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"Jeder Einsatz schweißt zusammen"

OP-Porträt "Jeder Einsatz schweißt zusammen"

Lars, Chris und Tobias sind junge Feuerwehrmänner in Marburg. Für sie ist der Freiwilligendienst Hobby, Schule und Sportverein zugleich. Hier lernen sie für’s Leben und dass sie ihr Leben anderen anvertrauen können.

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Die drei freiwilligen Feuerwehrmänner berichten im Gespräch mit der OP von ihrem Hobby.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Wenn das graue, handtellergroße Gerät anfängt zu piepsen, dann muss es schnell gehen. Chris Nacke muss dann nur aus der Haustür raus, 50 Meter über die Straße und rein ins Gerätehaus Ketzerbach. Dort ist die Wache des 2. Zugs der Freiwilligen Feuerwehr Marburg Mitte, wo wir uns heute zum Interview getroffen haben. Lars Lennart Ruttkowski und Tobias Nilges sind auch da. Heute konnten die beiden den Weg zur Wache mal ganz entspannt zurücklegen. In der Notsituation schaffen sie es, wenn es sein muss, in fünf Minuten vom Marktplatz, in dessen Nähe sie wohnen, bis zur Ketzerbach. „Jacke drüber ziehen und raus aus der Tür“,sagt Lars, der den Weg zu Fuß läuft, während Tobias sich mit seinem Fahrrad den Weg durch die Wettergasse in der Fußgängerzone bahnt.

Eile ist wichtig, denn bei den Einsätzen der Feuerwehr kann es auf eine Minute ankommen. In spätestens zehn Minuten muss ein geeignetes Fahrzeug am Ort des Geschehens sein.

Unterschiedlich große Funkschleifen

Lars studiert Medizin und ist häufig auf den Lahnbergen. Dann kann er nicht helfen. Deshalb ist er in der zweiten Funkschleife, die wirklich nur bei größeren Einsätzen alarmiert wird. Was passieren würde, wenn nicht genügend Freiwillige zu einem Einsatz kommen, frage ich die drei: „Dann wird nochmal gefunkt und auch die Freiwilligen Feuerwehren aus den umliegenden Gebieten mit alarmiert“, erklärt Lars.

Das ist, so weit er zurückdenken kann, bisher noch nicht passiert. Mit 16 Jahren ist er in die Freiwillige Feuerwehr eingetreten. Er hatte damals schon den Wunsch, Arzt zu werden, und hoffte neben der Schule auf „Learning by doing“ in Sachen Rettungsdienst. „Das Deutsche Rote Kreuz war mir aber irgendwie zu langweilig. Und weil die Feuerwehr ja auch für die Notfallversorgung zuständig ist, habe ich mir das mal angeschaut.“ Genau wie Lars war auch Tobias der erste aus seiner Familie, der sich für die Feuerwehr interessierte: „Ich habe wirklich ein Hobby gesucht und war immer schon technisch interessiert.“

Leiterwagen, Löschfahrzeuge, Pumpen .

Die Feuerwehr ist auch was für Tüftler. Im Prinzip sei die Feuerwehr einem Sportverein nicht unähnlich, meint Tobias: „In der Jugendfeuerwehr haben wir viele Wettkämpfe und Löschübungen gemacht“, sagt er. Und Lars ergänzt: „Inzwischen ist es so, dass man auch gemeinsam im Ernstfall funktioniert. Nur mit dem Unterschied, dass es nicht nur um Sieg und Niederlage geht, sondern dass man dem Anderen ein Stück weit auch sein Leben anvertraut.“

Das schweißt zusammen. Deshalb wollten Tobias und Lars, als sie zum Studieren nach Marburg kamen, ihr Hobby auch nicht aufgeben und haben sich hier zum Dienst gemeldet. Etwa ein Viertel der Kollegen bei der Freiwilligen Feuerwehr Marburg Mitte seien Studierende.

Mindestens zwei Einsätze pro Woche

Bei Nick war der Weg schon vorgezeichnet. Opa und Vater waren schon in der Freiwilligen Feuerwehr und die Wache direkt im Nachbargebäude seines Wohnhauses. „Ich hatte auch viele Freunde in der Schule, die mir von den Übungsdiensten der Feuerwehr erzählt haben. Und dann bin ich mit 16 auch dazugekommen.“ Mit 17 kann man dann in den Freiwilligen Dienst wechseln und sich für den Ernstfall ausbilden lassen.

Das tat Nick mit großem Herzblut. Er ist in der ersten Funk-Schleife und damit an „mindestens zwei Einsätzen pro Woche beteiligt“. Kleinere Verkehrsunfälle, Ölspur entfernen oder eine Katze retten. Das alles gehört neben Großbränden auch mit dazu. „Ein Drittel aller Einsätze für Ehrenamtliche entpuppen sich später als Fehlalarme“, sagt Lars.

Betrunkene Rambos können sie nicht gebrauchen

Aber jeder Einsatz, egal ob Fehlalarm oder Großbrand, trainiert und schweißt zusammen. Einmal im Jahr müssen die drei beim Leistungstest durch die Rauchkammer robben, um im Ernstfall als Atemschutzträger auch zum Brandherd vorrücken zu können.

„Die Fortbildungen am Wochenende, die Übungen und die ganzen Fehlalarme lohnen sich aber, wenn man dafür den Dank der Menschen und den Zuspruch bei einem Einsatz bekommt“, sagt Tobias und erinnert sich vor allem an den emotionalen Einsatz beim Kellerbrand in dem Hochhaus am Richtsberg vor einigen Monaten, bei dem die drei gespürt haben, dass die Menschen merken, welche Bedeutung die Freiwilligen von der Feuerwehr im Notfall haben. Klar würde bei der Freiwilligen Feuerwehr auch von Zeit zu Zeit mal gefeiert und getrunken, wenn man sich privat trifft: „Aber das letzte, was wir hier auf der Wache und im Einsatz brauchen, sind betrunkene Rambos“, bringt es Tobias auf den Punkt.

von Tim Gabel

Hintergrund
So läuft ein Einsatz der Feuerwehr in Marburg ab: Von montags bis freitags zu Geschäftszeiten ist immer ein Zug der hauptamtlichen Feuerwehr im Einsatz. Die Berufsfeuerwehrleute garantieren, dass innerhalb der Hilfsfrist von 10 Minuten ein geeignetes Einsatzfahrzeug vor Ort ist.
Die unterschiedlichen Züge
der Freiwilligen Feuerwehr haben ihr jeweiliges Einsatzgebiet und werden zusätzlich alarmiert. In den Randzeiten tragen sie die Verantwortung. Die Alarme sind eingeteilt in Schleifen. Wer sich für die „kleine Schleife“ meldet, wird bei jedem Einsatz angepiept. Die größere Schleife wird bei größeren Einsätzen angefunkt.
Service
Jeden Montag in der Zeit von 19 bis 21 Uhr findet der Ausbildungsdienst des Ersten Zugs der Freiwilligen Feuer­wehr zum „reinschnuppern“ in der Hauptfeuerwehrwache am Erlenring statt. Der Übungsdienst des Zweiten Zugs findet jeden Donnerstag ab 19 Uhr im Gerätehaus Ketzerbach, Wilhelm-Roser-Straße 7, statt. Einzige Voraussetzung ist, dass Du/Sie zwischen 17 und 60 Jahren alt bist und Freude daran hast, anderen Menschen zu helfen. Wehrführer Dirk Bamberger ist bei Nachfragen telefonisch unter 0172/6516670 erreichbar.
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