit ist man beschäftigt“, erklärt Bassam, der mit seinem jüngeren, 18-jährigen Bruder Bawer vor einigen Monaten aus Syrien geflohen ist. „Jeder will eine Zukunft haben. Du willst etwas erreichen für deine Familie und für dich. Du willst eine Ausbildung, ein Studium oder einfach nur einen Job, eben ein ganz normales Leben führen. Aber das geht nicht.“ Neben dem Wunsch, ein möglichst normales Leben zu führen und vielleicht irgendwann ins Heimatland zurückkehren zu könnten, betonen viele den Wunsch, dass etwas in den Konfliktregionen getan werden müsse. „Es kommen viel zu viele Flüchtlinge nach Deutschland und es werden immer mehr, wenn nicht vor Ort eingegriffen wird. Was kann Deutschland in Syrien machen?“, fragt etwa Altaweel.

„Ich weiß nicht, was man in einer Situation tun kann, in der Menschen für ihre Freiheit aufstehen und dann niedergebombt werden“, antwortet der außenpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag. „Syrien ist das Opfer von ganz vielen anderen Kriegen. Wir können weiterhin Druck machen auf die Türkei, die den Krieg gegen die Kurden wichtiger hält als den gegen die IS. Aber so lange wir keine Lösung haben, müssen wir weiterhin den Menschen helfen, die zu uns fliehen.“ Doch das scheint dem jungen Syrer nicht zu reichen. „Wir wollen diese Fassbomben nicht mehr auf Aleppo, wir wollen uns nur ein bisschen sicherer fühlen. Nur das“, sagt er.

von Ruth Korte

  • Hintergrund: Die Asylbegleitung Mittelhessen wurde im Januar 2014 von Studenten gegründet. Der Verein unterstützt ehrenamtlich Menschen, die Zuflucht in Deutschland suchen und in Mittelhessen leben. Er bietet unter anderem Deutschunterricht  und Kurse zur Alphabetisierung sowie Begleitung zu Ärzten und Behörden, Hilfe bei der Suche nach privatem Wohnraum aber auch Unterstützung im Alltag an.Informationen zum gesamten Hilfsangebot und Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie auf www.asylbegleitung-mittelhessen.de
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