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Jeder vierte Jugendliche verletzt sich selbst

Psychiater Michael Haberhausen Jeder vierte Jugendliche verletzt sich selbst

Michael Haberhausen, der stellvertretende Direktor der Marburger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, erklärt, was es mit dem Druck auf sich hat, wegen dem sich Sarah regelmäßig die Arme aufritzt.

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Michael Haberhausen ist stellvertretender Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKGM in Marburg.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. OP: Was ist dieser Druck, den Sarah verspürt?
Michael Haberhausen: Eine erstaunliche hohe Zahl von Jugendlichen schneidet sich, um unangenehme Gefühlszustände zu unterbrechen und erlebt das als kurzfristig entlastend. Bei den meisten verliert sich selbstverletzendes Verhalten während des Erwachsenwerdens. Ein Teil leidet aber unter starker emotionaler Erregung und kann diese nicht regulieren. Dies drückt sich in einer erhöhten inneren Anspannung und starken Wechseln des Anspannungsniveaus aus. Einschießende intensive unangenehme Anspannung und Selbstverletzungen sind auch wichtige Symptome einer Borderline-Störung.

OP: Besteht die Gefahr, dass sie sich immer tiefer ritzt, um sich damit das Leben zu nehmen?
Haberhausen: Selbstverletzendes Verhalten ist nicht gleichbedeutend mit einem Suizidversuch. Andererseits ist bei psychisch belasteten suizidalen Jugendlichen häufig auch selbstverletzendes Verhalten zu finden. Die Mehrzahl selbstverletzender Handlungen ist jedoch nicht suizidal begründet. Oder anders gesagt: Beim selbstverletzenden Verhalten fehlt die Absicht, durch die Handlung zu sterben.

OP: Was hat das mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung zu tun?
Haberhausen: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine schwerwiegende Störung der Regulation von Emotionen und Impulsen. Außerdem bestehen oft tiefgreifende Störungen des Selbstbildes und in der zwischenmenschlichen Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Das vorherrschende Symptom sind einschießende Zustände von intensiver emotionaler Erregung. Problematische Verhaltensmuster wie Selbstverletzung, Hochrisikoverhalten oder Ess- oder Brechattacken setzen Betroffene mit der Absicht ein, diese heftigen unangenehmen Emotionen zu lindern. Bei 85 % von ihnen besteht selbstschädigendes Verhalten, wie Schneiden, Schlagen, Verbrennen oder Verbrühen. Ein Drittel berichtet von Selbstverletzungen bereits im Grundschulalter. Es bedarf einer sorgfältigen Diagnostik zur Unterscheidung von Jugendlichen in Pubertätskrisen von solchen, deren Symptomatik eine Persönlichkeitsstörung im Frühstadium vermuten lässt.

OP: Ist das selbstverletzende Verhalten unter Jugendlichen ein häufiges Phänomen?
Haberhausen: Ungefähr ein Viertel der Jugendlichen hat sich schon einmal vorsätzlich selbst verletzt. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass etwa 4 % der Jugendlichen sich innerhalb des letzten Jahres mindestens fünfmal selbst verletzt haben. Mädchen sind deutlich häufiger betroffen. Dieses Jahr haben wir eine eigene Untersuchung in Kooperation mit Marburger Schulen durchgeführt und die gleichen Häufigkeiten gefunden.

OP: Was machen andere Jugendliche in Situationen, in denen Sarah sich ritzt?
Haberhausen: Nun, andere Jugendliche kennen diese beschriebene extrem unangenehme Anspannung gar nicht. Sie haben bessere Fähigkeiten zur Emotionsregulation und sind in gewisser Weise stressresistenter. Sie halten zum Beispiel zwischenmenschliche Konflikte besser aus. In emotionalen Krisen oder bei starkem Stress helfen anderen Jugendlichen häufig laute Musik, intensiver Sport oder soziale Kontakte, ein Gefühlschaos in den Griff zu bekommen.

OP: Wie sieht die Therapie für Menschen aus, die sich selbst verletzen?
Haberhausen: Mehrere Psychotherapieverfahren sind wirksam. Die Dialektisch-Behaviorale Therapie gilt als wissenschaftlich am besten abgesichert. Es gibt auch ein für Jugendliche angepasstes Konzept. Achtsamkeit, Emotionsregulation, zwischenmenschliche Fertigkeiten und Stresstoleranz werden vermittelt und eingeübt. Es geht auch darum, alternative Verhaltensweisen aufzubauen, die auch bei starken Anspannungszuständen statt selbstverletzender Verhaltensweisen angewendet werden können. Außerdem gehören Familiengespräche zum Konzept. Eventuell zusätzlich vorhandene Probleme, wie das Bestehen einer Posttraumatischen Belastungsstörung oder Drogenkonsum müssen berücksichtigt werden. Betroffene oder ihre Eltern können bei einem niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater oder in unserer Klinik klären, ob ein Behandlungsbedarf besteht.
 
Interview: Thomas Strothjohann

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